Der heilige “Papst der Familie”

Die Heiligsprechungsfeier wurde in Polen mit Begeisterung aufgenommen

Von Stefan Meetschen

Warschau, Die Tagespost 28. April 2014

Am Sonntag, 10.16 Uhr, war es soweit. Mit der Annahme des formellen Antrags zur Heiligsprechung von Kardinal Angelo Amato durch den Papst stand fest: Johannes Paul II. und Johannes XXIII. sind fortan Heilige und dürfen als solche weltweit verehrt werden. In vielen Städten Polens, der Heimat von Johannes Paul II., wo man sich zum “Public Viewing” mit anschliessender Messfeier versammelt hatte, brandete lauter Applaus mit Begeisterungsrufen auf, die natürlich vor allem dem Landsmann galten – unabhängig davon, dass der erste und bisher einzige slawische Papst schon während seines Pontifikats wie ein Heiliger verehrt wurde.

In Wadowice, dem Geburtsort von Karol Wojty³a, liess man mit der offiziellen Annahme des Antrags Hunderte von gelb-weissen Luftballons in den Himmel steigen. Laute “Vivat”-Rufe erschallten vor der Kirche, in welcher Wojty³a kurz nach seiner Geburt 1920 getauft worden war. Dann stimmte man das Lied “Barka” an, das zu den Lieblingsliedern des neuen Heiligen zählte.

Auch in Krakau, wo Wojty³a bis zu seiner Wahl zum Papst 1978 als Priester, Bischof und Kardinal gewirkt hatte, kannte der Jubel kaum Grenzen. Um die 50 000 Gläubige aus 30 Ländern hatten sich auf dem Gelände des Heiligtums der göttlichen Barmherzigkeit im Stadtteil £agiewniki versammelt, um auf Videoleinwänden die Heiligsprechung ihres Papstes zu verfolgen. Der richtige Ort, denn schon als junger Mann hatte Wojty³a das dort befindliche Kloster oft aufgesucht, um am Grab der von ihm später heiliggesprochenen Schwester Faustyna zu beten. Der Kult der göttlichen Barmherzigkeit, der an diesem Barmherzigkeitssonntag neben der Heiligsprechung im geistlichen Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Kirche stand, kam in £agiewniki also kongenial zum Ereignis in Rom zum Zug. Was man eigentlich auch bei der ZDF-Live-Übertragung von der Heiligsprechung hätte erwähnen können, doch der Polen-Korrespondent des Senders hatte offenbar das Heiligtum Faustynas mit dem noch nicht völlig fertiggestellten Johannes-Paul-II.-Zentrum in Nähe der Anlage verwechselt. Die dort anwesenden “lediglich 4 000 Gläubigen” wertete er als Beleg dafür, dass das Kapitel Johannes Paul II. nun für Polen erledigt sei.

Eine mehr als fragwürdige Einschätzung. Auch in der Hauptstadt des Landes, in Warschau, liessen sich Tausende von Gläubigen trotz schlechten Wetters nicht davon abhalten, entweder auf dem Pi³sudski-Platz im Zentrum der Stadt, wo Johannes Paul II. vor 35 Jahren den Heiligen Geist auf “diese Erde” herabgerufen hatte, zusammenzukommen, um die Übertragung aus Rom zu verfolgen, oder zu dem etwas ausserhalb der Stadt in Wilanów gelegenen Tempel der Göttlichen Vorsehung zu pilgern, um dort einer Dank-Messe zu Ehren des neuen Heiligen beizuwohnen.

Auch in den vielen Pfarreien Polens und unter den Menschen gab es nur ein Thema: Die Heiligsprechung des Papstes, ihres Papstes. Aus diesem Anlass hatten viele Pfarrer bewusst auf die 10, 11 und 12 Uhr-Messen verzichtet, sodass die Gläubigen Gelegenheit hatten, das Ereignis in Rom medial zu verfolgen. Umso voller war der Andrang von Gläubigen in den Pfarreien am Morgen und am Abend. Lange Schlangen bei der Kommunion waren die Folge. In vielen Kirchen fanden dazu Anbetungen und Gebetstreffen statt, um Gott für den neuen polnischen Heiligen zu danken.

Bereits am Samstag hatte es in Warschau und Krakau viele religiös-kulturelle Veranstaltungen gegeben, die allerdings wegen des unerwartet aufziehenden schlechten Wetters buchstäblich ins Wassers fielen. Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender TVP berichtete am Samstag in der Nachrichtensendung eine Stunde lang, also dreimal so lang, wie die Nachrichten gewöhnlich dauern, nur über das Top-Ereignis des Jahres, wobei man vergeblich auf die Erwähnung von Johannes XXIII. oder andere Themen warten konnte. Johannes Paul II. total – dazu Live-Interviews mit Präsident Bronis³aw Komorowski, dem Metropoliten von Krakau, Kardinal Stanis³aw Dziwisz, der am Sonntag 75 Jahre alt wurde und voraussichtlich bis zum Weltjugendtag 2016 im Amt bleibt, Papst-Fotograf Arturo Mari und anderen polnischen Papst-Celebrities.

Am Tag der Heiligsprechung kamen zahlreiche polnische Familien und Kinder zu Wort, die durch die Fürsprache von Johannes Paul II. von einer schweren, wenn nicht sogar tödlichen Krankheit geheilt worden waren. Was nicht nur ein schönes Zeugnis für die reale Wirkkraft des polnischen Papstes im Himmel ist, sondern ein mögliches Patronat von Johannes Paul II. für die Familie bestätigen würde, worüber in Polen schon länger spekuliert wird. Nicht nur wegen seiner wegweisenden Schrift “Familiaris consortio”, sondern auch, weil er selbst als “Papst der Familie” in Erinnerung behalten werden wollte.

Nach der kurzen, aber beachtenswerten Predigt des argentinischen Pontifex’ zur Heiligsprechung, bei welcher ein enger Zusammenhang von Konzil, barmherzigen Päpsten und der in diesem Jahr noch bevorstehenden Familien-Synode skizziert wurde, sind die Spekulationen zum Patronat nun neu geschürt worden. Erzbischof Mieczys³aw Mokrzycki, der eine zeitlang Sekretär von Johannes Paul II. war und heute Metropolit von Lemberg ist, deutete die Franziskus-Worte wie folgt: “Franziskus sucht den Halt bei Johannes Paul II. hinsichtlich der Synode zur Familie, deshalb will er, dass wir zurück zur Tiefe der Lehre der Familie kommen. Wir werden uns darum bemühen, Johannes Paul II. als Vorbild zu nehmen, wenn es darum geht, ein guter Mensch, ein Mensch des Glaubens zu sein.”

Laut des polnischen Umfrage-Instituts CBOS gaben 98 Prozent der Polen an, dass die Heiligsprechung wichtig für sie sei.

Ein neues Kapitel hat begonnen.

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