“Wir sollten realistisch sein, nicht naiv!”

Beängstigende Lage der Christen in Nahost

Erzbischof Louis Sako über den Besuch des Papstes im Libanon und die beängstigende Lage der Christen in Nahost

Die Tagespost, 10. September 2012, von Oliver Maksan

Er vertritt nicht nur die Interessen der chaldäischen Katholiken im Irak, sondern ist seit vielen Jahren ein Anwalt der Menschlichkeit und der Versöhnung in dieser leidgeprüften Region, in der seit den Zeiten der Apostel Christen leben. In diesen Tagen sind bei einer Serie von Anschlägen im Irak mehr als hundert Menschen ums Leben gekommen, wie die irakischen Behörden am Sonntag bestätigten.

Exzellenz, am Freitag wird Papst Benedikt XVI. im Libanon erwartet. Was erhoffen Sie sich von diesem Besuch für den Nahen Osten und seine vielen christlichen Gemeinschaften?

Ich denke, dass uns der Besuch des Papstes geistlich, aber auch gesellschaftlich und politisch sehr unterstützen wird. Seine geistliche Unterweisung ist wichtig, aber die Hauptarbeit liegt an uns. Wir sollten danach streben, die Einheit unserer verschiedenen kleinen Kirchen auf eine effiziente Weise zu stärken. Es ist aber auch notwendig, einen echten Dialog mit unseren moslemischen Brüdern zu entwickeln, der eine harmonische und menschenwürdige Koexistenz voranbringen kann.

Der Heilige Vater wird den orientalischen Christen vor allem sein Apostolisches Schreiben überreichen, das an die Nahostsynode von 2010 anschliesst. Sie waren damals Synodenvater. Welche Früchte hat die Bischofsversammlung bisher getragen?

Bisher noch keine. Das hat auch damit zu tun, dass die politische Situation im Mittleren Osten nicht hilfreich ist. Schauen Sie auf die Vorgänge in Syrien und zuvor im Irak. Es ist unter diesen Umständen schwierig, langfristig zu planen. Die Situation im ganzen Nahen Osten ist schwierig und instabil. Der Aufstieg des politischen Islam ist ein Grund zur Sorge. Wir sind eine Minderheit und es gibt kein Projekt für eine gleichberechtigte Staatsbürgerschaft. Es gibt keine Vision für eine bessere Zukunft. Dabei spricht jeder von Demokratie und Freiheit, aber in Wirklichkeit sieht es anders aus. Konfessionalistisches Denken gewinnt an Boden und die Mehrheit kümmert sich nicht um die Minderheiten. Ich glaube, dass man sich wirklich sorgen muss, dass nicht noch mehr Christen weggehen.

Aber tut die Kirche im Orient Ihrer Meinung nach genug, um diesen Exodus aufzuhalten?

Unsere Hierarchie ist müde geworden. Und es ist traurig, dass wir manchmal so gespalten sind. Aus dem Inneren der Kirchen gibt es keine Dynamik, keinen Mut zu Reformen. Die Frohe Botschaft Jesu Christi sollte dabei helfen, wie man unserem verängstigten Volk Gründe für Hoffnung und Freude geben kann, auch dabei, wie man den Dialog zwischen den Kirchen und besonders mit den Moslems voranbringen kann. Im Moment gibt es aber weder eine wirkliche Vision und Strategie noch konkrete Pläne, um die geschichtlich gewachsene christliche Präsenz im Nahen Osten zu erhalten und zu stärken.

Wie könnten solche Pläne beispielsweise im Hinblick auf den Irak aussehen?

Es ist nicht leicht. Die Christen gehen aus vielen Gründen weg. Sie haben kein Vertrauen in die Zukunft, sie haben Familienmitglieder, die schon im Ausland sind. Zudem lockt der Westen. Wir haben keine Zauberformel, die die Probleme löst. Wir tun unser Bestes, um sie hier zu halten, sie zu verteidigen und zu ermutigen, zu bleiben und zu hoffen. Als Hirte geht es mir schlecht, wenn ich sehe, wie unsere Gläubigen für immer weggehen. Ihr Weggang macht unsere Anwesenheit hier noch verwundbarer.

Manche sagen, dass sich jetzt entscheidet, ob es in fünfzig Jahren noch Christen im Orient geben wird. Halten Sie das für übertrieben?

Ich bin sehr besorgt, was das anlangt. Wenn sich die Dinge so weiterentwickeln wie im Moment, dann wird die Zukunft der Christen hier schlechter sein. Wir sollten realistisch sein und nicht naiv!

ErzbischofSako von Kirkuk zu Besuch im Studentenhaus Allenmoos

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