Dr. Vitus Huonder, Bischof von Chur

Über die Fortsetzung im Priesterseminar in Chur

An alle Bischöfe, Priester und Diakone, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge, kantonalen staatskirchenrechtlichen Exekutiven im Bistum Chur

Sehr geehrte Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst
Sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge
Sehr geehrte Damen und Herren

Nach den vielen Gesprächen und Begegnungen der letzten Wochen und Monate wende ich mich nun an Sie. Es ist mir bewusst, dass für viele  Beteiligte eine längere Zeit der Ungewissheit entstanden ist, bedingt durch die Zeit, welche diverse Gespräche erfordert haben.

Bereits vor diesen Gesprächen, anfangs August 2010, hat Generalvikar Dr. Martin Grichting mir gegenüber erklärt, dass er bereit sei, öffentlich zu erklären, für das Amt des Weihbischofs nicht zur Verfügung zu stehen. Ich bin damals aber mit ihm übereingekommen, kommende Gespräche und Entwicklungen vorerst abzuwarten. Nun, nach Abschluss der Gespräche, hat er mich gebeten, ihn, dem Frieden innerhalb unseres Bistums zuliebe,  nicht länger als Weihbischof vorzuschlagen. Ich verstehe diesen Schritt und bedaure ihn zugleich.

Dr. Grichting hat als Pfarrer zehn Jahre in einem Kirchgemeindevorstand gewirkt, wurde im Jahr 2002 von einer Kirchgemeinde zum Pfarrer gewählt und ist gegenwärtig Mitglied des Parlaments der Landeskirche von Graubünden. Diese Schritte auf das staatskirchenrechtliche System zu, die den Willen zur Zusammenarbeit manifestieren, stiessen jedoch nicht auf konstruktive Antwort. Dieser wenig souveräne Umgang demokratischer Institutionen mit einer kritischen Stimme bedarf keines Kommentars. Umso mehr bin ich dankbar, dass Martin Grichting mir auch weiterhin als weitsichtiger und denkscharfer Generalvikar zur Seite stehen wird.

Es stellt sich nun die Frage, wie es bezüglich Weihbischof weitergehen soll. Mein Wunsch war es immer, mich in Chur, im direkten Kontakt und Gespräch, auf die Mithilfe eines Weihbischofs stützen zu können, ist dieser doch der erste Ratgeber des Diözesanbischofs. Da sich die Dinge nun wie dargestellt entwickelt haben, habe ich Herrn Weihbischof Marian Eleganti angefragt, ob er bereit wäre, nach Chur zu ziehen. Damit ist er einverstanden. Unter diesen Umständen verzichte ich darauf, einen zweiten Weihbischof vom Hl. Vater zu erbitten. Dies entspricht auch verschiedenen Voten, die im Priesterrat vorgetragen wurden.

In den letzten Tagen hat sich nun ergeben, dass Herr Regens Ernst Fuchs sein Amt als Regens des Priesterseminars zur Verfügung gestellt hat. Ich habe seine Demission angenommen und danke ihm für seinen Dienst, den er für unsere Ausbildungsstätte geleistet hat. Um Spekulationen vorzubeugen, möchte ich Ihnen umgehend mitteilen, wie es personell im Priesterseminar weitergeht. Weihbischof Marian Eleganti wird auf Sommer 2011 neuer Regens des Priesterseminars. Dass ein Weihbischof ein Priesterseminar leitet, mag auf den ersten Blick überraschen. Es ist aber kein Einzelfall, wie etwa die Diözese St. Pölten (Österreich) zeigt. Die Ernennung von Weihbischof Marian macht in vielerlei Hinsicht Sinn. So ist ihm das, was ein Regens tut, aufgrund seiner früheren Tätigkeit als Abt gut vertraut. Als Jugendbischof ist ihm das Thema der Berufungen sehr wichtig und er kann es nun noch unter einem neuen Titel thematisieren. Nicht zuletzt setzt ein bischöflicher Leiter des Priesterseminars einen starken Akzent auf das Seminar, das so wichtig ist für die Diözese und die Seelsorge in den Pfarreien und Gemeinschaften. Die Mitglieder des Bischofsrates begrüssen diese Neubesetzung.

Das Kirchenrecht sieht vor, dass ein Weihbischof vom Diözesanbischof zum Bischofsvikar ernannt werden muss. Da die diesbezügliche Ernennung von Weihbischof Marian in Zürich im Sommer 2011 erlischt, werde ich ihn auf diesen Zeitpunkt hin zum Bischofsvikar für die Ordensleute ernennen. Auch hierin wird Weihbischof  Marian auf seinen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen können. Mit Domdekan Msgr.  Walter Niederberger bin ich übereingekommen, dass er Weihbischof Marian vor allem in der ersten Zeit unterstützen wird. Ich möchte es nicht unterlassen, Domdekan Niederberger für die Bereitschaft dazu und für seinen langjährigen und aufopferungsvollen Dienst für die Ordensleute in unserem Bistum ganz herzlich zu danken.

Als Weihbischof und Bischofsvikar verbleibt Weihbischof Marian selbstverständlich Mitglied des Bischofsrates, was aufgrund seiner neuen Aufgabe als Regens zur Folge hat, dass das Priesterseminar dort noch viel direkter präsent ist als bisher. Ich danke ihm herzlich für seine Verfügbarkeit und seinen bedingungslosen Einsatz für unser Bistum.

In dieser neuen personellen Konstellation benötigen Weihbischof Marian und der regionale Generalvikar in Zürich, Dr. Josef Annen, für ihre Tätigkeiten die Unterstützung je eines Mitarbeiters. Ich informiere Sie baldmöglichst, welche Kapazitäten wir hierfür aufbringen können.

Sie alle wissen: Bei der Frage eines zweiten Weihbischofs ging und geht es nicht einfach um eine Personalie. Es geht um die Frage, was Kirche ist. Wo sehen wir uns in der grossen Weltkirche mit Brüdern und Schwestern, die weit härteren Lebensbedingungen ausgesetzt sind als wir? Wohin wollen wir in der Schweiz gemeinsam in dieser Kirche gehen? Wir können alle wählen, welche Medien wir konsumieren und welche Interessen und Hobbys uns treiben. Beides prägt uns. Doch die Kirche und unser katholischer Glaube geben uns Identität und Halt. Und es ist in der Glaubensgemeinschaft nicht anders als in der Liebe und in der Familie: Wahres Glück finden wir nur dann, wenn wir täglich danach streben, eins zu werden im gemeinsamen Denken, Fühlen und Handeln. Ich bin überzeugt, dass wir als Kirche in dieser Situation nur dann bestehen können, wenn wir im Wesentlichen eins sind und in Einheit mit der Universalkirche glauben, leben und handeln. Angesichts der Bedrohungen kirchlicher Einheit und der seit Jahren anschwellenden Zahl der Austritte ist für mich deshalb das Wort “Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht” (Jes 7,9) hochaktuell. “Glauben” meint hier nicht einfach ein religiöses Gefühl. Es meint das Stehen und das Verbleiben in der Identität des Volkes Israel, das unter der Herrschaft Gottes steht. In der Identität des Neuen Volkes Gottes müssen auch wir zu stehen und zu verharren versuchen, wenn wir “bleiben” wollen. Denn sonst droht uns die Zerstreuung in Partikularismen und lokales Brauchtum. Die bald beginnende Fastenzeit möge uns allen Kraft geben, in der einen Identität des neuen Volkes Gottes zu “bleiben” und, wo nötig, umzukehren.

Mit meinem bischöflichen Segen verbinde ich meinen Dank für alles, was Sie für die Einheit und das Wachstum der Kirche in unserer Diözese erbitten, aufopfern und tun.

Vitus Huonder
Bischof von Chur

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