Höflichkeitsbesuch beim Staatspräsidenten

Ansprache von Papst Franziskus

Quelle

Pilgerreise ins Heilige Land aus Anlass des 50. Jahrestags der Begegnung zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras in Jerusalem.

24.-26. Mai 2014

Höflichkeitsbesuch beim Staatspräsidenten Israels

Ansprache von Papst Franziskus
Präsidentenpalast (Jerusalem)
Montag, 26. Mai 2014

Ich danke Ihnen, Herr Präsident, für Ihre Worte und für Ihre Aufnahme.

Und in meiner Vorstellung und Phantasie möchte ich eine neue Seligpreisung erfinden, die ich heute in diesem Moment auf mich beziehe: “Selig, wer in das Haus eines weisen und guten Mannes eintritt.” Und ich fühle mich selig. Ganz herzlichen Dank.

* * *

Herr Präsident,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

ich bin Ihnen, Herr Präsident, dankbar für den mir bereiteten Empfang sowie für Ihre freundlichen und weisen Worte zur Begrüssung und freue mich, Sie noch einmal hier in Jerusalem treffen zu können – in der Stadt, welche die heiligen Stätten beherbergt, die den drei grossen Religionen teuer sind, die den Gott anbeten, der Abraham rief. Die heiligen Stätten sind keine Museen oder Sehenswürdigkeiten für Touristen, sondern Orte, an denen die Gemeinschaften der Gläubigen ihren Glauben, ihre Kultur und ihre wohltätigen Initiativen leben. Darum müssen sie ständig in ihrem sakralen Charakter geschützt werden; so wird nicht nur das Erbe der Vergangenheit bewahrt, sondern auch die Menschen, die sie heute besuchen und in Zukunft besuchen werden. Möge Jerusalem wirklich die Stadt des Friedens sein! Mögen seine Identität und seine sakrale Eigenheit, seine universale religiöse und kulturelle Bedeutung in vollem Glanz erscheinen als Schatz für die ganze Welt! Wie schön ist es, wenn die Pilger und die Bewohner freien Zugang zu den heiligen Stätten haben und an den religiösen Feiern teilnehmen können!

Herr Präsident, Sie sind als Mann des Friedens und als Friedenstifter bekannt. Ich drücke Ihnen meinen Dank und meine Bewunderung für Ihr Verhalten aus. Der Aufbau des Friedens erfordert vor allem die Achtung der Freiheit und der Würde eines jeden Menschen, von dem ja Juden, Christen und Muslime gleichermassen glauben, dass er von Gott erschaffen und für das ewige Leben bestimmt ist. Von diesem Fixpunkt aus, den wir gemeinsam haben, ist es möglich, das Engagement für eine friedliche Lösung der Streitigkeiten und der Konflikte zu ergreifen. In diesem Zusammenhang bringe ich erneut den Wunsch zum Ausdruck, dass allerseits Initiativen und Taten vermieden werden, die dem erklärten Willen, zu einer wirklichen Übereinkunft zu gelangen, widersprechen, und dass man nicht müde wird, den Frieden mit Entschlossenheit und Kohärenz zu verfolgen.

Mit Entschiedenheit muss alles verworfen werden, was sich der Verfolgung des Friedens und eines respektvollen Zusammenlebens von Juden, Christen und Muslimen entgegenstellt: Gewaltanwendung und Terrorismus, jede Art von Diskriminierung aufgrund der Rasse oder der Religion, der Anspruch, den eigenen Gesichtspunkt auf Kosten der Rechte anderer durchzusetzen, Antisemitismus in all seinen möglichen Formen sowie Gewalt oder Äusserungen von Intoleranz gegen jüdische, christliche und muslimische Personen oder Kultstätten.

Im Staat Israel leben und wirken verschiedene christliche Gemeinschaften. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil der Gesellschaft und nehmen vollberechtigt an ihren zivilen, politischen und kulturellen Angelegenheiten teil. Die Christen möchten von ihrer eigenen Identität her ihren Beitrag zum Gemeinwohl und zum Aufbau des Friedens leisten, als vollberechtigte Bürger, die jeden Extremismus zurückweisen und sich dafür einsetzen, Urheber von Versöhnung und Eintracht zu sein.

Ihre Präsenz und die Achtung ihrer Rechte – wie überdies der Rechte jeder anderen religiösen Bekenntnisgemeinschaft und jeder Minderheit – sind die Garantie eines gesunden Pluralismus und der Beweis für die Lebendigkeit der demokratischen Werte und ihrer wirklichen Verwurzelung in der Praxis und in der Konkretheit des Lebens des Staates.

Herr Präsident, Sie wissen, dass ich für Sie bete, und ich weiss, dass Sie für mich beten, und ich versichere Sie meines fortdauernden Gebetes für die Institutionen und für alle Bürger Israels. In besonderer Weise verspreche ich meine beharrliche inständige Bitte an Gott um die Erreichung des Friedens und mit ihm der damit eng verbundenen unschätzbaren Güter wie Sicherheit, ruhige Lebensführung, Wohlstand und – welches das schönste ist – Brüderlichkeit. Schliesslich gehen meine Gedanken zu all denen, die unter den Folgen der im Nahen Osten noch offenen Krisen leiden, dass ihre Qualen baldmöglichst gelindert werden durch die Beilegung der Konflikte in Ehre.

Frieden über Israel und im ganzen Nahen Osten!

Shalom!

© Copyright – Libreria Editrice Vaticana

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Die drei Säulen der röm. kath. Kirche

monstranz maria papst-franziskus

Archiv

Empfehlung

Ausgewählte Artikel