D/Brasilien: Erleichterung nach Lulas Wiederwahl
Das katholische deutsche Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat ist erleichtert über den Wahlausgang in Brasilien. Entgegen den Prognosen holte der amtierende Präsident Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei PT in der Stichwahl vom Sonntag über 50 Prozent
Quelle
Brasilien: Mehr als ein Wahlsieg
Brasilien vor Wahl: Bischöfe rufen zu Schutz der Demokratie auf
Kardinal Czerny würdigt Arbeit von Amazonas-Teams

Damit verwies er seinen rechtskonservativen Herausforderer Flávio Bolsonaro auf den zweiten Platz. Bolsonaro erkannte seine Niederlage allerdings zunächst nicht an. Der Jesuit Martin Meier, Hauptgeschäftsführer von Adveniat, reagiert erleichtert auf den Wahlausgang. „Nach dem ersten Wahlgang sind in Brasilien viele aufgewacht, haben die Gefahren gesehen, haben sich mobilisiert und engagiert“, sagte er im Interview mit Radio Vatikan an diesem Montag.
An der starken Polarisierung der Gesellschaft Brasiliens wird sich allerdings nach Meiers Einschätzung zunächst nichts ändern. In beiden Kammern des Parlaments hätten konservative Parteien die Mehrheit, „von daher wird es für Lula da Silva schwierig sein, sein politisches Projekt auch durch das Parlament zu bringen“. Der Jesuit wörtlich: „Brasilien braucht Versöhnung, Brasilien braucht Dialog. Und dabei wird sicher auch die katholische Kirche eine wichtige Rolle spielen.“
„Ich möchte kein Brasilien, das Hass schürt“
Interview
Wie bewerten Sie und Ihre Projektpartner Lulas überraschenden Wahlsieg?
„Ich habe den Wahlsieg von Lula da Silva mit einer großen Erleichterung aufgenommen, weil das Programm von Flávio Bolsonaro ein Anschlag auf die Demokratie und ein Anschlag auf Rechtsstaatlichkeit war – auch ein Anschlag auf den Schutz der Regenwälder des Amazonas. Unsere Projektpartnerin, Schwester Elis (Alberta Ribeiro) dos Santos aus Manaus, die selber einer indigenen indigenen Bevölkerungsgruppe angehört, hat sich nach dem ersten Wahlgang geäußert und gesagt: ‚Ich möchte kein Brasilien, das Hass schürt.‘ Nach dem ersten Wahlgang sind in Brasilien viele aufgewacht, haben die Gefahren gesehen, haben sich mobilisiert und engagiert.
33 Millionen Menschen hatten sich beim ersten Wahlgang enthalten, sind also nicht zur Wahl gegangen; dabei gibt es in Brasilien eigentlich ein Gesetz, dem zufolge eine Pflicht zur Wahl besteht, wenn auch nicht mehr für Menschen über 70 Jahre und nicht für 16- und 17-Jährige. Und vor allem alte Menschen sind jetzt bei dieser Stichwahl zur Wahl gegangen und haben dazu beigetragen, dass Lula doch klar gewonnen hat.“
Zur Wahl in Brasilien: Radio-Vatikan-Interview mit Pater Martin Meier von Adveniat
„Es geht jetzt darum, Polarisierungen und Gräben zu überwinden“
Im Wahlkampf hat sich die brasilianische Gesellschaft als zutiefst gespalten erwiesen. Wie ließe sich das überwinden?
„Die brasilianische Gesellschaft ist polarisiert: Es gibt massive ideologische und soziale Gegensätze. Brasilien ist kein armes Land, aber es hat viele arme Menschen, viele, die in Armut leben; und Lula da Silva hat in seiner Politik die Armen wieder bevorzugt und dazu beigetragen, dass sie menschenwürdig leben können. Die Polarisierung wird weiterbestehen, sie spiegelt sich auch in der Besetzung von Senat und Kongress. Dort haben konservative Parteien die Mehrheit, und von daher wird es für Lula da Silva schwierig sein, sein politisches Projekt auch durch das Parlament zu bringen. Trotzdem: Brasilien braucht Versöhnung, Brasilien braucht Dialog. Und dabei wird sicher auch die katholische Kirche eine wichtige Rolle spielen. In seiner Ansprache unmittelbar nach dem Feststehen seines Wahlsiegs hat Lula da Silva noch einmal deutlich gemacht Er möchte Präsident für alle Brasilianer und Brasilianerinnen sein. Es geht jetzt darum, Polarisierungen und Gräben zu überwinden.“
„Dutzende von Bischöfen haben sich auch vor der Stichwahl ganz klar für Lula ausgesprochen“
Wie sehen Sie die Rolle der katholischen Kirche und evangelikaler Gemeinschaften in Brasilien angesichts der politischen und sozialen Lage?
„Die evangelikalen Pfingstkirchen in Brasilien haben in den letzten Jahrzehnten großen Zulauf gehabt; man rechnet, dass heute ein Drittel der Brasilianer zu diesen Pfingstkirchen gehört und nur noch etwa 70 Prozent katholisch sind. Trotzdem hat die katholische Kirche in Brasilien nach wie vor ein großes Gewicht. Dutzende von Bischöfen haben sich auch vor der Stichwahl ganz klar für Lula ausgesprochen und deutlich gemacht, dass Bolsonaro den sozialen Zusammenhalt, die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Brasilien bedroht. Von daher hat die katholische Kirche auch jetzt in dieser neuen Situation sicher großes Gewicht und kann einen Beitrag dazu leisten, das Land wieder zusammenzuführen, Gräben und Polarisierung zu überwinden, auf Dialog und nicht auf Spaltung zu setzen – so wie das im Wahlkampf geschehen ist.
Ganz wichtig ist auch die Frage des Schutzes der Regenwälder am Amazonas. Lula da Silva hat in den letzten Jahren die Politik von Bolsonaro umgedreht und zumindest dafür gesorgt, dass weniger abgeholzt wird. Er hat außerdem versprochen, bis 2030 null Abholzungen zu erreichen. Und auch da ist die katholische Kirche, sind die Bischöfe und das Amazonasnetzwerk ganz wichtige Bündnispartner.“
Adveniat ist seit über 60 Jahren das Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland. Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen fördert es Hilfe zur Selbsthilfe und unterstützt Menschen dabei, sich ein sichereres, gesünderes und selbstbestimmteres Leben aufzubauen. Jedes Jahr fördert Adveniat mit mehr als 30 Millionen Euro rund 800 Projekte in 21 Ländern Lateinamerikas und der Karibik.
vatican news – sk, 26. Oktober 2026
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