Was bleibt? Der Fluchtweg der Päpste über den Dächern Roms
Zwischen dem Vatikan und der Engelsburg verläuft ein rund 800 Meter langer Verbindungsgang, der über Jahrhunderte hinweg Schutz und Sicherheit bieten sollte. Der Passetto di Borgo erinnert an Zeiten, in denen selbst Päpste vor Gewalt und politischen Konflikten fliehen mussten. Besonders der Sacco di Roma von 1527 hat sich tief in die Geschichte dieses Ortes eingeschrieben

Quelle
Was bleibt? Der Konstantinbogen zwischen Macht, Glaube und Erinnerung – Vatican News
Viola Olschewski – Vatikanstadt
Wer vom Petersplatz in Richtung Engelsburg spaziert, kommt an einer hohen, unscheinbaren Mauer vorbei. Sie zieht sich durch das römische Viertel Borgo, unterbrochen von Türmen, Durchgängen und alten Mauerabschnitten. Was heute zum vertrauten Stadtbild gehört, erfüllte einst eine lebenswichtige Aufgabe: Hinter den Mauern verbirgt sich der Passetto di Borgo, ein befestigter Verbindungsgang zwischen dem Apostolischen Palast und der Engelsburg.
Über Jahrhunderte bot er den Päpsten die Möglichkeit, sich bei unmittelbarer Gefahr in die nahe gelegene Festung zurückzuziehen, ohne die Straßen Roms betreten zu müssen. Der Passetto erzählt damit nicht nur von mittelalterlicher Baukunst, sondern auch von politischen Machtkämpfen, militärischen Bedrohungen und der Frage, wie sich das Papsttum in unsicheren Zeiten zu schützen versuchte.
Eine Mauer zum Schutz des Papsttums
Die Geschichte des Passetto reicht bis in das frühe Mittelalter zurück. Nachdem Rom im 9. Jahrhundert wiederholt von sarazenischen Angreifern bedroht worden war und 846 auch die Petersbasilika geplündert wurde, ließ Papst Leo IV. zwischen 848 und 852 eine Befestigung rund um das Gebiet des heutigen Vatikans errichten. Die sogenannte Leoninische Mauer sollte die Peterskirche und die angrenzenden Gebäude vor weiteren Angriffen schützen.
Auf Teilen dieser älteren Befestigungsanlagen entstand später jener Verbindungsgang, der heute als Passetto di Borgo bekannt ist. Seine Entstehung wird häufig mit Papst Nikolaus III. (1277-1280) in Verbindung gebracht, der den Vatikan als päpstlichen Residenzort ausbauen ließ. Allerdings ist die genaue Datierung des Ganges in der Forschung nicht unumstritten. Auch spätere Bauphasen, insbesondere unter Bonifaz IX. und Alexander VI., prägten sein heutiges Erscheinungsbild.
Der Passetto war somit kein Bauwerk, das zu einem einzigen Zeitpunkt entstand. Vielmehr entwickelte er sich über mehrere Jahrhunderte hinweg als Teil eines größeren Verteidigungssystems.
Eine Besonderheit seiner Architektur ist die Unterscheidung zwischen zwei Wegen: einem offenen Wehrgang auf der Mauerkrone und einem darunterliegenden, überdachten Korridor. Während der obere Weg einen weiten Blick über das umliegende Stadtgebiet ermöglichte, bot der innenliegende Gang Schutz vor unmittelbarer Beobachtung und Angriffen. Durch die tief in das Mauerwerk eingelassenen Öffnungen konnte die Umgebung eingesehen werden, während Personen im Inneren von außen nur schwer zu erkennen waren.
Diese bauliche Gestaltung erfüllte eine wichtige strategische Funktion. Der erhöhte Wehrgang ermöglichte die Beobachtung und Sicherung des umliegenden Viertels, während der geschützte Korridor einen weitgehend unbemerkten Rückzug zur Engelsburg erlaubte. Der Passetto verband damit die Funktionen einer Verteidigungsanlage mit denen eines gesicherten Fluchtweges und verdeutlicht, welche Bedeutung dem Schutz des Papsttums in Zeiten politischer und militärischer Unsicherheit zukam.
Als Rom zum Schauplatz der Gewalt wurde
Besonders eng verbunden ist die Geschichte des Passetto mit dem 6. Mai 1527. An diesem Tag drangen kaiserliche Truppen unter Karl V. in Rom ein. Die anschließende Plünderung der Stadt ging als Sacco di Roma in die europäische Geschichte ein.
Der Angriff traf Rom in einer Phase tiefgreifender politischer und religiöser Spannungen. Papst Clemens VII. aus der Familie Medici hatte versucht, sich gegen die wachsende Macht Kaiser Karls V. zu behaupten. Die militärische Auseinandersetzung eskalierte schließlich in einem Angriff, der die Stadt schwer verwüstete.
Als die Angreifer in das Gebiet um den Vatikan eindrangen, wurde der Passetto für den Papst zum Fluchtweg. Clemens VII. gelangte über den befestigten Gang in die Engelsburg, wo er zunächst Schutz fand. Die über Jahrhunderte entstandene Verbindung zwischen päpstlicher Residenz und Festung erfüllte damit ihre wohl bekannteste historische Funktion.
Währenddessen verteidigten Angehörige der Päpstlichen Schweizergarde den Zugang zum Vatikan. Nach der Überlieferung der Garde kamen 147 ihrer 189 Männer bei den Kämpfen ums Leben. Ihr Einsatz ermöglichte es dem Papst, sich mit den verbliebenen Gardisten in Sicherheit zu bringen.
Bis heute erinnert die Schweizergarde an dieses Ereignis. Die Vereidigung ihrer neuen Rekruten findet traditionell am 6. Mai statt, dem Jahrestag des Sacco di Roma. Damit ist die Erinnerung an die Ereignisse von 1527 nicht allein mit einem historischen Bauwerk verbunden, sondern auch in einer bis heute gepflegten Tradition lebendig geblieben.
Zuflucht bedeutete noch keine Freiheit
Die Flucht in die Engelsburg rettete Clemens VII. zunächst vor den angreifenden Soldaten. Doch mit dem Erreichen der Festung war die Bedrohung keineswegs beendet.
Die kaiserlichen Truppen belagerten die Engelsburg, während sich in Rom Plünderungen und Gewalttaten fortsetzten. Der Papst war zwar geschützt, seine politischen Handlungsmöglichkeiten blieben jedoch stark eingeschränkt. Anfang Juni musste er einem für ihn nachteiligen Abkommen zustimmen. Erst im Dezember 1527 gelang ihm die Flucht aus der Festung in Richtung Orvieto.
Der Passetto steht damit auch für eine historische Erfahrung, die über die unmittelbare Rettung eines einzelnen Menschen hinausgeht: Selbst die geistliche Autorität des Papstes bot keinen verlässlichen Schutz vor den militärischen und politischen Konflikten seiner Zeit.
Bereits 1494 hatte Papst Alexander VI. den Verbindungsgang genutzt, als die Truppen des französischen Königs Karl VIII. nach Rom vorrückten. In beiden Fällen zeigte sich, weshalb der Vatikan über eine eigene befestigte Verbindung zur Engelsburg verfügte.
Ein historischer Fluchtweg als Zeugnis der Vergangenheit
Mit dem Wandel der militärischen und politischen Verhältnisse verlor der Passetto allmählich seine ursprüngliche Bedeutung. Neue Befestigungsanlagen, insbesondere die Erweiterungen unter Papst Pius IV. im 16. Jahrhundert, veränderten das Verteidigungssystem rund um den Vatikan.
Der einst strategisch bedeutsame Gang blieb jedoch als Teil der römischen Stadtlandschaft erhalten. Noch heute lässt sich sein Verlauf zwischen dem Vatikan und der Engelsburg deutlich erkennen.
Seine bauliche Struktur zeugt von den historischen Anforderungen an die Sicherheit des Papsttums. Die massiven Mauern, der offene Wehrgang und der geschützte Korridor erinnern an eine Zeit, in der die päpstliche Residenz nicht nur ein geistliches und politisches Zentrum, sondern zugleich ein besonders gefährdeter Ort war.
Mit dem Verlust seiner militärischen Funktion wandelte sich auch die Bedeutung des Passetto. Was einst dem unmittelbaren Schutz des Papstes diente, ist heute ein bauliches Zeugnis der wechselvollen Geschichte des Papsttums und seiner Stellung innerhalb der politischen Konflikte Europas.
Was bleibt?
Der Passetto di Borgo erinnert an eine Seite der Papstgeschichte, die im Bild des Vatikans als geistlichem Zentrum leicht in den Hintergrund tritt: die Erfahrung von Unsicherheit, Gewalt und politischer Bedrohung.
Seine Mauern erzählen von einer Zeit, in der das Papsttum nicht allein eine religiöse Institution, sondern auch ein politischer Akteur war, dessen Stellung immer wieder militärisch herausgefordert wurde.
Gerade darin liegt die Bedeutung des Passetto als Erinnerungsort. Er macht sichtbar, wie eng die Geschichte der Kirche mit den Konflikten ihrer jeweiligen Gegenwart verbunden war. Die Flucht Clemens’ VII. im Jahr 1527 erinnert zugleich daran, dass historische Ereignisse nicht allein anhand ihrer politischen Folgen betrachtet werden können. Hinter ihnen stehen Menschen, deren Leben durch Gewalt und Krieg geprägt oder zerstört wurde.
Der einstige Fluchtweg ist damit zu einem Erinnerungsort geworden, an dem sich die politische Geschichte des Papsttums und die Erfahrung militärischer Bedrohung bis heute im Bauwerk widerspiegeln.
Was bleibt, ist eine Mauer, die einst Schutz versprach und die Erinnerung daran, dass selbst die Mächtigsten ihrer Zeit nicht vor den Folgen von Krieg und Gewalt sicher waren.
vatican news, 24. Oktober 2026
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