Radio-Akademie: Franz von Assisi (6)
Fast jeder kennt Franz von Assisi – aber oft nur aus zweiter Hand. Das will unsere Radio-Akademie in diesen Monaten ändern. Wir zeichnen 800 Jahre nach seinem Tod anhand der mittelalterlichen Originaltexte ein neues Franziskus-Bild

Diesmal geht es um die Stigmata, die Wundmale Jesu, die der hl. Franz 1224, zwei Jahre vor seinem Tod, bei einer Vision auf dem Berg La Verna erhalten haben soll. Die über mehrere Jahrhunderte wichtigste Franziskus-Biografie innerhalb des Franziskanerordens, Bonaventuras „Legenda minor“, schildert das folgendermaßen:
„Als Franziskus auf dem La Verna fastete, fing er an, die Gnadengaben Gottes stärker zu empfinden als sonst. Das glühende Verlangen eines Seraphs hob ihn zu Gott empor, und in seinem zärtlichen Mitleiden wollte er aus Liebe mit Christus gekreuzigt sein. Da sah er an einem Morgen um das Fest der Kreuzerhöhung die Erscheinung eines Seraphs, der sechs so leuchtende wie feurige Flügel besaß, aus Himmelshöhen herabkommen; er flog in raschem Fluge herbei und schwebte nahe dem Gottesmann in der Luft. Er erschien nicht nur mit Flügeln, sondern auch gekreuzigt. Bei diesem Anblick erschrak Franziskus heftig: Schmerz und Freude erfüllten ihn gleichzeitig.“

Freude und Mitleid

Franziskus fühlt bei der Vision nach Darstellung des heiligen Biographen zweierlei: Freude über die Erscheinung Christi, aber auch tiefes Mitleid mit der grausamen Marter des Gekreuzigten.
„Er erkannte durch innere Belehrung, dass er nicht durch den Märtyrertod seines Leibes, sondern durch die Glut seines Geistes ganz zu einem sichtbaren Abbild des gekreuzigten Jesus Christus umgestaltet werde. Als die Erscheinung von ihm schied, hatte die Glut des Seraphen seinen Leib äußerlich als Bild des Gekreuzigten gezeichnet. Sogleich zeigten sich an seinen Händen und Füßen die Male der Nägel. An den Handflächen und der oberen Seite der Füße sah man deren Köpfe und an der anderen Seite ihre Spitzen.“
Bruder Thomas von Celano schreibt, dass der Heilige die Wundmale vor Fremden verborgen gehalten habe. „Auch vor seinen nächsten Freunden verheimlichte er sie mit aller Vorsicht, so dass sogar die Brüder, die immer an seiner Seite waren, und seine ergebensten Jünger lange Zeit nicht davon wußten.“ An anderer Stelle, im sogenannten Mirakelbuch, versichert Thomas: „Man sah an seinen Händen und Füßen nicht bloß die Male der Nägel, sondern die Nägel selbst. Wir, die das aussagen, haben es gesehen. Mit uns haben mehrere Brüder zu Lebzeiten des Heiligen seine Wundmale erblickt. Jeder Zweifel sei ausgeschlossen; niemand betrachte dieses Geschenk ewiger Güte als unwahrscheinlich.“
Nachts kamen die Dämonen

Die „Sammlung von Perugia“ – ein Text-Konvolut, das manche dem Franziskusgefährten Bruder Leo zuschreiben – betont, dass Franziskus „viele Tröstungen erfahren“ habe, darunter die Erscheinung des Seraphen. „Doch fügten ihm des Nachts die Dämonen viele Bedrängnisse zu, wie er ebenfalls seinem Gefährten erzählte. Und er sagte daher: Wenn die Brüder nur wüßten, wie viele Bedrängnisse mir die Dämonen zufügen, dann gäbe es keinen unter ihnen, der nicht großes Mitgefühl und Mitleid mit mir hätte!“
Die Radio-Akademie ist erstmals 2013 von unserem Sender ausgestrahlt worden. Einer der Sprecher ist der Jesuitenpater Bernd Hagenkord, der 2021 verstorben ist. Autor der Radio-Akademie ist Stefan von Kempis.
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vatican news, 18. Oktober 2026
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