Unser Sonntag: Der Weinberg unseres Lebens


Die Situation der Winzer kann uns unsere eigene Situation vor Augen halten, so Clemens Gudenus in dieser ersten Betrachtung, denn unser Leben ist ein Geschenk Gottes. Gott lässt uns an Seinem Reichtum teilhaben. Wie aber reagieren wir, wenn er sich in unserem Leben bemerkbar macht?

Quelle
Unser Sonntag im Oktober mit Clemens Gudenus – Vatican News

27. Sonntag, Mt 21:33-34


Liebe Brüder und Schwestern, wir hören heute im Evangelium ein Gleichnis des Herrn, das mit unserer Situation viel zu tun hat und uns trifft. Er verwendet sehr deutliche Worte und ein starkes Bild. Wie eigentlich alle Gleichnisse des Herrn geht es dabei nicht um rein praktische Fragen, sondern um grundsätzliche Fragen: Wer bin ich? Was soll ich hier? Was ist mein Auftrag in der Welt?

Bevor wir uns in dieses Gleichnis vertiefen, wollen wir uns kurz vor Augen halten, wo wir uns in der Geschichte befinden. Wir sind kurz nach dem Einzug Jesu in Jerusalem. Jesus zieht in eine Stadt ein, die das politische und religiöse Zentrum Israels bildet. Die Stadt folgt ihrer eigenen Ordnung, hat ihre Abläufe und stellt wie jedes menschliche Zusammenleben ein labiles Gleichgewicht dar. Die Autoritäten dieser Stadt fürchten, dass diese Ordnung gestört, dass dieses labile Gleichgewicht in Unruhe gebracht und nicht mehr gehalten werden kann.

Jesus, der Unruhestifter

Als Jesus in diese Stadt einzieht, wird er sofort als Unruhestifter wahrgenommen. Die Autoritäten sind beunruhigt durch seinen Einzug und fragen sich: Was soll dieser Mensch hier? Wie kann er so in diese Stadt einziehen? Für wen hält er sich, darf er das überhaupt? Kurz darauf folgt die Tempelreinigung, die ebenso drastisch ist und dieselbe Frage aufwirft: Wieso darf der Herr das tun? Mit dem Gleichnis, das wir diesen Sonntag hören, beantwortet Jesus diese Frage.

Der Herr macht sich auch bei uns bemerkbar

Wir leben nicht in Jerusalem und nicht in dieser Situation, doch auch wir haben in unserem Leben so etwas wie ein labiles Gleichgewicht. Unsere Abläufe, unsere Arbeit, unser Alltag geben uns Stabilität, eine Form von Sicherheit; wir wissen, was wir zu tun haben, wir haben unsere Routinen. Und in dieses Gleichgewicht zieht der Herr immer wieder ein, macht sich in unserem Leben bemerkbar, stellt sich hin, fragt uns und fordert uns heraus. Das heißt, auch unser Leben bietet einen Kontext für dieses Gleichnis.

Die Mühen des Gutsbesitzers

Der Herr erzählt uns von einem reichen Gutsbesitzer, der mit viel Aufwand einen Weinberg aufbaut: Er baut einen Turm, zieht eine Hecke um den Weinberg, damit er geschützt ist, und hebt eine Kelter aus. Man kann sich vorstellen, wie viel er in die Vorbereitung dieses Weinbergs steckt. Er macht das nicht einfach so, sondern weil er Wein ernten bzw. herstellen will. Der Anfang des Gleichnisses ist sehr schön: Man sieht förmlich, wie er alles herrichtet, wie der Weinberg sonnenbeschienen an einem Hang liegt und der Gutsbesitzer mit Enthusiasmus und Freude alles vorbereitet. Dann übergibt er den Weinberg Winzern, die ihn pflegen und bearbeiten sollen. Auch das klingt zunächst schön: Diese Winzer scheinen ihre Arbeit gern zu tun, der Weinberg gedeiht, bringt Früchte, alles läuft gut.

Die Knechte greifen hart durch

Doch eines Tages, können wir uns vorstellen, wenn wir uns in die Lage der Winzer versetzen, erscheint ein Knecht des Gutsherrn, um die Früchte zu holen. Erstaunlicherweise betrachten die Winzer diesen Knecht als einen Unruhestifter, der die Ruhe und Schönheit des Weinbergs stört. Deswegen verprügeln sie ihn und alle anderen Knechte des Gutsherrn und jagen sie davon. Manche der Knechte bringen sie sogar um. Sie greifen hart durch, um ihre Ruhe zu schützen.

Wir können uns fragen, warum sie so reagieren. Sie hatten doch mit dem Gutsherrn ausgemacht, dass sie die Früchte abliefern. Sie wussten doch, dass ihnen der Weinberg nicht gehört, sondern dass sie dort nur arbeiten dürfen, weil sie in seiner Gunst stehen. Man muss annehmen, dass sie die Früchte des Weinbergs nicht herausgeben wollen. Noch deutlicher wird es, als der Sohn des Gutsherrn kommt. Zuvor drängt sich aber die Frage auf, warum der Gutsherr auf die Gewalttat der Winzer nicht reagiert.

„Er schickt sogar noch seinen Sohn, und zwar weil er annimmt, dass sie vor ihm Achtung haben werden“

Er lässt sie nicht nur geschehen, sondern er schickt sogar noch seinen Sohn, und zwar weil er annimmt, dass sie vor ihm Achtung haben werden. Aus dieser Beschreibung geht hervor, dass der Gutsherr den Winzern vertraut, obwohl sie so mit seinen Knechten verfahren sind. Er versucht es immer wieder aufs Neue. Er schickt seinen Sohn, weil er glaubt, sie würden zur Einsicht kommen; es könne doch nicht sein, dass sie auch mit seinem Sohn so verfahren.

Die Winzer nutzen ihre Chance

Dann folgt die Beschreibung der Reaktion der Winzer. Aus der soeben beschriebenen Perspektive des Gutsherrn ist diese Reaktion überraschend. Wenn man hingegen der Geschichte bisher gefolgt ist, erscheint diese Reaktion nicht überraschend. Sie sehen den Sohn und denken: Das ist der Erbe, das ist unsere Chance, wenn wir ihn aus dem Weg räumen, gehört der Weinberg uns. Der Gutsherr denkt, vor seinem Sohn würden sie Achtung haben; die Winzer denken, das sei ihre Chance.

Absurde Argumentation

Nicht nur die Argumentation des Gutsherrn, sondern auch die der Winzer ist absurd: Wie können sie ernsthaft glauben, dass ihnen der Weinberg gehören wird, wenn sie den Sohn umbringen? Die einzig plausible Erklärung ist, dass sie annehmen, es gebe den Gutsherrn selbst gar nicht mehr, und der Sohn sei der Einzige, dem der Weinberg noch gehören könnte; bringen sie ihn um, gehöre alles ihnen. Wir als Hörer der Geschichte aber kennen die Situation und erkennen, wie absurd diese Annahme ist.

„Die Reaktion des Gutsherrn: Er nimmt ihnen alles weg“

Die Winzer denken, jetzt endlich würden sie reich, jetzt endlich könnten sie ihr Leben genießen, ohne von den Früchten etwas abgeben zu müssen. Doch indem sie so denken und handeln, das heißt, indem sie den Sohn umbringen, graben sie sich ihr eigenes Grab. Wir kennen die Reaktion des Gutsherrn: Er nimmt ihnen alles weg. Anstelle von Leben in Fülle und Reichtum stehen am Ende Tod und Armut als Folge ihres eigenen Handelns.

Unser Leben als Geschenk Gottes

Die Situation der Winzer kann uns unsere eigene Situation vor Augen halten, denn unser Leben ist ein Geschenk Gottes. Gott vertraut uns, er gibt uns diesen Weinberg unseres Lebens, denn er hat alles in unserem Leben vorbereitet wie diesen Weinberg, und er übergibt ihn uns. Auf diese Weise lässt er uns an seinem Reichtum teilhaben, an dem, was er hat. Und er bereitet unser Leben so vor, dass es Früchte bringen wird. Der Weinberg gehört ihm, ihm obliegt die letzte Verantwortung. So wie im Gleichnis der Weinberg, erfüllt unser Leben die idealen Voraussetzungen, damit dort Früchte entstehen können. So überträgt er es uns, so legt er es in unsere Hände.

Die Früchte gehören Gott

Doch da die Früchte schön sind, wollen wir diesen Weinberg für uns haben, so wie die Winzer, die merken, wie gut es ist, einen Weinberg zu besitzen. Auch unser Leben hat seine Höhen und Tiefen, doch wir haben Freude daran, und das kann dazu führen, dass wir es nicht teilen, sondern alles für uns behalten wollen. Aber das Leben funktioniert nur dann, ist nur dann sinnvoll, wenn wir anerkennen, dass es von Gott kommt und uns von ihm geschenkt ist, dass er dafür sorgt, dass Früchte entstehen, dass diese Früchte aber ihm gehören und wir sie deswegen nicht für uns behalten können, sondern mit ihm teilen. So werden sie zu schönen, angenehmen und genießbaren Früchten.

„Wie reagieren wir in den Momenten, in denen sich Gott in unserem Leben bemerkbar macht?“

Dieses Gleichnis kann uns unsere eigene Situation vor Augen halten. Indem wir uns auf diese Geschichte einlassen und dabei beobachten, wie wir in jenen Momenten reagieren, in denen Gott sich in unserem Leben bemerkbar macht und uns um diese Früchte bittet, entdecken wir immer wieder neu, worum es in unserem Leben eigentlich geht, und wie wir die Früchte genießen können, die es hervorbringt.

Radio Vatikan – Redaktion Claudia Kaminski, 3. Oktober 2026

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