Pater Ignatius Spencer

Der katholische Spencer in Prinzessin Dianas Stammbaum – Heute Dienstag erscheint Charles Spencers Biographie über seine Schwester Diana. Charles und Diana Spencer haben einen höchst ungewöhnlichen Vorfahren: George. Er konvertierte zur Katholischen Kirche und trat in einen Orden ein

Quelle
Passionistenarchive, Provinz St. Joseph
Ignatius Spencer – Wikipedia

Alle berühmten Sippen dieser Welt haben ihre ungewöhnlichen Sprosse – so auch die hochadlige britische Familie Spencer. In ihrem Fall ist es George Spencer (1799–1864), der Ur-Ur-Ur-Grossonkel der am 31. August 1997 verstorbenen Diana, Prinzessin von Wales. Er tat, was zu seiner Zeit höchst ungewöhnlich war: Er trat zum katholischen Glauben über, wurde Priester und später Mitglied des Passionisten-Ordens.

Seit 1992 läuft in der britischen Erzdiözese Liverpool ein Seligsprechungsverfahren für George Spencer. Am 20. Februar 2021 hat ihn Papst Franziskus als ehrwürdigen Diener Gottes anerkannt. Es steht aber offenbar noch ein Wunder aus, das George Spencer der Seligsprechung einen entscheidenden Schritt weiterbringen würde.

Klassische Laufbahn eines jüngeren Sohnes

Die Geschichte seines Lebens führt zurück in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. George Spencer, geboren am 21. Dezember 1799 in London, war der dritte und jüngste Sohn des zweiten Earl Spencer. Er wuchs auf dem Familiensitz Althorp auf, besuchte das Eliteinternat Eton und studierte am Trinity College in Cambridge. Seine Familie hatte für ihn eine geistliche Laufbahn in der anglikanischen Church of England vorgesehen – wie es damals für jüngere Söhne üblich war. George Spencer folgte diesen Vorgaben zunächst. Doch bald kamen ihm Zweifel.

Schon am Dreifaltigkeitssonntag 1827 kamen George Spencer nach eigener Aussage die ersten Zweifel an seinem Glauben. «Ich stellte fest, dass die Argumente, mit denen ich die Lehre von der Dreifaltigkeit selbst verteidigte, zwar auf der Heiligen Schrift beruhten, dass ich jedoch bei dem Versuch, meinen Zuhörern zu beweisen, dass der Glaube an diese Lehre für das Heil des Menschen absolut notwendig sei, auf Argumente zurückgriff, die unabhängig von der Heiligen Schrift waren, und dass sich in der Heiligen Schrift keine Stelle finden liess, die besagt, dass jeder, der gerettet werden will, den orthodoxen Glauben an die Dreifaltigkeit vertreten muss.» Nach mehreren Monaten des Ringens informierte er seinen Bischof, dass er den achten Artikel der insgesamt 39 Artikel, welche anglikanische Priester unterschreiben mussten, nicht mehr zustimmen könne. Der Bischof zog es vor, diesen Brief zu ignorieren und George Spencer im Amt zu lassen.

Suche nach Einheit durch die Wahrheit

Dieser machte sich nun von allen Sorgen befreit auf die Suche nach der einen Wahrheit. «Ich liess keine Gelegenheit aus, mit Geistlichen aller Glaubensrichtungen zu sprechen. Ich forderte sie alle auf, sich mir bei der Suche nach der Wahrheit anzuschliessen, die es nur als eine geben konnte und daher nicht in zwei gegensätzlichen Religionssystemen liegen konnte, geschweige denn in der ganzen Vielfalt der Sekten, in die die Christen in England gespalten sind. Ich fand von keiner Seite viel Ermutigung für diese Vorgehensweise.»[1]

Inspiriert von den Ermahnungen des heiligen Paulus an seine Jünger, sie sollten einmütig sein und keine Spaltungen zulassen, ging George Spencer unbeirrt seinen Weg. Aus den vielen Gesprächen mit verschiedenen protestantischen Glaubensrichtungen kam er zur Überzeugung, dass keine von ihnen die richtige Sichtweise des Christentums hatte. «Bis dahin schienen wir alle im Recht zu sein, indem wir Christus als den Sohn Gottes anerkannten, dessen Lehren und Gebote wir als den Weg zum Glück sowohl im Diesseits als auch in der Ewigkeit befolgen sollten; doch schien es, als sei die von den Aposteln festgelegte Form der Lehre und der Kirchenordnung in der gesamten Kirche aus den Augen verloren worden.»

Durch einen Briefwechsel mit einem unbekannten jungen Mann, der zur Katholischen Kirche konvertieren wollte – und sich später als junge Frau entpuppte –, durch zahlreiche Gespräche mit Phillipp, dem ältesten Sohn eines reichen Herrn von Leicestershire und Konvertit, und vor allem durch die Ausführungen von Pater Caestryck, einem katholischen Missionar, erkannte George Spencer, dass die Wahrheit in der Katholischen Kirche zu finden ist. Er entschloss sich, gleich am nächsten Tag zu konvertieren. Zunächst hatte er kurz Gewissensbisse, seine Familie per Boten über seinen Entscheid zu informieren. Doch dann erinnerte er sich an die Worte: «Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.» Er legte alles in Gottes Hand. «Gott allein weiss, mit welchem Frieden und welcher Freude ich mich in jener Nacht zur Ruhe legte. Am nächsten Tag um neun Uhr nahm mich die Kirche als ihr Kind auf.» Dies war am 30. Januar 1830.

Für seine Familie war die Entscheidung ein Schock, da sie zu den führenden protestantischen Familien des Landes gehörte. Seine Mutter Lavinia, Countess Spencer, hat nach Angaben des Historikers Pearson nie mehr ein Wort mit ihrem Sohn gesprochen. Am Tag seiner Priesterweihe soll sie tiefste Trauer getragen haben.

Nach dem ersten Schock hat sein Vater – was unter den Umständen ungewöhnlich war – Geld für seine weitere Ausbildung bereitgestellt. Georges Schwester Sarah fasste laut Pearson die Gefühle der Familie in einem Brief so zusammen: «Der arme George verfügt über so viele und so grosse Besonderheiten. Ein wahrhaft himmlischer Geist, aber nicht geschaffen für diese unhimmlische Welt.»

Nach seiner Priesterweihe in Rom 1832 kehrte George Spencer nach England zurück. Er wirkte zunächst in West Bromwich. Dort erwarb er sich den Ruf eines ungewöhnlich selbstlosen Seelsorgers. Er kümmerte sich um Arme und Bedürftige und gab ihnen, was er selbst besass. Später reiste er als Missionar durch England, Irland und Schottland.

Wiedervereinigung als Gebetsanliegen

1846 schloss er sich den Passionisten an, einer noch jungen Ordensgemeinschaft, die sich besonders der Verehrung des Leidens Christi und der Volksmission widmete. Aus George Spencer wurde Pater Ignatius von St. Paul. Sein Herzensanliegen war die Bekehrung Englands zum katholischen Glauben und zugleich die Einheit der Christen. Er organisierte Gebetsgemeinschaften und warb um Gebet für die Wiedervereinigung der christlichen Konfessionen.

Bis zu seinem Tod hielt er Hunderte solcher Volksmissionen. Die Passionisten zählen 245 sogenannte «little missions», die Pater Ignatius seit 1857 in England, Irland und Schottland durchführte. Dabei predigte er die Heiligung des Lebens als Voraussetzung für die Erneuerung des christlichen Glaubens und die Einheit der Christen.

Am 1. Oktober 1864 starb Ignatius Spencer in Carstairs in Schottland. Sein Leichnam wurde später nach St. Anne’s in Sutton bei St. Helens überführt, wo er heute neben anderen bedeutenden Passionisten bestattet ist.

Spencer sah sich aufgrund seiner Herkunft und seiner eigenen Lebensgeschichte als möglichen Vermittler zwischen den Konfessionen. Er förderte das Gebet für die Einheit der Christen wie später sein Landsmann Kardinal John Henry Newman, der 2019 von Papst Franziskus heiliggesprochen wurde.

Als Ende April 1985 Prinzessin Diana und Prinz Charles, damals noch verheiratet, im Vatikan bei Papst Johannes Paul II. zur Audienz kamen, wurde ihnen in der Vatikan-Bibliothek eine kleine Ausstellung mit Briefen und Dokumenten aus dem Leben von George Spencer gezeigt. Dabei wurde Pater Ignatius Spencer als früher Vertreter der Ökumene und Befürworter der Einheit zwischen Katholiken und Protestanten dargestellt.


[1] Zitate von Webseite passionistarchives.co.uk/ignatius-spencer.html


KNA/Redaktion

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