60 Jahre „Nostra aetate“: Kirche bekräftigt Dialog


Damals war es ein Wendepunkt: Ein Wendepunkt für die Beziehungen zwischen Katholiken und Juden sowie zu Gläubigen anderer Religionen, und zugleich ein Hoffnungsschimmer in der Nachkriegszeit. Vor sechzig Jahren verabschiedete das Konzil die Erklärung „Nostra aetate“

Quelle
Wortlaut: Papst Leo würdigt das Konzils-Dokument zum interreligiösen Dialog
60 Jahre Nostra Aetate: „Dialog ist fortlaufender Prozess“
60 Jahre Nostra Aetate: Es gibt nichts Besseres für Frieden als Dialog und Diplomatie
Kardinal Koch: Unmöglich, Jünger Christi und gleichzeitig Antisemit zu sein – Vatican News
Kardinal Fernández: Religionen stehen für Frieden, nie für Krieg – Vatican News
Kardinal Koovakad: Geschwisterlichkeit nicht nur auf dem Papier – Vatican News
Nostra aetate

Salvatore Cernuzio – Vatikanstadt

Aus diesem Grund haben drei Dikasterien der Römischen Kurie – für die Glaubenslehre, für die Förderung der Einheit der Christen und für den interreligiösen Dialog – an diesem Mittwoch ein Dokument (eine sogenannte Note) veröffentlicht, um die „kurze, aber kühne“ Konzilserklärung zu würdigen. Der Titel des neuen Dokuments, das von Papst Leo XIV. am 22. Juni 2026 genehmigt wurde: „Ein Weg der Hoffnung“. Es zeichnet die wesentlichen Etappen des Dialogs nach „Nostra aetate“ nach, bewertet dessen Herausforderungen und Errungenschaften und skizziert Perspektiven für die Zukunft.

Vor allem aber unterstreicht es, was das Konzil damals in aller Deutlichkeit feststellte: „Die Kirche verwirft jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen, weil dies dem Geist Christi widerspricht.“ (Nostra Aetate, 5)

Der Weg vom Konzil bis heute

Die Überlegungen des Dokuments gehen von folgender Frage aus: „Wie können wir den Ruf nach universaler Geschwisterlichkeit in Gesellschaften, die von wachsender kultureller und religiöser Vielfalt sowie von Krieg und Gewalt geprägt sind und die sich durch ein zunehmendes Streben nach Säkularisierung auszeichnen, in die Praxis umsetzen?“ Unterzeichnet wurden die rund zwanzig Seiten des Textes von den Präfekten der jeweiligen Dikasterien, den Kardinälen Víctor Manuel Fernández, Kurt Koch und George Koovakad, sowie den Sekretären der drei Behörden.

Der im Dokument nachgezeichnete Weg beginnt bei der Entstehung von „Nostra aetate“, damals eine „Antwort auf die tragischen Konsequenzen des in der Shoah gipfelnden Antisemitismus“. Die Veröffentlichung der Erklärung am 28. Oktober 1965 markierte „einen tiefen Wandel“, denn zum ersten Mal bekräftigte die Kirche damit ausdrücklich, dass sie „nichts von alledem“ ablehne, was … „wahr und heilig“ in den anderen Religionen sei, und forderte die Gläubigen auf, diese Gebote und Lehren „Wertschätzung und Respekt“ zu betrachten.

„Jede Verfolgung aus religiösen Gründen ist stets eine Verletzung der Menschenwürde, auf die dringend eine gemeinsame Antwort gefunden werden muss, die im Geiste von ‚Nostra aetate ‘ bei allen und gegenüber allen Respekt, Dialog und friedliches Zusammenleben fördert“

Eine weitere Erklärung des Konzils namens „Dignitatis humanae“ fügte dann einen Grundsatz hinzu: Eine respektvolle Beziehung zu den anderen Religionen sei nicht aufrichtig ohne eine gleichzeitige Achtung der Religionsfreiheit anderer. Dementsprechend fordern die Unterzeichner des jetzt publizierten Vatikantextes „dieselbe Freiheit für die Christen in den Ländern zu fordern, in denen sie in der Minderheit sind“, und beklagen die „Verfolgungen“, unter denen Christen auch heute noch „denen Christen in verschiedenen Teilen der Welt durch extremistische religiöse Gruppen ausgesetzt sind“.

„Jede Verfolgung aus religiösen Gründen ist stets eine Verletzung der Menschenwürde, auf die dringend eine gemeinsame Antwort gefunden werden muss, die im Geiste von Nostra aetate bei allen und gegenüber allen Respekt, Dialog und friedliches Zusammenleben fördert.“

Das Verhältnis zwischen Juden und Christen

Der Besonderheit der Beziehungen zwischen Christen und Juden wird in dem vatikanischen Dokument viel Raum gewidmet, angefangen bei den gemeinsamen Wurzeln im Ersten Testament bis hin zur Empfehlung des Konzils zu „gegenseitiger Kenntnis und Achtung“ und einem „brüderlichen“ Dialog. „Weg der Hoffnung“ bekräftigt in diesem Sinne, dass „der Bund Gottes mit dem jüdischen Volk unwiderruflich ist und dies die Kirche ständig herausfordert“. Das bedeutet nicht, dass der „Bund mit dem Volk Israel parallel zum christlichen Heilsweg“ verläuft: Für die Kirche ist „Christus der einzige Erlöser“. Dennoch „hat dieser unwiderrufliche Bund eine theologische Bedeutung“; so dass wir „nicht ohne einander auskommen können“.

Gemeinsamer Kampf gegen den Antisemitismus

Die Solidarität mit dem jüdischen Volk umfasst auch den „gemeinsamen Kampf“ gegen den Antisemitismus. Bereits „Nostra aetate“ verurteilte antijüdischen Hass und Verfolgungen zu jeder Zeit und von wem auch immer, auch innerhalb der Kirche. Es wird an die Verurteilungen der Päpste erinnert, insbesondere gegen den Holocaust. Und es wird darauf zugegeben, dass die im Nahen Osten entbrannten Konflikte auch den Dialog zwischen Juden und Christen in Mitleidenschaft gezogen haben. „Viele Kommunikationsbrücken sind ins Wanken geraten und werden aufgrund der unterschiedlichen Deutung der Geschehnisse, die oft selbst innerhalb der jeweiligen Religionsgemeinschaften nicht eindeutig ist, weiterhin auf die Probe gestellt“, erklären die Dikasterien. Sie rufen dazu auf, das „gegenseitige Kennenlernen und die gegenseitige Wertschätzung“, die in sechzig Jahren „gemeinsamer Arbeit“ entstanden sind, zu bewahren und weiter auszubauen.

„In der Welt leben als Zeugen der Liebe Gottes, im Dialog mit allen“

Deutliche Früchte des Dialogs

Die gemeinsame Arbeit hat, wie der Vatikantext hervorhebt, auch im Dialog mit dem Islam und anderen Religionen (Hinduismus, Buddhismus, Jainismus, Sikhismus, Shintoismus, Taoismus, Konfuzianismus, Zoroastrismus sowie mit den traditionellen afrikanischen Religionen) zu sichtbaren Früchten geführt. „Es sind dauerhafte freundschaftliche Beziehungen zwischen religiösen Verantwortungsträgern entstanden, gemeinsame Bildungs- und Sozialprojekte ins Leben gerufen worden, und gemeinsame Erklärungen angesichts humanitärer Katastrophen, Kriege oder Umweltkrisen veröffentlicht.“

Von grundlegender Bedeutung sind in diesem Zusammenhang nach dem Dafürhalten des jetzt veröffentlichten Textes der theologische Dialog zwischen Experten, der interreligiöse Dialog zwischen Ordensleuten sowie die in Stille und Diskretion gelebte Erfahrung von Priestern, Ordensleuten und Laien in multireligiösen Stadtvierteln, „wo schon die einfache Tatsache, in Frieden zu leben und als Nachbar füreinander da zu sein, ein Zeugnis ist“. All diese Ergebnisse, „manchmal noch im Anfangsstadium, unsichtbar, aber fruchtbar“, verkörpern, wie die drei Vatikandikasterien schreiben, die Intuition von „Nostra aetate“: „In der Welt leben als Zeugen der Liebe Gottes, im Dialog mit allen“.

„Die konkrete Aufmerksamkeit für die Schwächsten ist der wesentliche Maßstab, um die Richtigkeit jedes Vorhabens zu beurteilen, sei es politischer, wirtschaftlicher, sozialer, akademischer, religiöser oder kultureller Natur“

Nein zur Islamophobie

Die drei Dikasterien äußern außerdem Kritik an Erscheinungsformen der „Islamfeindlichkeit“, die „nicht angemessen zwischen Fällen von Fundamentalismus und Gewalt einerseits und dem friedlichen Leben der anderen muslimischen Gläubigen andererseits unterscheiden, die in den sie aufnehmenden Ländern arbeiten und sich integrieren“. „Wir müssen jenen christlichen Gemeinschaften danken, die im Geiste der Gastfreundschaft sowie eines besseren Verständnisses und einer größeren Wertschätzung gegenüber muslimischen Gläubigen gewachsen sind“, heißt es in einem Textabschnitt.

Die Armen als „Kompass“

Als „allgemeines Unterscheidungskriterium“, um zu erkennen, ob man sich in die richtige Richtung bewegt, werden in dem neuen Dokument „die Aufnahme oder das Abweisen“ der Armen genannt. Sie sind „der Kompass“: „Die konkrete Aufmerksamkeit für die Schwächsten ist der wesentliche Maßstab, um die Richtigkeit jedes Vorhabens zu beurteilen, sei es politischer, wirtschaftlicher, sozialer, akademischer, religiöser oder kultureller Natur.“

Die Schwierigkeiten des Dialogs

Das Vatikandokument spricht auch „die Schwierigkeiten im Dialog“ heute an; es erwähnt Kreise, die für „einen lehrmäßigen Relativismus oder eine Verwässerung der religiösen Identität“ sorgen, streift „historisch von Konflikten“ geprägte Beziehungen und die Erinnerung an „alte Wunden“, die das gegenseitige Vertrauen erschweren. Die Grundlagen des Dialogs selbst würden untergraben durch „das Erstarken von Fundamentalismen, das Fortbestehen von Vorurteilen, die politische Manipulation religiöser Zugehörigkeiten oder Gewalt im Namen Gottes“. Hinzu komme in säkularisierten Gesellschaften eine Marginalisierung oder Instrumentalisierung des religiösen Wortes, das „auf Folklore oder subjektive Meinungen reduziert oder gänzlich ausgeblendet“ werde.

„Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern“

Kardinal Koch: Unmöglich, Jünger Christi und gleichzeitig Antisemit zu sein

Uns wie Geschwister verhalten

Der Weg bleibe daher „anspruchsvoll“: „Er erfordert Demut, Mut und Unterscheidungsvermögen.“ Der Dialog, so bekräftigt das Dokument, ist weder eine „Strategie“ noch ein Verzicht auf die eigene Identität, sondern ein „authentischer Weg im Sinne des Evangeliums“, der „ein klares Bewusstsein der eigenen religiösen und kulturellen Identität“ voraussetzt, sowie eine „echte Offenheit gegenüber dem Anderssein“ voraussetzt. „Respekt“ und „Achtung“ sind „unverzichtbare Grundlagen“, um „Haltungen der Ausgrenzung, Verachtung oder Gleichgültigkeit zu überwinden, die lange Zeit vorherrschend waren“. „Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern.“

Angesichts derer, die heute „Spaltungen schüren und Konflikte vorbereiten“, seien die Gläubigen der verschiedenen Traditionen aufgerufen, „mit Klarheit und Hoffnung nach den Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben zu suchen“. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse man die „Logik der Abwehr, der Feindseligkeit oder der Eroberung“ aufgeben, und stattdessen eine „offene, wohlwollende und mutige Haltung“ einnehmen.

Der Aufruf richtet sich an alle: Werdet „Brückenbauer statt Mauerbauer“, „Friedensstifter und Verfechter der Geschwisterlichkeit“, die fähig sind, „den anderen in seiner Andersartigkeit anzunehmen“ und „am Aufbau einer gerechteren und menschlicheren Gesellschaft mitzuwirken“.

vatican news, 16. September 2026

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