Ein neuer Gottesbeweis: Das Argument der psychophysischen Harmonie
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Ein neuer Gottesbeweis
Von Alexander Folz

Redaktion – Sonntag, 6. September 2026
Ein neuer Gottesbeweis, der auf dem menschlichen Bewusstsein basiert, hat einen der prominentesten jungen Agnostiker zum Glauben geführt. Joe Schmid, der als Doktorand der Philosophie in Princeton arbeitet und den YouTube-Kanal „Majesty of Reason“ mit mehr als zwei Millionen Aufrufen betreibt, hat seine Rückkehr in die katholische Kirche bekanntgegeben.
Gefragt, wann der erste Dominostein gefallen sei, nannte Schmid einen einzigen Fachaufsatz. „Es war ein Argument für die Existenz Gottes, das Argument von der psychophysischen Harmonie“, sagte er im Interview mit Matt Fradd für den Podcast „Pints With Aquinas“.
Das neue Harmonie-Argument wurde von Brian Cutter und Dustin Crummett verfasst, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung an der University of Notre Dame tätig waren. Es erschien 2025 in den „Oxford Studies in Philosophy of Religion“. Auf PhilPapers kursiert es seit Januar 2022 und wurde dort bereits über 36.000 Mal heruntergeladen. „Ich las es und dachte: Oh Mann. Das erscheint mir ziemlich zwingend“, sagte Schmid.
„Psychophysische Harmonie: Bewusstseinszustände stehen zueinander und zu physischen Zuständen in auffallend harmonischen Beziehungen – auf Weisen, die äußerst glücklich erscheinen oder viele auffallende scheinbare Zufälle beinhalten“, heißt es in der Zusammenfassung des Aufsatzes.
Am Schmerz zeigt sich das Problem am schnellsten. Ein schädlicher Reiz löst beispielsweise einen Gehirnzustand aus, der den Reiz künftig meiden lässt.
„Ein schädlicher Reiz löst den körperlichen Zustand X aus, einen bestimmten biochemischen oder rechnerischen Zustand Ihres Gehirns. X bewirkt, dass Sie den Reiz in Zukunft vermeiden oder beseitigen. Praktischerweise ordnen die psychophysikalischen Gesetze X der Schmerzerfahrung zu, einer an sich negativen Erfahrung, die einem im Grunde genommen einen Grund liefert, sie zu vermeiden oder zu beseitigen. Die psychophysikalischen Gesetze korrelieren also X mit einem phänomenalen Zustand, dessen wesentliche normative Rolle mit der funktionalen Rolle von X im Einklang steht“, schrieben Cutter und Crummett. Erklärungsbedürftig sei dabei, dass gerade das unangenehme Gefühl zu diesem Verhalten passt.
Unter „phänomenalen Zuständen“ versteht man in der Philosophie des Geistes mentale Zustände, die durch ein subjektives Erlebnis charakterisiert sind. Man spricht hierbei vom phänomenalen Bewusstsein oder den sogenannten Qualia – dem „Wie-es-ist“ einer Erfahrung.
Denn es hätte anders sein können. „Die hedonische Harmonie scheint ein Glücksfall zu sein. Es wäre denkbar, dass die psychophysikalischen Gesetze X auf Lust übertragen hätten, während sie die tatsächliche neuronale Grundlage der Lust auf Schmerz übertragen hätten. In diesem Szenario einer Umkehrung von Lust und Schmerz würden wir systematisch einen Zustand meiden, den wir eigentlich anstreben sollten (Lust), und systematisch einen Zustand anstreben, den wir eigentlich meiden sollten (Schmerz)“, schrieben die beiden Philosophen. „Unser Leben wäre eine erbärmliche Farce: Wir würden vor lustvollen Erfahrungen zurückschrecken und unseren Angehörigen fröhlich Schmerz zufügen.
In der Philosophie bezeichnet der Begriff „hedonische Harmonie“ das Bestreben, ein emotionales Gleichgewicht zu erreichen, indem Freude und Genuss maximiert und Schmerz und Stress minimiert werden. Es beschreibt einen Zustand, in dem die emotionalen Erfahrungen im Alltag überwiegend positiv sind.
Die Evolution scheidet als Erklärung aus, argumentieren die Autoren. „Da evolutionäre Kräfte die psychophysischen Gesetze nicht beeinflussen können, ist schwer zu sehen, wie eine evolutionäre Erklärung dieser harmonischen Entsprechung überhaupt in Gang kommen sollte“, hieß es. „Aber diese evolutionäre Erklärung setzt die normative Harmonie voraus; sie erklärt sie nicht.“
Schmid griff im Interview zu einem Bild aus der Alltagstechnik. „Denken Sie an die Pixel auf einem Bildschirm“, sagte er. „Wenn man einfach zufällig verteilen könnte, welche Pixel welche Farben zeigen: Wie oft bekäme man ein zusammenhängendes, geordnetes, verständliches Bild? Fast nie.“
Ebenso beim Seelenleben: „Unser Geistesleben hätte einfach ein chaotisches Durcheinander sein können, eine Art Bildrauschen, das nur die mikrochemische Struktur unseres Gehirns nachahmt.“ Sein Fazit: „Wir haben sozusagen den psychophysischen Jackpot getroffen.
Damit läuft das Argument auf einen Wahrscheinlichkeitsvergleich hinaus. „Auf dem Boden des gewöhnlichen naturalistischen Atheismus ist sehr schwer zu sehen, was die psychophysische Harmonie erklären könnte. Auf dem Boden des Theismus ist es leicht“, schrieben Cutter und Crummett.
Die Denkfigur kennt jeder aus dem Alltag. „Ein Affe, von dem wir annahmen, er tippe zufällig, tippt ‚Ich denke, es ist wie ein Wiesel‘. Ein Student, den wir für ehrlich hielten, gibt eine Arbeit ab, die wörtlich mit einem SEP-Artikel übereinstimmt. Eine Münze, die wir für fair hielten, fällt fünfzehnmal hintereinander auf Kopf. Naturgesetze, die wir für ungeplant hielten, erweisen sich als auffallend harmonisch“, hieß es im Aufsatz.
In allen vier Fällen revidiere man vernünftigerweise seine Annahme über die Entstehung. Es kommt dabei allein auf den Abstand zwischen den beiden Annahmen an. „Die konkrete Anordnung der Sterne am Nachthimmel ist auf dem Boden des Atheismus sehr unwahrscheinlich. Aber sie ist auf dem Boden des Theismus genauso unwahrscheinlich und daher kein Indiz für ihn. Sterne hingegen, die den Satz ‚Ich bin das Alpha und das Omega‘ bilden, wären ein Indiz für den Theismus“, so die Autoren.
Gegen die kosmische Feinabstimmung wird oft ein Multiversum ins Feld geführt: Bei unzählbar vielen Welten sei irgendwo eine lebensfreundliche dabei. Hier halten die Autoren den Einwand für wirkungslos. „Selbst wenn ein solches naturalistisches Multiversum es unverwunderlich machen könnte, dass unsere Welt ein Mindestmaß an psychophysischer Harmonie erreicht, wie es für die Existenz von Wesen erforderlich ist, die als bewusste Beobachter gelten – es bleibt verwunderlich, dass wir uns in einem Universum finden, dessen Harmonie dieses Mindestmaß weit übersteigt“, schrieben sie.
Cutter und Crummett zielen ausdrücklich nicht auf jede Form des Atheismus. Ihr Gegenüber sei „nicht genau der Atheismus als solcher, sondern der Atheismus in seiner üblichen ‚naturalistischen‘ Form“, also verbunden mit der Annahme, das Universum sei zwecklos.
Im August wurde der Aufsatz über 3.000 Mal heruntergeladen, der höchste Monatswert seit 2022. Schmid schreibt inzwischen seine Dissertation über diese Fragen. „Psychophysische Harmonie ist auf dem Boden des Theismus (und bestimmter theismus-naher Auffassungen) viel wahrscheinlicher als auf dem des üblichen naturalistischen Atheismus“, hieß es im Fazit. „Wir kommen zu dem Ergebnis, dass dem Argument von der psychophysischen Harmonie ein wichtiger Platz neben den traditionellen Gottesbeweisen gebührt.“
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