Naher Osten: „Wir brauchen ein Wunder“


Die verzweifelte Lage im Gaza-Streifen ist immer wieder Thema in den internationalen Medien. Doch auch im Westjordanland stehen die Palästinenser unter Druck

Quelle
Kardinal Pizzaballa

In der „Westbank“, die seit fast sechzig Jahren von Israel besetzt ist, leben fast drei Millionen Palästinenser. In den letzten Monaten hat sich der Druck israelischer Siedler auf die palästinensischen Dörfer verstärkt und macht vielen Einheimischen das Leben unmöglich.

Die sehr kleine christliche Gemeinschaft tut alles, um ihre Präsenz und ihre Hoffnung aufrechtzuerhalten, doch ihr droht die Luft auszugehen. Das berichtet Weihbischof William Shomali, lateinischer Patriarchalvikar für Jerusalem und Palästina, im Interview mit uns.

„Es stimmt, dass die politische Lage schon seit langem instabil ist, aber man kann sagen, dass wir derzeit die schwierigsten Zeiten durchleben. Denn die Zwei-Staaten-Lösung, die von den Vereinten Nationen propagiert wird, funktioniert nicht; sie ist auf Eis gelegt. Die Amerikaner sprechen nicht mehr davon, und die Israelis lehnen sie ab. Nur die Palästinenser sprechen noch von der Zwei-Staaten-Lösung. Sie sind politisch isoliert, obwohl bereits 145 Staaten für diese Alternative gestimmt haben.“

„Man kann sagen, dass wir derzeit die schwierigsten Zeiten durchleben“

Auch der Vatikan setzt sich weiterhin für eine Zwei-Staaten-Lösung im Heiligen Land an, also einen Staat Israel und einen Staat Palästina innerhalb international anerkannter Grenzen, mit freiem Zugang für alle zu den Heiligen Stätten von gleich drei Weltreligionen in Jerusalem. Unter Papst Franziskus hat der Heilige Stuhl Palästina im Jahr 2015 völkerrechtlich als Staat anerkannt. Doch vor Ort wird die Zwei-Staaten-Vision immer mehr unmöglich gemacht, so Shomali.

„Die israelischen Siedlungen in den besetzten Gebieten nehmen zu: Es gibt einen regelrechten Ansturm von Siedlern, die davon profitieren, dass die derzeitige israelische Regierung rechtsextrem ist und bei der Ausweitung der Siedlungen ein Auge zudrückt. Also nutzen sie die Gelegenheit, um entweder bestehende Siedlungen zu erweitern oder um neue Siedlungen in Bethlehem, in Ramallah, rund um diese beiden Städte und rund um Nablus zu gründen. Man kann sagen, dass jede Woche ein oder zwei neue Siedlungen mit neuen Namen entstehen.“

Zuerst stehen da nur ein oder zwei Fertighäuser

Wie das abläuft, kann der Jerusalemer Weihbischof beschreiben: „Zunächst stellen sie ein oder zwei Fertighäuser auf; die lassen sich schnell errichten. Dort werden fünf oder sechs bewaffnete Siedler stationiert, um ihre Präsenz zu demonstrieren und die Palästinenser daran zu hindern, sich zu nähern. Oft können die Palästinenser dadurch ihre landwirtschaftlichen Flächen nicht mehr erreichen. Solche Vorfälle wiederholen sich häufig, vor allem in Siedlungen, die in der Nähe palästinensischer Städte und landwirtschaftlicher Flächen liegen. Derzeit lässt sich die Anzahl der neuen Siedlungen nicht genau beziffern, da sie wie Pilze aus dem Boden schießen; man spricht von ungefähr 300 Siedlungen. Einige davon sind recht klein, man nennt sie im Englischen ‚Outposts‘. Ein israelisches Programm arbeitet daran, die Siedlungen untereinander zu verbinden, etwa durch neue, breite Straßen; dadurch werden die palästinensischen Ortschaften an den Rand gedrängt.“

Das robuste Vorgehen der Besatzer im Westjordanland bedroht dabei nicht speziell die Christen dort, sondern in gleichem Maß auch die Muslime: „Ich denke, dass alle gleichbehandelt werden. Anfang September kam es zu einer Krise, weil in unseren katholischen Schulen (in Jerusalem) ein Großteil der Lehrkräfte keine Arbeitserlaubnis erhalten hatte. Daraufhin traten die Schulen in den Streik, und am nächsten Tag trafen die Arbeitserlaubnisse ein. Aber man fragt sich doch: Warum war ein Streik nötig, damit die Arbeitserlaubnisse erteilt wurden? Man kann also sagen, dass es eine Gleichbehandlung gegenüber den Palästinensern gibt, denn die Siedler machen keinen Unterschied: Für sie steht fest, dass dieses ganze Land dem Staat Israel, dem jüdischen Volk, gehört. Und daher sind die Palästinenser, ob Muslime oder Christen, Usurpatoren – und müssen verschwinden.“

Das Dilemma der Kirchenführung

Die römisch-katholische Kirchenführung in Jerusalem würde ihren Gläubigen gerne helfen. Aber sie steht vor einem Dilemma. „Einerseits müssen wir unsere Christen wirklich schützen, die Rechte der Kirchen und die Rechte unserer Gläubigen verteidigen und auch laut die Wahrheit sagen. Aber andererseits müssen wir auch vernünftige Beziehungen zur Regierung pflegen, weil wir Visa und Genehmigungen brauchen; darum können wir es uns nicht leisten, unsere Verbindungen zur israelischen Regierung abzubrechen. Unser Patriarch (Kardinal Pierbattista Pizzaballa) stößt mit seinen öffentlichen Wortmeldungen bei vielen Menschen auf Gehör, aber einer Lösung kommen wir damit nicht näher. Wir brauchen ein Wunder, um wirklich eine Lösung für diesen Konflikt zu finden.“

Das Interview mit Weihbischof Shomali führte Cécile Mérieux vom französischen Dienst von Radio Vatikan.

vatican news – sk, 4. September 2026

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