Die Mitte des Zweiten Vatikanischen Konzils

Nicht Reformer, sondern Heilige

Der Humanist Erasmus von Rotterdam *1465 oder 1469 in Rotterdam, †  1536 in Basel) hat in seinem satirischen Werk „Das Lob der Torheit“ (Laus stultitiae) die kirchlichen Zustände seiner Zeit aufs Korn genommen. Zur damals gelebten Frömmigkeit und zum Streben nach Vollkommenheit bemerkte er: „Ebenso wie die weltlichen Fürsten einige Herrscherpflichten ihren Stellvertretern übertragen und wie dieser Stellvertreter wieder seinen Stellvertreter damit beauftragt, so überlassen sie aus Bescheidenheit die Aufgaben der Andacht dem einfachen Volk. Das Volk reicht diese Pflicht an jene weiter, die ‹Kirchenmänner› genannt werden, gleichsam als hätte es selbst nicht das Geringste mit der Kirche zu schaffen und sei völlig vergeblich getauft worden. Die Priester wiederum, die sich ‹weltliche› nennen, als wären sie der Welt, nicht Christus geweiht, überlassen diese Last den Ordensgeistlichen, diese den Mönchen, die freieren Mönche den strengeren, alle zusammen schliesslich den Bettelmönchen. Die Bettelmönche aber reichen den Ball an die Karthäuser weiter, bei denen alle Frömmigkeit wie im Grabe verborgen ist, so gut verborgen, dass sie fast niemals sichtbar wird.“

Das Zweite Vatikanische Konzil nimmt alle Gläubigen in den Blick

Das Zweite Vatikanische Konzil, dessen 50-Jahr-Jubiläum wir in diesem Jahr zu feiern beginnen werden, liest sich zur Beschreibung des Erasmus wie ein Kontrastprogramm. Denn das jüngste Konzil hat in seinen Dokumenten, besonders in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“ (LG), nicht nur das Selbstverständnis der Kirche in der Tradition der kirchlichen Lehre neu buchstabiert. Das Konzil hat dabei auch ganz bewusst alle Glieder der Kirche in den Blick genommen, angesprochen und zu einem erneuerten und missionarischen Christsein ermutigt.

Umso überraschender ist es, dass in den Jahren seit 1965 sehr viel debattiert worden ist über die Struktur der Kirche, über die „Stände“, die es in ihr gibt, und über ihr Zueinander. Solche theologischen Debatten mögen zweifellos ihre Berechtigung haben. Sie haben jedoch auch dazu beigetragen, die Kirche, ihren eigentlichen Sinn und ihre Bestimmung im Bewusstsein vieler Menschen in den Hintergrund treten zu lassen zugunsten von oft sehr menschlichen oder gar allzu menschlichen Aspekten. Demgegenüber ist es meine feste Überzeugung, dass niemals Strukturdebatten eine lebendige Kirche hervorbringen werden. Nur ein neues, vertieftes Eingehen auf das, was der Kern des christlichen Glaubens, der Kern christlicher Existenz ist, kann eine neue Blüte des Christseins bewirken.

Was allein zählt

Gerade die Kirchenkonstitution kann uns da wertvolle Impulse geben. Sie enthält nicht nur in ihrem Text, sondern bereits in ihrem Aufbau einen Hinweis auf das, was für alle Gläubigen letztlich allein zählt. Es macht den kunstvollen Aufbau dieses zentralen Dokuments von Vatikanum II aus, dass er gewissermassen spiegelbildlich ist: Das erste Kapitel spricht vom Geheimnis der Kirche, in der sich die Gemeinschaft des dreifaltigen Gottes mit der Menschheit erschliesst. Im achten Kapitel findet diese Gemeinschaft in Maria ihre erste, ganz persönliche Vollendung, die für alle Glieder der Kirche von Bedeutung ist. In Maria ist die Vollendung der ganzen Kirche bereits zeichenhaft dargestellt. Das zweite, vielzitierte Kapitel von „Lumen Gentium“ spricht bekanntlich vom Volk Gottes. Aber auch diese Aussagen wären unvollständig, wenn sie sich nicht spiegeln würden in einem anderen Kapitel von „Lumen Gentium“. Dies ist der Fall im siebten Kapitel. Dieses spricht vom endzeitlichen Charakter der pilgernden Kirche und von ihrer Einheit mit der himmlischen Kirche. Erst innerhalb dieses doppelten Rahmens, der stets „die einzige komplexe Wirklichkeit, die aus göttlichem und menschlichem Element zusammenwächst“ (LG 8) präsent macht, spricht das Konzil dann im dritten, vierten und sechsten Kapitel von den „Ständen“ in der Kirche: der Hierarchie, den Laien und den Ordensleuten. Diese drei Konkretisierungsformen christlicher Existenz sind deshalb nicht Selbstzweck. Vielmehr sind sie schlicht die drei verschiedenen Weisen, das Geheimnis der Kirche (I. und VIII. Kapitel von LG), die unterwegs durch die Zeit zur Vollendung in Gott ist (II. und VII. Kapitel), in dieser Weltzeit zu leben.

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