Pizzaballa: “Lasst das Heilige Land nicht im Stich”
Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, hat in Bergamo einen Preis für Dialog und Frieden erhalten. In seiner Ansprache betonte er die Notwendigkeit, Empathie für Andersdenkende aufzubringen. Dieses Prinzip bilde den Kern geopolitischen Denkens – die Fähigkeit, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen –, auch wenn die aktuellen Berichte und Zeugnisse diesen Versuch als nahezu unmöglich erscheinen lassen
Kardinal Pizzaballa erläuterte die Eindrücke seiner Reise in den Gazastreifen, die er am 22. und 23. Juni gemeinsam mit dem griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, Theophilos III., unternommen hatte. Laut Pizzaballa sind Städte wie Rafah weitgehend zerstört. Die verbliebene Bevölkerung lebe unter prekären Bedingungen in Zelten inmitten improvisierter Verkehrswege und offener Abwassersysteme. Neben den visuellen Eindrücken wies er auf die Geruchsbelastung und eine zunehmende Rattenplage hin, von der insbesondere Kinder betroffen seien.
Obwohl Nahrungsmittel die Region erreichen, bleibe die Einfuhr vieler anderer Güter aufgrund von Restriktionen für sogenannte Dual-Use-Produkte untersagt. Unter dieses Verbot fallen unter anderem Schulbänke, Stifte, Hefte und Fensterglas, was den geplanten Wiederaufbau von Schulen erschwert. Das medizinische Personal vor Ort verweist zudem auf einen dringenden Bedarf an Fachkräften zur Bewältigung psychologischer Traumata bei Müttern und Kindern. Parallel dazu zerstörten Luftangriffe im zentralen und südlichen Gazastreifen sowie Drohnenangriffe im Norden von Khan Yunis weitere Zeltlager geflüchteter Familien, was zu Todesopfern führte und zahlreiche Menschen obdachlos machte.
Entwicklungen im Westjordanland
Auch im Westjordanland stellt sich die Situation laut Pizzaballa als gesetzlos für die palästinensische Bevölkerung dar. Er berichtete von Kontrollpunkten israelischer Siedler, der Behinderung landwirtschaftlicher Aktivitäten sowie von täglichen Übergriffen und Sachbeschädigungen, die weitgehend ungeahndet blieben. Interventionen der israelischen Armee führten oft dazu, dass die Verantwortlichen bei deren Eintreffen bereits verschwunden seien.
Gesellschaftliche Fragmentierung und der Wandel Jerusalems
Trotz dieser Dynamiken hält Pizzaballa den Dialog für unverzichtbar, obgleich die Ereignisse des 7. Oktober im israelischen Bewusstsein tiefe Spuren hinterlassen und Barrieren abgebaut hätten. Er beobachtet eine wachsende politische Relevanz extremistischer und religiös-militärischer Gruppierungen in Israel, die zu einer inneren Spaltung der Gesellschaft beitrage.
In diesem Kontext verwies die Diskussion auf das vom ehemaligen Staatspräsidenten Reuven Rivlin im Jahr 2015 beschriebene Modell einer in vier Gruppen – säkulare Zionisten, nationalreligiöse Juden, Ultraorthodoxe und arabische Israelis – fragmentierten Gesellschaft. Das demografische Wachstum der ultraorthodoxen Bevölkerung (Haredim) und das Gefühl der geopolitischen Einkesselung prägen demnach die politischen Entscheidungen des Landes.
Diese Verschiebungen manifestieren sich auch in Jerusalem. Die demografischen und geografischen Grenzen innerhalb der Stadt verändern sich. Während die Altstadt ehemals primär von der arabischen Bevölkerung bewohnt war, zeigt sich heute eine verstärkte Präsenz jüdischer Einwohner. Der Anteil der christlichen Bevölkerung sinkt, und die räumliche Annäherung führt zu häufigeren Konflikten. Die arabische Gemeinschaft in Jerusalem isoliert sich zunehmend in separaten Lebensbereichen, um den verbliebenen Charakter ihres Viertels unter strikter militärischer Kontrolle zu wahren.
Appell an die Weltöffentlichkeit
Pizzaballa forderte, den betroffenen Populationen ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Er kritisierte eine über Jahre entstandene, ausgrenzende Rhetorik und bezog sich dabei auf eine Analyse von Papst Leo XIV., der die Krise des gesprochenen Wortes als eine der Ursachen gegenwärtiger Konflikte identifiziert hatte.
Der Patriarch richtete einen Appell an Medien und Öffentlichkeit, das Interesse an der Region nicht zu verlieren und Berichterstattungen unabhängig von aktuellen Trends fortzuführen. Die internationale Gemeinschaft dürfe die Akteure vor Ort nicht isolieren, sondern müsse durch kontinuierliche Aufmerksamkeit und Dialog dazu beitragen, den Konflikt zu überwinden.
vatican news – mg, 1. Juli 2026
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