Unser Sonntag: Neue apostolische Zeit
„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gott gehört“ – Jesu Antwort fordert uns auch heute heraus. Denn wir leben wieder in einer apostolischen Zeit: Jesus und seine Botschaft sind vielen Menschen unbekannt geworden. Gerade deshalb gilt es, seine Worte neu zu hören und nach ihrer Bedeutung für unser Leben zu fragen
Quelle
Tagesimpuls
Mt 22,15-33 Gottes Macht

Clemens Gudenus, Köln
29. Sonntag, Mt 22:15-21
Liebe Brüder und Schwestern,am heutigen Sonntag hören wir berühmte Worte Jesu. Worte, die uns in den Ohren klingen. Worte, die vielleicht sogar die Geschichte der Christenheit bestimmt haben.
Der Herr sagt uns heute, gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört. Wir können uns vorstellen, dass die Christenheit in ihrer zweitausendjährigen Geschichte sich diese Aussage des Herrn oft vor Augen gestellt hat und sich gefragt hat, was das eigentlich bedeutet. Was bedeutet das für die Beziehung Staat und Kirche? Was bedeuten diese Worte für jeden Einzelnen von uns? Das ist eine von diesen Aussagen des Herrn, die nicht nur persönliche sondern auch gesellschaftspolitische Auswirkungen hat.
„Die Christenheit als solche, zumindest in unserem Europa, gibt es nicht mehr. Wir sind wieder in einer apostolischen Zeit.“
Jetzt sind wir aber in einer neuen Situation. Die Christenheit als solche, zumindest in unserem Europa, gibt es nicht mehr. Wir sind wieder in einer apostolischen Zeit. Wir sind wieder in einer Situation, wie die der ersten Christen. Wir können uns nicht auf eine christliche Gesellschaft verlassen, die dafür sorgt, dass die Werte und die Wahrheit Jesu bekannt sind und gelebt werden, sondern Jesus ist wieder unbekannt. Und so sind auch diese Worte des Herrn wieder unbekannt geworden und prägen uns gar nicht mehr so, wie wir es gerne hätten.
Jesus hat Jerusalem aufgemischt
Deswegen können wir uns diese Fragen wieder von Neuem stellen, uns wieder von Neuem hinstellen und uns fragen: Was bedeutet das eigentlich? Aber ebvor wir das tun, wollen wir uns wieder auf die Szene des Evangeliums einlassen. Was passiert da eigentlich? Wir befinden uns, wie in all diesen Evangelien der vergangenen Wochen, in den letzten Tagen Jesu. Er hat Jerusalem ordentlich aufgemischt durch seinen Einzug, durch die Reinigung des Tempels. Die politischen und religiösen Autoritäten wissen nicht, was sie mit ihm anfangen sollen.
„Die Autoritäten der Stadt sind beunruhigt – und neugierig“
Jesus aber tritt in dieser Situation ganz selbstbewusst und ohne Angst auf. Er hält sich kein Blatt vor den Mund, und so hinterlässt sein Auftreten Spuren. Einerseits sind diese Autoritäten der Stadt beunruhigt, andererseits sind sie auch neugierig. Sie treten immer wieder an Jesus heran und stellen ihm Fragen. Eine solche Szene finden wir heute im Evangelium. Vielleicht suchen die Autoritäten aus Angst um die labile Ordnung, die sie sich in der Stadt aufgebaut haben, Antworten auf persönliche oder vor allem auf politische und gesellschaftliche Fragen. Interessanterweise tun sich hier Gruppen gegen Jesus zusammen, die verfeindet sind. Wir sehen heute, wie die Pharisäer gemeinsam mit den Herodianern, d.h. den Dienern Herodes, zu Jesus gehen. Das heißt, der gemeinsame Feind verbindet sie. Beide wollen diese Unruhe nicht, die Jesus auslöst.
Jesus ist nicht auf Kompromisse aus
An der Frage, die sie stellen, zeigt sich, dass Jesus ein hohes Ansehen genießt. Sie sagen: „Meister, wir wissen, dass du die Wahrheit sagst und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst.“ Jesus ist jemand, der nicht auf Kompromisse aus ist, sondern ihm geht es um die Wahrheit, um die volle Wahrheit. Das unterscheidet Jesus von seinen Gesprächspartnern. Diese politischen und religiösen Autoritäten sind eher auf einen Kompromiss aus. Sie wollen Ruhe, Ordnung und ihren Machterhalt. Deswegen sind sie diplomatisch; Jesus aber ist nicht diplomatisch. Jesus ist in seinen letzten Tagen hier auf Erden und will den Leuten eine klare Orientierung an die Hand geben. Er will ihnen helfen, die Wahrheit zu sehen. Er will den Leuten wirklich helfen. Es geht ihm nicht nur um Beruhigung oder äußerlichen Frieden.
„Seine Gesprächspartner wollen eine Antwort Jesu, die Anstoß erregt“
Seine Gesprächspartner wollen eine Antwort Jesu, die Anstoß erregt. Ihnen geht es nicht darum, herauszufinden, was die Wahrheit ist. Sie wollen ihn nur auf die Probe stellen, d. h. sie wollen, dass er etwas sagt, das eine Krise provoziert, damit sie ihn dann festnehmen können. Wenn Jesus sich in Anwesenheit einer politischen Autorität gegen die Steuer ausgesprochen hätte, hätte das für ihn Konsequenzen gehabt. Wenn er sich aber für die Steuer ausgesprochen hätte, hätte er an Popularität verloren.
Sie erwarten keine richtige Antwort
Sie stellen ihm eine Frage, auf die es ihrer Einschätzung nach gar keine richtige oder falsche Antwort gibt. Eine solche Versuchung kann es auch in unserem Leben geben. Wir glauben, es gibt auf bestimmte Fragen keine Antwort. Da es keine Antwort gibt, können wir, ohne uns die Frage stellen zu müssen, ruhig weiterleben. Aber was macht Jesus? Jesus merkt sofort, dass sie etwas im Schilde führen. Aber er zieht sich deswegen nicht zurück, sondern sagt trotzdem etwas dazu. Obwohl seine Gesprächspartner an der Wahrheit gar nicht interessiert sind, sieht der Herr eine Gelegenheit, eine wichtige Frage anzusprechen.
Jesus ist radikal
Er will uns etwas Wichtiges mitgeben. Das können wir gut gebrauchen. Was ist seine Antwort? Was bedeutet es, dem Kaiser zu geben, was dem Kaiser gehört, und Gott zu geben, was Gott gehört? Zunächst wirken Jesu Worte wie eine salomonische Antwort. Doch wieder ein Kompromiss? Nein, seine Antwort ist im Gegenteil sehr radikal. Sie bedeutet: Wer die Vorteile der staatlichen Ordnung in Anspruch nimmt, muss verstehen, dass sie ihren Preis hat. Deswegen muss er zurückzahlen, was er in Anspruch nimmt. Er muss diese Leistung zurückzahlen, weil das Bild des Kaisers darauf steht. Der Kaiser sorgt für den Erhalt der Ordnung, und da ich sie in Anspruch nehme, habe ich beim Kaiser Schulden.
„Ein starker Satz: Gebt Gott, was Gott gehört“
Die Antwort Jesu beschränkt aber auch die Macht des Kaisers, denn es muss nur das zurückgezahlt werden, was dem Kaiser gehört. Der Staat wird nicht verabsolutiert. Stärker als der erste Satz ist der zweite: „Gebt Gott, was Gott gehört.“ Dieser Satz ruft eine starke Reaktion bei den Gesprächspartnern Jesu hervor. Es heißt im Evangelium, dass sie staunten, ihn stehen ließen und weggingen. Aus dieser Reaktion kann man ablesen, dass die Antwort sie getroffen hat. Sie wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Die Antwort des Herrn überfordert sie. Er gibt ihnen keine Kompromisslösung. Er löst ihre Konflikte nicht auf, macht sich aber auch nicht angreifbar, sondern fordert seine Gesprächspartner heraus.
Alles kommt von Gott
Dieser Satz ist keine konkrete Handlungsanweisung. Im Gegenteil, die Aussage „Gib Gott, was Gott gehört“ wirft weitere Fragen auf: Was gehört Gott in meinem Leben? Was muss ich ihm geben? Habe ich Schulden bei Gott? Diese Aussage Jesu impliziert, dass ich etwas zurückzahlen muss. Nicht alles, was ich besitze, gehört mir. Man kann die Erklärung für die Schulden, die wir dem Kaiser gegenüber haben, auch auf Gott übertragen. Welche Leistungen, die ich in Anspruch nehme, stammen von Gott? Alles kommt von Gott.
Die Erstlingsfrucht
Aus diesem Grund brachten die Israeliten ihre Erstlingsfrucht, d. h. die erste Frucht ihrer Arbeit, Gott als Opfer dar. Dieses Opfer war ein Symbol für alles, was sie von Gott bekommen haben. Auch wenn es nur ein Teil ihrer Ernte war, war dieser Teil ein Symbol für das Ganze. Mit diesem Teil gaben sie Gott alles zurück, was sie von ihm bekommen haben. Weil diese Erstlingsfrucht das Beste war, was sie geerntet hatten, verstärkten sie diese Bedeutung.
Was gehört Gott in meinem Leben?
Wir tun dasselbe bei jeder heiligen Messe. Wir halten uns vor Augen, was wir alles von Gott bekommen haben, und geben ihm das Beste, was wir von ihm bekommen haben, zurück. Das, was wir ihm geben, ist ein Symbol für alles. Das Beste, was Gott uns gegeben hat, ist Jesus. Das ist das Größte, das wir haben. Bei der heiligen Messe opfert sich Jesus, so wie die Israeliten ihre Erstlingsfrucht Gott geopfert haben. Durch unsere Teilnahme an der heiligen Messe ist die Sache aber noch nicht erledigt. Es bleibt die Frage: Was habe ich von Gott bekommen? Was gehört Gott in meinem Leben?
„Weil Gottes Bild in uns geprägt ist, gehören wir Gott“
Im Evangelium finden wir einen weiteren Hinweis, der uns helfen kann. Jesus lässt sich von seinen Gesprächspartnern einen Denar geben und fragt sie, wessen Bild und Aufschrift darauf ist. Sie antworten: die des Kaisers. Dann gibt er ihnen die Antwort, dem Kaiser zu geben, was dem Kaiser gehört. Diese Erklärung spannt einen Bogen zur Schöpfungsgeschichte in der Genesis. Dort heißt es nämlich, dass wir nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen sind. Mit anderen Worten, in uns ist Gottes Bild eingeprägt. Das können wir auf das Evangelium von heute übertragen: Weil Gottes Bild in uns geprägt ist, gehören wir Gott. Nach Gottes Bild geschaffen zu sein bedeutet, Gott zu gehören.
Wir sind Eigentum Gottes
Wir werden uns selber nur gerecht, wenn wir Gott gehören. Das Menschengerechte ist, dass wir Gott gehören. Diese Erkenntnis kann uns herausfordern, aber sie gibt uns vor allem einen großen Frieden. Ich bin Eigentum Gottes, und er sorgt für sein Eigentum. Deswegen will ich nicht meinen Zielen, nicht meinem Besitz und auch nicht einer Sucht gehören. Ich werde frei, wenn ich Gott gehöre. Bitten wir die Mutter Gottes dabei um Hilfe, weil wir Gott gehören wollen, so wie sie.
Radio Vatikan – Redaktion Claudia Kaminski, 17. Oktober 2026
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