Sommerakademie der Kardinal-Scheffczyk-Gesellschaft widmet sich Kardinal Newman *UPDATE
Quelle
Internationalen Theologischen Sommerakademie
Papst Leo: Es ist „nicht immer leicht, Gottes Wege zu verstehen und anzunehmen“
Hl. Kardinal Newman |(48)
John Henry Newman: Ein Trinkspruch, der nicht die Kardinalsernennung verhinderte
*Was ist die herausragende Lehre Newmans? – Pater Hermann Geißler FSO erklärt
Von Martin Grünewald

Redaktion – Dienstag, 1. September 2026
Vom anglikanischen Geistlichen zum katholischen Kardinal: Dem erst am Ende des vergangenen Jahres zum neuen Kirchenlehrer erhobenen John Henry Newman widmet sich derzeit die 36. Internationale Theologischen Sommerakademie der Kardinal-Scheffczyk-Gesellschaft im österreichischen Haag.
Schwester Birgit Dechant FSO vom internationalen Zentrum der Newman-Freunde in Littlemore berichtete über die große Wende im Leben Newmans im Alter von 15 Jahren (1816), die er seine „erste Bekehrung” nannte. Beim Lesen des Buches von Thomas Scott über „Die Macht der Wahrheit“ fand er zu einem lebendigen Glauben – Gott wurde die alles übertreffende Realität seines Lebens. „Von dieser Bekehrung an trug er eine große Liebe zur Wahrheit in sich, die sein ganzes Leben bestimmen sollte.“
Ein Jahr später begann Newman sein Universitätsstudium in Oxford und wurde dort bereits im Alter von 21 Jahren Professor. 1825 wurde er zum anglikanischen Priester geweiht. Kurze Zeit später wurde Newman neben seiner akademischen Tätigkeit auch Pfarrer der Universitätskirche in Oxford, berichtete Schwester Birgit. Er legte die christlichen Wahrheiten klar dar und überzeugte durch innere Autorität sowie sein eigenes Lebenszeugnis.
Newman war ein Erzieher durch und durch. Er beschrieb selbst: „Nichts war mir verhasster, als Zweifel auszustreuen und die Gewissen unnötigerweise zu verwirren.“ Im Sommer 1828 begann Newman die Kirchenväter zu lesen – die großen Heiligen und Theologen der ersten christlichen Jahrhunderte. Er selbst bezeugte später: „Die Väter haben mich katholisch gemacht.“
Der Ruf des Gewissens war stärker
Aber noch war er nicht soweit, zu konvertieren. 1833 rief Newman die Oxford-Bewegung ins Leben und strebte eine „zweite Reformation“ an, um die anglikanische Gemeinschaft im Geist des Urchristentums zu erneuern. Newman kam in seinem Denken der katholischen Kirche immer näher. 1839 entstand bei ihm zum ersten Mal der Gedanke, dass die katholische Kirche vielleicht die wahre Kirche sei.
Newman entschloss sich, eine Studie über die Entwicklung der Glaubenslehre (1845) zu verfassen. Das Ergebnis dieser Studie war für seinen weiteren Lebensweg entscheidend. „Ehe ich zu Ende kam, entschloss ich mich zum Übertritt, und das Buch blieb unvollendet.“ Schweren Herzens legte er seine Aufgabe als Universitätspfarrer in Oxford nieder. Er liebte seine Gemeinschaft, er liebte Oxford und seine Aufgaben, er liebte seine Familie und seine Freunde. Aber der Ruf des Gewissens war stärker.
Spätestens nach seinem Studium in Rom und der Weihe zum katholischen Priester hatte Newman den inneren Frieden gefunden. Aber Schwierigkeiten und Prüfungen stürmten jetzt auf ihn ein. 1851 wurde Newman von den irischen Bischöfen mit der Gründung einer katholischen Universität in Dublin beauftragt und zum ersten Rektor ernannt. Schwester Birgit sagte: „Die Vorträge, die er 1852 in Dublin über ‚Das Wesen der Universität‘ hielt, gehören zum Besten, das zu diesem Thema geschrieben worden ist.“ Aber innerkirchliche Spannungen brachten das Projekt zum Scheitern.
Zwei weitere vielversprechende Projekte scheitern
Nach diesem Fehlschlag wurde Newman gebeten, eine neue englische Übersetzung der Bibel anzufertigen. Doch bereits nach einem Jahr kam das Aus. 1859 wurde an Newman die Bitte herangetragen, die Herausgabe der katholischen Zeitschrift The Rambler zu übernehmen. Er sah darin eine Chance, zur Bildung der katholischen Laien beizutragen. Auch dieses Projekt musste er nach kurzer Zeit aufgrund von Widerständen aufgeben.
Newman wurde sogar, völlig zu Unrecht, der Häresie verdächtigt, berichtete die aus Oxford angereiste Referentin. Ein einflussreicher Monsignore meinte gar: „Newman ist der gefährlichste Mann in England.“ Nachdem ein anglikanischer Schriftsteller die katholischen Geistlichen insgesamt und Newman als bestes Beispiel angegriffen hatte, reagierte der Konvertit mit einem Buch, das seinen Übertritt begründete. Dieses Buch, die Apologia pro vita sua, ist laut Schwester Birgit ein echtes Meisterwerk.
Mehr als die Hälfte der englischen Priester dankte ihm persönlich für die Verteidigung ihres guten Rufs. Aber auch bei den Anglikanern gewann Newman wieder Ansehen. Viele erneuerten ihre Freundschaft mit ihm. Allgemein war man in England nun von seiner Lauterkeit überzeugt und ließ viele Vorurteile gegenüber Rom fallen. Noch mehr: Zum ersten Mal seit der Reformation hatte das Buch eines Katholiken die englische Volksseele erobert.
Nicht entmutigt oder verzagt sein
Bis ins hohe Alter setzte Newman seine theologische und seelsorgliche Tätigkeit unvermindert fort. Papst Leo XIII. machte ihn zum Kardinal und begründete dies mit den Worten: „Ich war entschlossen, die Kirche zu ehren, indem ich Newman ehrte.“
In einer Rede im Anschluss an die Kardinalsernennung bezeichnete Newman den Kampf gegen den religiösen Liberalismus als sein eigentliches Lebensprogramm. Darunter verstand er die Haltung, dass alle Religionen doch eigentlich gleich viel wert wären, dass es keine wahre Religion gäbe, dass Religion reine Privatsache wäre und das öffentliche Leben deshalb nicht bestimmen dürfte. „Mit prophetischem Weitblick sah Newman diese Gefahr auf die Kirche zukommen, was Papst Benedikt XVI. immer wieder ‚Relativismus‘ nannte“, so die Referentin aus Oxford. „Und er wies darauf hin, dass wir – trotz aller Schwierigkeiten – nicht entmutigt oder verzagt sein dürfen.“
Tugenden eines Gentleman
Als Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 vor Vertretern verschiedener Wissenschaften an der Universität Regensburg sprach, beschrieb er die Vision Newmans vom Wesen einer Universität. Darüber sprach der Dogmatiker und Fundamentaltheologe Wolfgang Klausnitzer, der Rektor der Hochschule Heiligenkreuz in Österreich bei der Sommerakademie in Haag. „Oxford stand für all das, was für Newman Bedeutung hatte“, so der Referent. „All die Tugenden, die einen ‚Gentleman‘ auszeichnen.“
Im Königreich Großbritannien lebten zur Zeit Newmans unter 31 Millionen Einwohnern etwa fünf Millionen Katholiken, davon die Hälfte in Irland. Seit 1829 wurde die bürgerliche Gleichberechtigung der Katholiken zwar durchgesetzt. Dennoch gab es Spannungen unter den Katholiken, von denen ein Teil unbedingt alles vermeiden wollte, was protestantischen Vorurteilen und Klischees Nahrung und Rechtfertigung geben könnte. Newman bemühte sich, die Ghetto-Situation der Katholiken im Bereich von Bildung und Wissenschaft zu überwinden. Ein erstes Ergebnis war der Bau einer katholischen Schule für Jungen in Birmingham. Die Gründung der neuen Katholischen Universität in Dublin war ein weiterer Schritt gegen die Bildungskrise, die Newman im damaligen England diagnostiziert hatte.
Was gehört zum Wesen einer Universität?
In seinem Buch The Idea of a University versuchte Newman, der irischen katholischen Öffentlichkeit allgemein das Projekt einer katholischen Universität plausibel zu machen. Außerdem beschrieb er Grundsätze der Universitätsbildung und wollte offensichtlich seine Oxforderfahrungen nach Irland bringen, so Klausnitzer. Für Newman bedeutete „Universität“ einerseits die Gesamtheit der Professoren und Studenten, die vor Ort zusammenleben, und andererseits die Gesamtheit aller Wissenschaften. Das Erleben des Gesprächs der verschiedenen Fachvertreter, die sich gegenseitig respektieren, sich um Rat fragen und unterstützen, war für Newman ein Wesensmerkmal. In der Praxis, so Newman, tendiere nämlich jedes der Fächer dazu, seine eigene Wahrheit zu verabsolutieren. Für ihn war es ein zentrales Bildungsziel, sich die Gesamtsicht der Realität und der Wahrheit anzueignen. Das Ergebnis einer solchen „Liberal Education“ sei allerdings nicht der (katholische) Christ, sondern der „Gentleman“.
Welche Rolle spielt die Theologie an der Universität?
Welche Rolle spielt die Theologie in diesem universitären Kosmos der Wissenschaften? Glaube und Wissen stünden nicht einander gegenüber, sondern sie seien einander verbunden, so Newman. Der rechte Gebrauch der Vernunft führe den Menschen zum katholischen Glauben. Gleichzeitig war er der Überzeugung, man könne nicht einen Teil der katholischen Lehre übernehmen und den anderen streichen. Bei aller Freiheit der Wissenschaft sah er ein Kontrollrecht der Kirche über die jeweils in den theologischen Lehrstühlen der Universität vertretene Theologie durchaus vor.
Nun entsteht der christliche Glaube nicht durch ein angeeignetes Wissen einer autonomen Vernunft, sondern wird vermittelt durch Offenbarung und Gnade. Für Newman gibt es ohne Freiheit der Forschung keinen Fortschritt. Das gelte auch für die Theologie, so Newman. Allerdings kann eine katholische Universität ihren Dienst nur leisten, wenn sie unzweideutig – ohne Hinzufügung oder Verkürzung – die Offenbarung mitteilt. Voraussetzung sei allerdings, dass jede Disziplin die Grenzen ihres eigenen Faches beachte und nicht Forschungsergebnisse einer anderen Disziplin zur Bekräftigung ihrer eigenen Thesen missbrauche.
Der Aufsichtspflicht der Kirche über die Lehre einer Universität entspreche die Sorgfaltspflicht der universitären Lehrer, ihre Ergebnisse in einer Form vorzutragen, die die Hörer weder skandalisiere noch in ihrem Alltagsverständnis schockiere noch die „Schwachen“ aus der Fassung bringe.
Neugier und eine bestimmte Methode des Denkens
Dass Newman seine Zeit in Irland nicht als Erfolg gewertet hat, lag nach Einschätzung von Wolfgang Klausnitzer an unterschiedlichen Voraussetzungen: Während die irischen Bischöfe und Rom eine katholische Alternative zu der säkularen und „theologiefreien“ staatlichen irischen „Queen’s University“ wollten, strebte Newman danach, ein katholisches Oxford in Irland zu „importieren“. Nicht nur viele Bischöfe, auch der Klerus konnten, so Newmans Einschätzung, mit der Idee einer Universität wenig anfangen. Für Newman ist das Ziel der Universität nicht unbedingt die Berufsvorbereitung, sondern die „Bildung“. Angestrebt ist eine bestimmte Methode des Denkens und eine Neugier für Wissen überhaupt, die über das eigene Spezialfach hinausgeht. Gebildete Laien, so Klausnitzer, sind allerdings nicht automatisch bessere Christen.
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