9/11: „Ein Tag, an dem wir etwas zurückgeben“
25 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 spricht Vatican News mit Daniel Nigro, dem ehemaligen Einsatzleiter der New Yorker Feuerwehr. Am Tag des Anschlags auf das World Trade Center hatte er die Einsatzleitung. Er erinnert sich an das Chaos jenes Morgens, an die Feuerwehrleute, die ihr Leben verloren, und an die persönlichen Geschichten, die bis heute im Gedächtnis New Yorks verankert sind
Quelle
Als Benedikt XVI. an „Ground Zero“ betete – Vatican News

Alessandro Gisotti – Vatikanstadt
Manche Tage wird man niemals vergessen. Für das 21. Jahrhundert ist der 11. September 2001 zweifellos ein solches Datum. Er hat unser Verständnis der Welt, in der wir heute leben, nachhaltig geprägt. In den vergangenen 25 Jahren haben sich zahlreiche Analysen und Reflexionen mit den geopolitischen Folgen, den Veränderungen in der US-Außenpolitik und den Auswirkungen dieses tragischen Tages auf die Beziehungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt beschäftigt. Daneben aber gibt es leisere, zutiefst persönliche Geschichten. Geschichten, die bis heute zum Alltag tausender Menschen gehören.
Es sind die Geschichten der Überlebenden, der Familien und Freunde der Opfer und der Menschen, die nach den Anschlägen erkrankten. Vor allem aber sind es die Geschichten jener Menschen, die ihr Leben riskierten – und allzu oft verloren –, um andere zu retten. Ihr Mut und ihre Selbstlosigkeit berühren bis heute. Zu ihnen gehören die Feuerwehrleute von New York – 343 von ihnen starben an diesem Tag. Sie wurden zu einem bleibenden Symbol für Stärke und Widerstandskraft. Männer, die sich dem Bösen entgegenstellten und alles gaben, sogar ihr Leben, um anderen zu helfen.
25 Jahre später blickt Daniel Nigro, damals Einsatzleiter der New Yorker Feuerwehr, auf diesen Jahrestag zurück. Er spricht über seine Hoffnungen für die Zukunft New Yorks und Amerikas – und für seine Feuerwehrkollegen.
Daniel Nigro, Sie übernahmen am 11. September das Kommando über die New Yorker Feuerwehrleute, nachdem Ihr Freund, Chief Peter Ganci, beim Einsturz des Nordturms ums Leben gekommen war. Sie verloren an diesem Tag 343 Kollegen. Was bedeutet es Ihnen persönlich, 25 Jahre später diesen Jahrestag zu begehen?
Daniel Nigro: Nun, das Gefühl wird nicht schwächer. Die Trauer ist 25 Jahre später dieselbe. Manchmal bin ich erstaunt, dass ich überhaupt noch hier bin. Ich bin kein junger Mann mehr, und viele sind an diesem Tag gestorben. Viele sind auch seither an Krankheiten gestorben, die mit dem World Trade Center zusammenhängen.
„Das Gefühl wird nicht schwächer. Die Trauer ist 25 Jahre später dieselbe“
Ich denke an jedes Mitglied, das wir verloren haben, und an die unschuldigen Menschen, die getötet wurden – und an all das, was sie in diesen 25 Jahren nicht mehr erleben konnten. Ich hatte das Glück, die Hochzeiten meiner Töchter und die Geburt meiner Enkelkinder mitzuerleben.
Meine Freunde und viele andere hatten diese Möglichkeit nicht. Und deshalb kann ich nicht anders, als in diesem Jahr und in jedem Jahr traurig zu sein.
Sie haben etwas angesprochen, das außerhalb der USA wahrscheinlich nicht sehr bekannt ist. Tausende Menschen, darunter viele Feuerwehrleute, erkrankten in den Jahren nach dem 11. September an Krebs und anderen Krankheiten. Viele von ihnen sind gestorben. Was möchten Sie, dass die Öffentlichkeit über diese sogenannte „zweite Welle“ von Todesfällen nach dem 11. September versteht?
Daniel Nigro: Wir wussten, wie die Situation dort war, welche Luft wir atmeten und dass sie möglicherweise giftig war. Aber für Feuerwehrleute gehört das gewissermaßen zu unserem Beruf. Viele von uns – mich eingeschlossen – verbrachten Monate dort unten und versuchten, die Überreste möglichst aller Opfer zu bergen.
Durch unsere Arbeit dort sind wir krank geworden. Ich glaube, wir haben fast 500 Mitglieder der Feuerwehr verloren. Auch die Polizei hat viele Mitglieder verloren. Und viele von uns kämpfen gegen verschiedene Formen von Krebs – mich eingeschlossen.
Gott sei Dank geht es mir im Moment gut. Aber das scheint die Geschichte nach dem 11. September zu sein: Wann werden sie krank? Und woran werden sie erkranken?
„Gott sei Dank geht es mir im Moment gut. Aber das scheint die Geschichte nach dem 11. September zu sein: Wann werden sie krank? Und woran werden sie erkranken?“
Es ist eine traurige Fußnote zu einem schrecklichen Tag. Wenn dieser Tag überhaupt noch schlimmer hätte werden können, dann durch diese Entwicklung. Wir erinnern uns jedes Jahr an diejenigen, die in den vergangenen Jahren an den Folgen ihrer Erkrankung gestorben sind.
Was hat sich Ihrer Meinung nach in den Wochen nach dem 11. September bei der Feuerwehr und in der Kultur und im Geist New Yorks verändert – eine Veränderung, die bis heute anhält und vielleicht die Arbeit der New Yorker Feuerwehrleute für immer verändert hat?
Daniel Nigro: Wir mussten mit dem Verlust vieler erfahrener Mitglieder und Führungskräfte der Feuerwehr zurechtkommen und die Feuerwehr neu aufbauen. Das haben wir getan.
Der Auftrag der Feuerwehr ist derselbe geblieben: Wir sind da, um der Öffentlichkeit zu dienen, Leben zu retten und Eigentum zu schützen. Daran hat sich nichts geändert. Vielleicht tun wir es heute ein wenig anders.
„Wir sind da, um der Öffentlichkeit zu dienen, Leben zu retten und Eigentum zu schützen. Daran hat sich nichts geändert. Vielleicht tun wir es heute ein wenig anders“
Wir haben bessere Hilfsmittel und bessere Technologien. Aber unsere Mitglieder sind weiterhin entschlossen und engagiert, der Öffentlichkeit zu dienen und tatsächlich ihr Leben für andere zu riskieren. Genau das tut die New Yorker Feuerwehr seit 1865.
Eine Zahl hat mich besonders beeindruckt: Mehr als 100 Millionen Amerikaner wurden nach dem 11. September 2001 geboren. Sie haben 9/11 also nicht selbst erlebt. Wie wichtig ist die Erinnerung? Und wie kann man diesen neuen Generationen von Amerikanern und New Yorkern helfen zu verstehen, was an diesem Tag geschehen ist?
Daniel Nigro: Ich verstehe, dass ein so großer Teil der Bevölkerung damals noch nicht auf der Welt war. Ich selbst wurde einige Jahre nach Pearl Harbor geboren. Ich wusste, was geschehen war. Aber ich bin sicher, dass meine Erfahrung nicht dieselbe war wie die meiner Eltern, die es selbst erlebt hatten.
Deshalb verstehe ich, dass die Menschen heute nicht dasselbe Verständnis für die Situation haben. Aber wir versuchen, die Botschaft weiterzugeben: was für ein Tag das war und welche Auswirkungen er auf die Stadt, das Land und die Welt hatte.
„Solange wir unsere Aufgabe erfüllen und die Geschichte erzählen – und genau das versuche ich heute natürlich –, halten wir ein Versprechen, das wir damals gegeben haben: niemals zu vergessen“
Manche verstehen es, manche nicht. Das kann ich nachvollziehen. Aber solange wir unsere Aufgabe erfüllen und die Geschichte erzählen – und genau das versuche ich heute natürlich –, halten wir ein Versprechen, das wir damals gegeben haben: niemals zu vergessen.
Damit meinten wir: niemals diejenigen zu vergessen, die gestorben sind. Niemals diejenigen zu vergessen, die ihr Leben geopfert oder sinnlos verloren haben. Sie gingen an diesem Tag einfach zur Arbeit und wurden plötzlich angegriffen und getötet.
Was möchten Sie jüngeren Feuerwehrleuten sagen – jenen, die am 11. September noch nicht geboren waren oder zu jung waren, um sich daran zu erinnern? Was sollen sie über diesen schrecklichen Tag und über das Opfer ihrer Kollegen verstehen?
Daniel Nigro: Sie alle kennen die Geschichte. Wir sorgen dafür, dass sie an unserer Feuerwehrakademie vermittelt wird, wenn wir neue Mitarbeiter einstellen.
Bevor sie die Akademie abschließen, werden sie alle nach Ground Zero gebracht – an den Ort des World Trade Centers, wie wir ihn nennen. Sie sehen das Mahnmal, hören die Geschichte dort aus erster Hand, besuchen das Museum und lernen, was geschehen ist. Und sie erfahren, dass die Feuerwehrleute, die vor ihnen da waren, ihr Leben für diejenigen geopfert haben, die in den Türmen angegriffen wurden.
Darum geht es bei dieser Feuerwehr: Wenn man das Leben anderer über das eigene stellt, kann man sein Leben verlieren. Das verstehen sie. Und sie verstehen, was an diesem Tag geschehen ist.
In dieser Hinsicht erfüllen wir unsere Aufgabe. Ich hoffe vor allem, dass sie etwas über die unschuldigen Menschen lernen, die ihr Leben verloren haben: diejenigen, die in den Türmen arbeiteten, diejenigen im Pentagon und die Einsatzkräfte, die ihnen zu Hilfe kamen und dabei selbst ihr Leben verloren.
Das ist das Entscheidende, woran wir uns erinnern müssen.
An Jahrestagen erinnern wir uns an die Opfer, die Überlebenden und die Heldentaten. Das gilt besonders für einen Tag wie den 11. September. Aber dann kehrt das Leben – ganz menschlich – zur Normalität zurück. Wie sollte dieses Opfer Ihrer Meinung nach geehrt werden, nicht nur an diesem Tag, sondern das ganze Jahr über?
Daniel Nigro: Viele Menschen nutzen den Jahrestag des 11. September als einen Tag, an dem sie etwas zurückgeben. Das ist eine wirklich wunderbare Geste – etwa indem sie Menschen mit Mahlzeiten versorgen oder auf andere Weise etwas geben.
Ich hoffe, dass wir manchmal einen Schritt zurücktreten und uns sagen: Wir können nicht ändern, was an diesem Tag geschehen ist. Es ist geschehen. Es war ein schrecklicher Tag. Aber wie können wir unser Leben besser nutzen, um diejenigen zu ehren, die gestorben sind?
Wir können das tun, indem wir großzügig, freundlich und aufmerksam sind – und nicht hasserfüllt und nachtragend. Ich hoffe, dass dies die Botschaft aus der Zeit nach dem 11. September sein kann: Erinnern wir uns an diejenigen, die gestorben sind, solange wir dazu in der Lage sind. Eine Stiftung namens „Tunnel to Towers“ sagt: Solange wir dazu in der Lage sind, lasst uns Gutes tun. Das ist eine großartige Botschaft.
vatican news, 10. september 2026
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