“Irrlehren über Liebe und Mitgefühl”

Vatikanbotschafter bei UN in Genf warnt vor “Irrlehren über Liebe und Mitgefühl”

Quelle

Von Christian Peschken / EWTN

5. April 2025

Der Heilige Stuhl hat bei der UN in Genf daran erinnert, dass die Zukunft der Menschheit über die Familie führt. Sie ist nicht nur ein soziales Konstrukt, sondern eine grundlegende Stütze für den Schutz der Menschenrechte. Familien sind der erste Ort, an dem Würde vermittelt, Bildung gefördert und Generationen miteinander verbunden werden. Christian Peschken sprach mit Erzbischof Ettore Balestrero, dem Vertreter des Papstes bei der UN in Genf, über dieses Thema.

Exzellenz, die UN-Menschenrechtserklärung schützt die Familie, doch sie definiert nicht, was eine “natürliche Familie” eigentlich ist. Ist Familie einfach ein wandelbares soziales Konstrukt – oder gibt es eine unveränderliche, katholische Definition, die über den Zeitgeist hinaus Bestand hat?

Danke, denn sonst bleibt es ein Rätsel. Wir verwenden dieses Wort ständig, aber die Menschen wissen oft nicht, was wir damit meinen. Die natürliche Familie ist die Familie, die auf der Ehe gegründet ist – verstanden als die totale, gegenseitige, endgültige und ausschließliche Hingabe eines Mannes und einer Frau aneinander. Die natürliche Familie basiert also nicht nur auf einer bloßen Vereinbarung zwischen zwei Individuen, die je nach Kultur unterschiedlich sein kann, und sie gründet sich auch nicht ausschließlich auf Emotionen – so schön und tief sie auch sein mögen, allerdings oft vergänglich – oder auf rein rechtliche Beziehungen, die von zwei Personen akzeptiert werden.

Die natürliche Familie reicht viel tiefer, denn sie ist in der biologischen Identität der Menschen verwurzelt sowie in der totalen, gegenseitigen und endgültigen Hingabe eines Mannes und einer Frau. Sie gründet sich auch, so würde ich sagen, auf die Personen und Beziehungen, die aus dieser Verbindung entstehen: Kinder, Enkelkinder, Großeltern und andere Angehörige. All dies verleiht der Liebe Authentizität und stärkt sie – und damit auch die Emotionen. In der natürlichen Familie kommt es daher vor allem nicht auf Funktionen oder Vorteile an, sondern darauf, wer die Menschen sind.

Der Heilige Stuhl mahnte vor der UN in Genf an, dass der Hinweis auf individuelle Rechte oft genutzt wird, um den Schutz der Familie als gemeinschaftliches Gut zu schwächen. Doch Kritiker warnen, dass eine Betonung der Familie die Autonomie des Einzelnen und gesellschaftliche Vielfalt gefährden könnte. Wie begegnet der Heilige Stuhl diesem Spannungsfeld? Ist die Familie ein Fundament der Menschenrechte oder ein Hindernis für individuelle Freiheit?

Der Heilige Stuhl antwortete mit der Feststellung, dass das Individuum und seine Autonomie nicht in Gegensatz zur Familie gesetzt werden sollten. Sie sind keine Gegner, sondern vielmehr dazu geschaffen, sich gegenseitig zu ergänzen. Der Mensch findet seine Erfüllung und sein Wachstum in der Familie. Das Individuum ist kein isoliertes Wesen, das völlig unabhängig von allen anderen existiert und sich nach Belieben selbst formen kann. Vielmehr verwirklicht jeder Mensch seine Identität gerade durch und aufgrund von Beziehungen – insbesondere der familiären.

Es ist in der Familie, dass der Mensch zuerst lernt, wie er mit anderen in Beziehung tritt und mit ihnen umgeht. Es ist nicht wahr, dass das Sprechen über Familie die individuelle Autonomie untergräbt. Im Gegenteil, es fördert deren Reifung. Wahr ist jedoch, dass das Entgegensetzen der individuellen Autonomie gegen die Familie nicht nur die Familie zerstört, sondern auch dem Individuum schadet, weil es ihn oder sie in sich selbst gefangen hält und in die Sklaverei des eigenen Egoismus führt. In der Familie lernt man, mit anderen zusammenzuleben, die unterschiedliche Eigenschaften besitzen. Die Stabilität familiärer Beziehungen bewahrt uns davor, vor Unterschieden zu fliehen.

Allzu oft werden Unterschiede nur dann gefeiert, wenn sie es dem Einzelnen ermöglichen, so zu bleiben, wie er oder sie ist – anders als die anderen, mit der Tendenz, diese Unterschiede zu nutzen, ohne sich wirklich an andere hinzugeben. Doch gerade in der Familie lernen wir, Unterschiede zu versöhnen, mit ihnen umzugehen und uns von ihnen herausfordern zu lassen, ohne unsere eigene Identität zu verlieren. Dies ist möglich, weil die Familie ein Raum der Liebe ist, die nährendste Umgebung, in der man so angenommen wird, wie man ist, aber auch wachsen und reifen kann.

Leider ist unsere Zeit von gewissen Irrlehren geprägt – Irrlehren über Liebe und Mitgefühl. Denn Euthanasie wird als Mitgefühl angesehen. Abtreibung wird Mitgefühl genannt. Die Entscheidung, keine Kinder zu bekommen, wird als Mitgefühl für den Planeten bezeichnet. Das Paradoxon unserer Zeit ist also, dass wir im Namen der Fürsorge für das menschliche Leben eben dieses zerstören. Doch das Leben ist kein Problem, das es zu lösen gilt, sondern ein Geheimnis, das es zu suchen gilt. Und diese Suche findet ihren besten Ausdruck in der Familie.

Sich um das Leben zu kümmern, bedeutet nicht, es zu verschonen, sondern es zu wagen – gegen alle Widrigkeiten zu hoffen, an die Vorsehung statt an Programme zu glauben und das Abenteuer zu riskieren. Nirgendwo sonst wird dieser Geist des Wagens so sehr geformt wie in der Familie. Die moderne Fixierung auf Fitness und das Streben nach Wohlbefinden verhindern allzu oft, dass wir wirklich lebendig sind. Lebendig zu sein bedeutet, sich von anderen herausfordern zu lassen, von unvorhergesehenem Drama und unerwarteter Freude. Lebendig zu sein bedeutet, Leben zu schenken – und unser Leben zu geben. In der Familie entdecken wir die Wahrheit und die Schönheit dieser Berufung und lernen, auf diese Weise zu leben.

Papst Johannes Paul II. bezeichnete die Familie als “Hauskirche”. Wie vermittelt der Heilige Stuhl diese Bedeutung heute an eine junge Generation, die oft distanziert zur Kirche steht? Und wie überzeugt er die säkularen Mitglieder der Vereinten Nationen davon, dass die Familie nicht nur ein religiöses Ideal, sondern ein grundlegendes gesellschaftliches Gut ist?

Der Heilige Stuhl verkündet die Bedeutung der Familie mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Er spricht über die Familie, reflektiert über sie und widmet seine pastoralen Bemühungen ihrer Unterstützung. Die Familie nimmt eine zentrale Stellung in allen Aktivitäten und Programmen der Kirche ein. Natürlich wird die Art und Weise ihrer Vermittlung je nach Kontext angepasst. Manchmal ist es bereichernd, mit Familien zusammenzutreffen und eine gemeinsame Erfahrung des Glaubens und des Lebens zu teilen. In anderen Momenten ist es bedeutsam, mit Familien zu beten oder ihnen zuzuhören. Wieder zu anderen Zeiten ist es angebracht, über die Familie nachzudenken und sie zu ermutigen, sich den Herausforderungen der heutigen Zeit im Licht des Evangeliums zu stellen.

Was beobachten wir heute in Europa, da wir uns hier in Genf befinden? Leider sehen wir einen Rückgang der Geburtenraten und einen Anstieg der Selbstmordraten unter jungen Menschen. Und warum geschieht dies? Es ist das Ergebnis des Zusammenbruchs zweier Extreme: einerseits des Progressivismus, andererseits politischer Utopien. Dies führt dazu, dass junge Menschen nichts weiter angeboten bekommen als bloßes Überleben – während sie nach einem Sinn oder nach jemandem suchen, für den es sich zu leben lohnt.

Dies wirft eine grundlegende Frage auf: Was bedeutet Gefahr? Was bedeutet der Tod? Sind sie lediglich die Möglichkeit des Verlusts, oder könnten sie nicht vielmehr eine Gelegenheit zum Geben sein? Vielleicht sind wir für die Selbsthingabe geschaffen, und sobald wir uns weigern zu geben, bleibt uns nichts als Verlust.

Natürlich ist dies eine tiefgehende Diskussion – eine pastorale wie auch eine philosophische. Gleichzeitig kann in diesem Zusammenhang eine Debatte mit Mitgliedern der Vereinten Nationen geführt werden, um zu betonen, dass die Familie die grundlegende Einheit der Gesellschaft ist. Denn wie es der Familie ergeht, so ergeht es der Nation – und schließlich der ganzen Welt. Wenn Familien gespalten und selbst zentriert sind, wie können wir dann hoffen, eine Gesellschaft und eine Welt zu bauen, die geeint und selbstlos ist?

Mehrere Länder erinnerten daran, dass die Vereinten Nationen das Jahr 1994 zum Internationalen Jahr der Familie erklärten. Zum 30. Jahrestag wurde eine Resolution verabschiedet, die die fundamentale Rolle der Familie in der Gesellschaft anerkennt und einer rein individualistischen Sicht des Menschen entgegenwirken soll.

Bedauerlich ist jedoch, dass gerade Länder mit christlichem Erbe oft nicht zu denjenigen gehören, die den Wert der Familie am stärksten verteidigen. Dabei war es der christliche Glaube, der dieses Bewusstsein ursprünglich geprägt hat. Dies zeigt, dass die Bedeutung der Familie in jeder Gesellschaft erkannt wird, die aufrichtig ihr eigenes Wohlergehen fördern will. Gleichzeitig offenbart es aber die bedauerliche Verbreitung einer individualistischen Ideologie in westlichen Ländern, die ihr öffentliches Bewusstsein getrübt hat – und so sowohl ihre gesellschaftliche Kohäsion als auch ihre Stabilität schwächte.

Die Familie bleibt jedoch der Ort, an dem ein Mensch seine Identität entwickelt, Beziehungen knüpft und Liebe erfährt. Sie lehrt uns, unser Leben nicht nur für uns selbst, sondern für andere zu geben. Eine Welt, die die Familie schwächt, schwächt letztlich sich selbst und beraubt sich ihrer kraftvollsten Grundlage.

Original-Interview aufgenommen in Genf von Alex Mur | Teamleitung Genf: Laetitia Rodrigues | Produktionsleitung: Patricia Peschken | Sprecher: Jan Terstiege | Redaktion, Moderation und Schnitt: Christian Peschken für Pax Press Agency im Auftrag von EWTN und CNA Deutsch.

Hinweis: Interviews wie dieses spiegeln die Ansichten der jeweiligen Gesprächspartner wider, nicht notwendigerweise jene der Redaktion von CNA Deutsch.

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Bericht aus Genf
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