25. Juli 2021 – Welttag der Grosseltern

Welttag der Großeltern: Ein Altersforscher im Gespräch

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Welttag der Großeltern: Ein Altersforscher im Gespräch

Am 25. Juli würdigt die katholische Kirche zum ersten Mal mit einem Welttag Großeltern und alte Menschen. Papst Franziskus hat den Tag initiiert – gerade nach der Corona-Pandemie brauche es ein Miteinander der Generationen. Der Heidelberger Altersforscher Andreas Kruse sieht in einem solchen Festtag durchaus Chancen.

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Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht der Experte über junge Großeltern, sportliche Senioren und die Rolle der Kirchen.

Frage: Herr Professor Kruse, ist der  “Welttag der Großeltern und alten Menschen” eine gute Idee?

Kruse: Zu bedenken ist: Nicht alle Großeltern stehen im höheren Alter; wir kennen viele Großeltern, die erst im fünften Lebensjahrzehnt stehen. Das muss bedacht, kann aber auch konstruktiv gewendet werden: Inwieweit können Menschen, die Lebenserfahrung gewinnen und reflektieren konnten und die eine tragfähige Lebensgrundlage aufgebaut haben – materiell, sozial, ideell – jungen Menschen, die eher am Beginn oder in frühen Phasen des Lebens stehen, Anregungen, Hilfen und Impulse geben? Der produktive oder kreative Sorgecharakter ist hier angesprochen; und dieser sollte auch bei einem derartigen Welttag eine zentrale Botschaft bilden.

Frage: Was ist von einem solchen Tag zu erhoffen?

Kruse: Eine Neubesinnung auf die seelischen, geistigen und kommunikativen Potenziale und Kräfte des Alters wie auch auf mögliche Verletzlichkeiten im Alter, vor allem im hohen Alter. Wie kann die kulturelle und gesellschaftliche Wahrnehmung dieser Potenziale und Verletzlichkeiten gefördert und geschärft werden? Wie können wir als Gesellschaft, Kultur, Bürgerschaft, Gemeinde der Gläubigen auf diese Potenziale und Verletzlichkeiten antworten? Hier kann die geistige Botschaft des Alten und des Neuen Testaments bedeutende Anstöße geben. Und hier sollten die Kirchen initiativ werden.

Frage: Während der Corona-Pandemie sind ältere Menschen als besonders verletzlich in den Blick geraten. Denken Sie, dass sich dadurch dauerhaft etwas verändern wird?

Kruse: Die Chance besteht durchaus. Dabei sollte auch auf die nicht selten zu beobachtende Fähigkeit alter Menschen eingegangen werden, derartige Bedrohungen und Grenzsituationen in reifer Art und Weise zu verarbeiten. Nicht nur die Verletzlichkeit, sondern auch die Resilienz – das heißt: die psychische Widerstandsfähigkeit – tritt in Zeiten der Pandemie deutlich hervor. Dabei spielt die Überzeugung, eine Aufgabe im Leben zu haben und von anderen Menschen geschätzt zu werden, eine wichtige Rolle mit Blick auf die Stärkung der Widerstandsfähigkeit. Von Kirchengemeinden ist vielfach eine wichtige Initiative ausgegangen: nämlich gezielt auf alte Menschen zuzugehen und ihnen zu signalisieren, dass sie einen wichtigen Teil von Gemeinde bilden.

“Große Potenziale intergenerationeller Beziehungen”

Frage: Zugleich wird vor Generationenkonflikten gewarnt, etwa beim Thema Klima. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Kruse: Eine solche Tendenz besteht. Zugleich können wir beobachten, dass sich mehr und mehr Initiativen bilden, die auf die überragende Bedeutung des Klimaschutzes hinweisen – und diese Initiativen werden nicht selten auch von alten Menschen mitgetragen und initiiert. Die Verantwortung alter Menschen für nachfolgende Generationen darf in der öffentlichen Diskussion keinesfalls ausgeblendet werden. Sie ist größer, als viele annehmen.

Frage: Was können die Generationen voneinander lernen? Und wie ließe sich das fördern?

Kruse: Die verschiedenen Generationen zeigen unterschiedliche Formen von Kreativität und Produktivität, sie blicken unterschiedlich auf die Welt, haben auch unterschiedliche persönliche Entwicklungsaufgaben zu meistern. Das Aufeinander-Zugehen, die gemeinsame Bearbeitung von Projekten in der Arbeitswelt und Zivilgesellschaft, schließlich die gegenseitige Unterstützung und Förderung: Dies sind große Potenziale intergenerationeller Beziehungen in der Arbeitswelt und Zivilgesellschaft.

Frage: In der Öffentlichkeit scheint es häufig auf Jugendlichkeit, Sportlichkeit und Co. anzukommen. Was bedeutet dies für ältere Menschen?

Kruse: Nicht wenige ältere Menschen weisen ja eine beeindruckende körperliche Leistungsfähigkeit auf – und fühlen sich durch solche Altersbilder nicht herabgesetzt. Man darf nicht unterschätzen: Das Alter hat nicht nur seine geistige und seelische, sondern auch seine körperliche Schönheit – wenn Menschen zeit ihres Lebens an dieser Schönheit arbeiten: verantwortlich mit dem Körper umgehen, aber eben auch mit Seele und Geist. Dann kann die Gesamtpersönlichkeit etwas sehr Harmonisches, Lebendiges und Vielfältiges an den Tag legen – und braucht sich weiß Gott nicht zu verstecken.

“Die Individualität der Glaubensentwicklung im Lebenslauf und solcher Fragen im Alter darf nicht unterschätzt werden”

Frage: Zunehmend wird die letzte Lebensphase auch als Zeit der Sinnsuche beschrieben. Ein Anknüpfungspunkt für die Kirchen?

Kruse: Unbedingt. Die letzte Lebensphase ist auch eine Zeit zunehmender Introversion und Introspektion, das heißt einer intensiveren Auseinandersetzung der Person mit der eigenen Psyche, dem eigenen Geist sowie der Weiterentwicklung von Lebenswissen. Zugleich werden Fragen des Verlusts, der Endgültigkeit und der Endlichkeit wichtiger – Fragen, die auch für die Notwendigkeit einer vermehrt gelebten Geistigkeit und Spiritualität sprechen. Und solche Fragen werden von alten Menschen oftmals adressiert. Hier können Kirchen bedeutende Hilfen anbieten, wobei wichtig ist: Die Individualität der Glaubensentwicklung im Lebenslauf und solcher Fragen im Alter darf nicht unterschätzt werden.

Kirchen als Mahner gegen soziale Ungleichheit

Frage: Da die Menschen immer älter werden, braucht es auch neue Lebensentwürfe und -modelle?

Kruse: Zu bedenken ist, dass alte Menschen im Durchschnitt heute deutlich länger körperlich, seelisch-geistig und sozial aktiv sind, als dies in früheren Zeiten der Fall war. Wir können heute auch ganz andere Möglichkeiten der Förderung von Selbstständigkeit und Teilhabe anbieten. Zugleich muss darauf geachtet werden, dass Menschen eine fachlich und ethisch anspruchsvolle Form der Begleitung in Phasen erhöhter Verletzlichkeit erfahren. Dies gilt auch für die Begleitung von Menschen mit einer Demenz, für Menschen am Lebensende. Diese Kultur muss deutlich gestärkt werden.Bei allem dürfen nicht die großen sozialen und materiellen Unterschiede übersehen werden, die in der Gruppe der älteren und alten Menschen anzutreffen sind und die großen Einfluss auf die Entwicklung und Verwirklichung von Lebensentwürfen und Lebensmodellen haben. Mit Blick auf Ihre Frage könnte ergänzend geantwortet werden: Es ist eminent wichtig, die großen sozialen und materiellen Unterschiede – mithin die soziale Ungleichheit – möglichst weit abzubauen.

Frage: Welche Rolle könnten die Kirchen in puncto Altersbilder spielen?

Kruse: Sie sollte auf die Potenziale, aber auch die Verletzlichkeit von älteren Menschen aufmerksam machen. Zudem sollte sie dazu beitragen, in den natürlichen Begegnungsorten von Kirche und Gemeinde, von Caritas und Diakonie die Beziehungen zwischen den Generationen zu stärken. Hinzu tritt die Aufgabe, in unserer Gesellschaft – vor allem in der Politik – für die soziale Ungleichheit auch in älteren und alten Bevölkerungen zu sensibilisieren und Entwürfe zu entwickeln, wie diese Ungleichheit – auch in ihren persönlichen Folgen – abgebaut werden kann. Hier können und müssen die Kirchen bedeutende Mahner sein.

kna – sst, 20. Juli 2021

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