“Sicherheit und Perspektiven für Christen im Irak”

“Kirche in Not”: “Sicherheit und Perspektiven für Christen im Irak”

Quelle
Studie zum Christentum im Irak
Interreligiöse Erklärung der Hilfsorganisationen im Irak zu Papstbesuch
Arabische Emirate: Lob für Irak-Reise des Papstes – Vatican News
Irak: „Geschwisterlichkeit braucht gegenseitigen Respekt“

“Kirche in Not”: “Sicherheit und Perspektiven für Christen im Irak”

Der Papstbesuch im mehrheitlich schiitischen Irak kann das Bewusstsein um die Präsenz und wichtige Rolle der einheimischen Christen schärfen. Das glaubt Regina Lynch, die den Papst als R.O.A.C.O.-Repräsentantin in das Zweistromland begleitet. Radio Vatikan hat mit der Projektdirektorin von ACN (Kirche in Not) International vorab gesprochen.

Anne Preckel – Vatikanstadt

Papst Franziskus hatte im Juni 2019 bei einer Audienz für Vertreter von Hilfswerken für den Nahen Osten und die Ostkirchen (R.O.A.C.O.) seinen Willen bekundet, in den Irak zu reisen. Dabei gab Franziskus seiner Hoffnung Ausdruck, der Irak möge bald „nach vorne blicken und eine friedliche Teilhabe aller seiner Komponenten – auch der religiösen – am Aufbau des Gemeinwohls erreichen, statt wieder in Spannungen zurückzufallen, die aus den nie richtig gelösten Konflikten der Regionalmächte herrühren“.

Das Wirken der Christen im Irak steht im Zeichen des Gemeinwohls aller Komponenten der irakischen Gesellschaft – das betont Regina Lynch von „Kirche in Not“ International, die am Freitag als R.O.A.C.O.-Vertreterin mit Franziskus in den Irak reist. Die Projektdirektorin von ACN (Kirche in Not) International hofft zugleich, dass die irakische Regierung durch den Papstbesuch Impulse erhält, Sicherheit, Infrastrukturen und Arbeit für diese stark dezimierte religiöse Minderheit zu schaffen.

Nach dem Aufbau von zerstörten Häusern der Christen gehe es in einer neuen Phase der Hilfsarbeit jetzt neben der Renovierung kirchlicher Struktuen darum, den Gläubigen beim Bleiben beziehungsweise bei ihrer Rückkehr in den Irak zu helfen, so Lynch über die Unterstützung der Ortskirche durch katholische Hilfswerke wie Kirche in Not. Zeitgleich zur Papstreise in den Irak startete das weltweite päpstliche Hilfswerk etwa ein neues Großprojekt, um junge Christen zu unterstützen. So sollen in den kommenden vier Jahren Stipendien für 150 Studenten der Katholischen Universität in Erbil (CUE), der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan, in einem Gesamtumfang von 1,5 Millionen Euro finanziert werden.

Regina Lynch (ACN International und ROACO-Repräsentantin): Meine große Hoffnung ist, dass die Christen die Solidarität der Weltkirche spüren. Sie haben so viel gelitten und fühlten sich schon auch alleingelassen teils. Und die Tatsache, dass der Papst jetzt gerade in der Corona-Zeit kommt, ist wirklich ein großes Zeichen der Solidarität. Eine weitere Hoffnung meinerseits wäre auch, dass ein Bewusstsein wächst, wer die Christen sind im Irak. Es gibt einige Bürger dort, die meinen, sie seien aus dem Westen gekommen. Sie ignorieren völlig, dass im Irak Christen seit dem 1. Jahrhundert anwesend sind. Ich glaube, der Papstbesuch führt da zu einer Anerkennung und einem Verständnis, er weckt Interesse bei der Bevölkerung. In den Medien im Irak wird jetzt so viel über diese Reise gesprochen und geschrieben… Das gibt Hoffnung und es geht möglicherweise – wie das der chaldäische Patriarch Kardinal Sako öfters sagt –in eine Richtung, wo Christen (am Ende, Anm.) die gleichen Bürgerrechte haben werden wie alle anderen Iraker. Das wäre für mich sehr wichtig

Radio Vatikan: Die irakische Regierung steht vor vielen Herausforderungen, um Einheit und Frieden im Land zu schaffen, Versöhnung zu fördern und auch gegen Korruption, Diskriminierung und Ungerechtigkeit vorzugehen. Wie kann da die – leider sehr dezimierte – christliche Gemeinschaft etwas beitragen?

Regina Lynch: Im ganzen Nahen Osten sind die Christen immer eine Minderheit gewesen und trotzdem können sie sehr viel beitragen. Alleine durch ihren Glauben – Toleranz unterstreichen, eine Brücke sein zwischen den verschiedenen Parteien und Gruppen. Die Christen haben auch sehr oft einen großen Durst nach Ausbildung, die christlichen Schulen zum Beispiel haben im Irak einen großen Beitrag zur Entwicklung des Landes geleistet. Seit fünf Jahren gibt es eine katholische Universität in Erbil. Die Studenten dort sind nicht nur Christen, sie sind dort in der Mehrheit, aber es gibt auch Muslime und Jesiden. Dass die jungen Leute in einem solchen Ambiente sind, wo sie andere Religionen kennenlernen und Vorurteile abbauen können, ist sehr wichtig. Dazu können die katholische und die anderen christlichen Kirchen im Irak beitragen.

Sicherheit garantieren und Perspektiven schaffen

Radio Vatikan: Bei der Papstreise ist ein Abstecher in die Stadt Karakosch geplant, die ehemals grösste christliche Stadt des Irak bis es 2014 zur Invasion der IS-Kämpfer kam. Welche Bedeutung hat diese Etappe?

Regina Lynch: Diese Etappe ist so wichtig! Im Jahr 2014 mussten die Christen praktisch über Nacht ihre Dörfer und Städte verlassen, unter anderem Karakosch. Und wir wissen jetzt, dass von den Christen, die geflohen sind, mittlerweile die Hälfte zurückgekehrt sind. Sie haben ihre Kirche restauriert, Kirche in Not hat dabei geholfen. Ich glaube, dass der Papst jetzt in diese wieder aufgebaute Kirche kommt, das ist so ein wichtiges Symbol für die Christen – das gibt ihnen bestimmt Hoffnung für die Zukunft.

Radio Vatikan: In Mossul will der Papst für Kriegsopfer beten und in Erbil eine heilige Messe feiern. Die Dörfer der Ninive-Ebene waren Schauplatz grausamer Vertreibungen, heute kehren einige Familien zurück. Kann der Papstbesuch im Irak ein Signal sein auch für die Vertriebenen, die noch im Ausland sind, oder die in der Region weilen?

“Das wären für mich die zwei Fragen: Sicherheit und Zukunftsperspektiven für die Christen, damit sie zurückkommen.”

Regina Lynch: Ich glaube, was wichtig ist für die Christen, die zurück kommen würden oder die in Erbil leben und zurück in ihre Dörfer möchten: Dass es mehr Sicherheit gibt und dass die Sicherheitslage stabiler wird. Und da würde ich hoffen, dass der Papst – in Gesprächen mit der Regierung und politischen Repräsentanten – dieses Thema ansprechen und diskutieren kann. Das wäre wichtig. Ich glaube auch, dass durch die Aufmerksamkeit dieser Papstreise es vielleicht mehr Hilfe geben wird für die Dörfer im Nordirak. Und zwar, damit es dort mehr Arbeit gibt – das ist eine grosse Frage im Irak: Wenn die die Menschen zurückkommen, was sollen sie machen, was können sie als Arbeit machen? Da denke ich auch, dass die westlichen Regierungen nicht denken sollen, das wäre jetzt alles erledigt. Es besteht noch sehr viel Bedarf in diesem Bereich, hier muss es weitergehen! Das wären für mich die zwei Fragen: Sicherheit und Zukunftsperspektiven für die Christen, damit sie zurückkommen.

Begegnung mit Schiiten-Führer könnte Versöhnung befördern

Radio Vatikan: Als wichtiges Zeichen des interreligiösen Dialogs wird die Begegnung des Papstes mit dem schiitischen Ayatollah Ali Sistani gewertet. Wie wird das im Irak wahrgenommen und darüber hinaus in der Region?

Regina Lynch: Ich habe schon von Projektpartnern gehört, dass diese Begegnung als etwas sehr Wichtiges angesehen wird. Die Schiiten sind im Irak in der Mehrheit, und die Tatsache, dass Ali Sistani offen und bereit ist, den Papst zu treffen, ist ein sehr wichtiges Signal, es ist eine Offenheit von seiner Seite. Im Norden des Landes gibt es sehr viele schiitische Milizen, und man könnte hoffen, dass durch diese Begegnung Bewegung kommt in diese ganzen Sicherheitsfragen. Ich glaube, das ist ein sehr wichtiges Signal. Und wir wissen, dass auch die Frage der Versöhnung im Raum steht. Und das würde vielleicht den Christen auch helfen, diesen Schritt zu gehen, sich zu versöhnen mit etwa Nachbarn, die die Christen aus ihren Häusern gedrängt haben, oder die nichts unternommen haben, um sie zu schützen.

Neue Phase der Hilfsarbeit

Radio Vatikan: Im Irak sind verschiedene christliche Hilfswerke engagiert, etwa die vatikanunterstützte Vereinigung von Hilfswerken R.O.A.C.O. (Riunione delle Opere di Aiuto alle Chiese Orientali) und Kirche in Not. Kann der Papstbesuch diese Hilfsarbeit auch noch mal “pushen”? Sind konkrete Initiativen geplant im Kontext dieser Visite?

Regina Lynch: Kirche in Not konzentriert sich jetzt auf den Wiederaufbau von kirchlichen Strukturen. Wir haben ja zuerst die Häuser der Christen renoviert, damit hat Malteser International weitergemacht. Derzeit konzentrieren wir uns auf den Wiederaufbau von Kirchen, Klöstern, Kindergärten, von Pfarrräumen, die so wichtig sind im Nahen Osten. Aber es gibt auch anderen Werke, die Mitglieder der R.O.A.C.O. sind, wie missio, Misereor oder die Caritas, auch die Erzdiözese Köln, die auch aktiv sind, andere Projekte jetzt weiterzuführen. Es ist besonders wichtig, Projekte für die Infrastruktur zu unterstützen, für die Arbeitsbeschaffung – das sind eigentlich Sachen, die der Staat, die Regierung machen sollte und nicht Hilfswerke. Aber aktuell liegt das noch wirklich bei den Hilfswerken, diese Infrastrukturen zu schaffen und diese Entwicklungshilfe weiterzugeben.

Die Rolle der Regierung

Radio Vatikan: Meinen Sie, dass die irakische Regierung durch den Papstbesuch einen Anstoss in diese Richtung erhält – also hier ihrer Verantwortung nachzukommen?

Regina Lynch: Das würde ich hoffen, das würde ich hoffen! Immerhin ist der Papst gut angesehen – überall in der Welt. Er setzt sich ein für die Bedürftigsten, und ich glaube, er könnte (im Irak, Anm.) das schon in diese Richtung andeuten. Aber das ist schwer zu beantworten, denn ich denke, dass die irakische Regierung an mehreren Fronten viel zu tun hat. Und inwieweit sie da den Christen tatsächlich helfen kann – das müssen wir mal schauen. Die Kirche jedenfalls wird ihre Gläubigen weiter unterstützen und sie ermuntern, ein Teil dieser Gesellschaft zu sein und ihren Beitrag zum Aufbau einer Gesellschaft zu leisten, die wirklich für das Wohl aller Bürger im Irak da ist.

Radio Vatikan: Ja, das hoffen wir auch. Ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch, Frau Lynch.

vatican news – pr, 4. März 2021

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