Papst im Kaukasus

Papst im Kaukasus: „Wo es offene Wunden gibt“

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Patriarch Ilia II.

Er geht mal wieder in die Peripherie: Franziskus verbringt das Wochenende im Kaukasus. Am Freitag bricht der Papst, der bisher weder in Paris noch in London oder Berlin zu sehen war, zu seiner 16. Auslandsreise nach Georgien und Aserbaidschan auf. Diese zweite Kaukasus-Reise des Papstes „vervollständige“ den Besuch, nachdem Franziskus im Juni Armenien besucht hatte. Das sagt im Gespräch mit Radio Vatikan der vatikanische Kardinalstaatssekretär, Pietro Parolin, über die Visite nach Tiflis und Baku.

„Ein Zweck dieser Reise ist der Dialog. In der Tat sind das Länder an der Grenze, aber auch Länder mit einem grossen Reichtum und Lebensfreudigkeit. Auf der anderen Seite herrschen dort auch Spannungen und viele Konflikte. Deshalb sind die Worte des Papstes, die er dort aussprechen wird, sicherlich dazu da, um alle Seiten einzuladen, aufeinander zuzugehen und gegenseitig zuzuhören. Das ist doch die grosse Herausforderung der heutigen Zeit.“

Es sei positiv, dass jene Länder, die der Papst besucht, den Weg des Friedens gesucht hätten, fügte Kardinal Parolin und spielte auf die diplomatischen Gespräche an.

„Aber wenn wir an die Herausforderungen denken, dann will ich vor allem eine hervorheben: das Thema der Flüchtlinge. Denn es gibt Flüchtlinge, die aus dem Nahen Osten kommen, weil es geografisch nahe zum Kaukasus liegt und dann dürfen wir nicht die vielen Binnenflüchtlinge im Kaukasus selber vergessen. Eines der grossen Herausforderungen für jene Länder, die der Papst besuchen wird, ist also die Betreuung jener Menschen, die ihr Zuhause verlassen mussten.“

Auch der Jesuit und Franziskus-Experte Antonio Spadaro pflichtet den Worten des Kardinalstaatssekretärs bei. „Das wird eine wichtige Reise, weil sie de fakto die Papstreise in den Kaukasus komplett macht“, so Pater Spadaro im Interview mit Radio Vatikan über Georgien, die erste Etappe. Der enge Vertraute des Papstes sieht den Trip als ideelle Fortsetzung von Franziskus’ Armenienvisite vom letzten Juni. „Der Kaukasus ist eine offene Wunde – auf der einen Seite ein Ort grossen Reichtums, vor allem was das Christentum betrifft, auf der anderen Seite aber ein Ort, der immer schon starke Konflikte erlebt hat und auch jetzt erlebt, wegen sich kreuzender Wirtschafts- und Polit-Interessen. Der Papst liebt es nun mal, an Orte zu gehen, wo es offene Wunden gibt, die geheilt werden müssen; die Dimension der Kirche als Feldlazarett steht auch für die therapeutische Dimension Jesu.“

Es war Pater Spadaro, dem gegenüber der Papst in einem programmatischen Interview seines ersten Amtsjahres 2013 von der Kirche als „Feldlazarett“ gesprochen hat.

„Der Papst besucht auch einen Ort, der gleichsam ein tiefer Brunnen christlicher Geschichte ist; es gibt dort ein immer noch aktives Mönchsleben, allerdings fehlt es nicht an Problemen, weil die Beziehungen zur orthodoxen Kirche Georgiens komplex sind. Die orthodoxe Kirche Georgiens verweigert zum Beispiel die Anerkennung der Gültigkeit einer katholischen Taufe; doch wird an den Beziehungen konstant und geduldig gearbeitet. Wenn wir so wollen, bedeutet die Präsenz des Papstes auch eine sehr klare Botschaft in Richtung Einheit der Christen, indem sie an diese tiefen Wurzeln appelliert, die Georgien so eifersüchtig hütet. Kultur und Sprache des georgischen Volkes sind ja vom Christentum durchdrungen…“

Und dann diese andere, Franziskus-typische Dimension: „Das ist eine Grenzregion. Wir würden sagen: Asien. Aber gleichzeitig ist das doch eine Kultur mit starkem Bezug auf Europa. In dieser Hinsicht wird das also eine interessante Reise zu den christlichen Wurzeln Europas.“

„Papstflüsterer“ Spadaro wird Franziskus nach Tiflis begleiten; er war auch schon mal in Georgien, vorab. „Mein Eindruck war, dass es vor allem bei jungen Leuten viel Interesse (am Papstbesuch) gibt. Bei jungen Orthodoxen. Man sieht daraus, dass die Gesellschaft sich in einer Entwicklung befindet. Patriarch Ilia II. ist eine historische Figur, die gleichsam den Übergang vom Sowjetsystem in die heutige Lage repräsentiert. In gewisser Weise ist da also die Erwartung einer Zukunft für die georgische Kirche, die es vielleicht neu zu denken gilt, und die Generation, die diese Änderungen miterlebt, ist sehr interessiert am Papstbesuch.“

rv 28.09.2016 sk/mg

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