Vatikan hat Fragebögen zur Familie ausgewertet

Inhalt der Beratungen der kommenden Synode

Quelle: zenit.org
“Ein getreues Echo der Familienbefragung”

Rom, 26. Juni 2014, zenit.org, Maike Sternberg-Schmitz

An diesem Donnerstag wurde im Pressesaal des Vatikans das “Instrumentum Laboris”, das Arbeitspapier, vorgestellt, das der kommenden Bischofssynode zur Familienseelsorge als Diskussionsgrundlage dienen wird. Es fasst die Ergebnisse zusammen, die aus der Auswertung der im Vorjahr verschickten Fragebögen zur Familie herausgekommen sind. Das aus etwa 90 Seiten bestehende Dokument mit dem Titel “Die pastoralen Herausforderungen im Hinblick auf die Familie im Kontext der Evangelisierung” verdeutlicht, dass sich die Teilnehmer mit einer grossen Bandbreite von heutigen Lebensrealitäten innerhalb und ausserhalb der Kirche beschäftigen werden, wie unehelichen und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, Geburtenkontrolle, Polygamie, Singles, Alleinerziehenden, Patchworkfamilien und die Frage nach dem Ausschluss von den Sakramenten der wiederverheirateten Geschiedenen. Diese Themen werden in dem Arbeitspapier in drei Teile aufgeteilt.

Der erste Teil beschäftigt sich mit der Vermittlung des Evangeliums an heutige Familien. In dem Papier heisst es, die Lehre der Kirche zu Ehe und Familie werde kaum akzeptiert oder sei weitestgehend unbekannt. Für den schlechten Informations- und Akzeptanzgrad der kirchlichen Lehre zu diesem Themenfeld machten einige der eingegangenen Bemerkungen auch die Bischöfe verantwortlich, weil diese aufgrund unzureichenden Wissens Themen wie Sexualität und Fruchtbarkeit umgehen würden. Wo die Lehre der Kirche zu Ehe und Familie gut übermittelt werde, nehme man sie gut an, so das Papier. Bezüglich der Sichtweise der Kirche zu Verhütung, zweiter Ehe, Homosexualität, künstliche Befruchtung, sei Widerstand zu spüren.

Den Fragebögen könne deutlich abgelesen werden, dass ein grosser Bedarf an Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten bestehe. Das Arbeitspapier registriert, dass der Wunsch nach Familien eine Chance biete und ein Zeichen der Zeit sei. Diesbezüglich seien die Zeugnisse alter christlicher Ehepaare hilfreich gewesen: Auch in stark säkularisierten Gegenden empfänden Jugendliche hohe Wertschätzung für Eheleute, die auch nach vielen Ehejahren Liebe und Treue füreinander aufbringen.

Der zweite Teil des Arbeitspapiers setzt sich mit der Familienpastoral angesichts neuer Herausforderungen auseinander. Eine Sorge betrifft hier die immer weiter fortschreitende Auflösung der Familie als Institution. In diesem Zusammenhang werden Gewalt, Missbrauch und Pädophilie genannt und in Regionen wie Afrika und Asien Inzest, Drogensucht, Alkohol und Pornographie, Glücksspiel, Internet, sowie soziale Netzwerke. Nach Darstellung des Dokuments tragen die Medien eine wesentliche Mitschuld an der Auflösung der Familie, da sie “Anti-Modelle” mit falschen Werten zeigen und mit ihrer Allgegenwart den Dialog innerhalb der Familie verhindern. Fehlende Arbeit, der Kampf um Lebensunterhalt und erzwungene Arbeitsmigration erschwerten die Situation zusätzlich. Das Papier erwartet hier vom Staat mehr “Hilfen für die Familien und die Kinder”, etwa in Form von Arbeitsschutzgesetzen, insbesondere für berufstätige Mütter.

Viele katholische Gläubige in aller Welt haben in ihren Fragebögen die Missstände der Kirche angeklagt, bei Priestern wie Laien, die zu einer Vertrauensabnahme geführt haben. Als Beispiele wurden Pädophilie unter Klerikern, ein ausschweifender Lebensstil der Priester und eine mangelnde Demut in der Darstellung des eigenen Glaubens genannt. In dem Papier heisst es: “Besonders wird der Eindruck unterstrichen, dass getrennt Lebende, Geschiedene oder alleinerziehende Eltern von Seiten einiger Pfarrgemeinden zurückgewiesen zu werden scheinen, sowie das unnachgiebige und wenig sensible Verhalten einiger Priester”. Es bestehe das Verlangen nach einer “offenen und positiven Pastoral, die in der Lage ist, durch ein glaubwürdiges Zeugnis all ihrer Glieder wieder Vertrauen in die Institution zu schenken.”

Weitere Herausforderungen für die Familie seien Krieg, Migration, Krankheit, esoterische Praktiken und gemischtreligiöse Ehen, in denen sich der katholische Teil besonderen Schwierigkeiten ausgesetzt sieht.

Bezüglich der “pastoral schwierigen Situationen”, wie die Ehe ohne Trauschein, Geschiedene, Singles und Alleinerziehende, müsse die kirchliche Seelsorge eine Gemeinschaft vermitteln und die Kirche sei dazu aufgerufen, sich ihrer anzunehmen, so das Papier.

Viel Raum innerhalb des Dokuments nimmt das Thema der wiederverheirateten Geschiedenen ein. Die Antworten der Fragebögen haben ergeben, dass sich viele ausgegrenzt fühlen und sich für ihre Lebenssituation von der Kirche auch noch bestraft fühlen. Einige Bischofskonferenzen regen an, dass sich die Kirche “selbst jene pastoralen Instrumente gibt”, die es ihr erlauben, mehr “Barmherzigkeit, Güte und Nachsicht im Hinblick auf die neuen Verbindungen üben zu können”. Während viele wiederverheiratete Geschiedene in Europa und Lateinamerika nach individuellen Lösungen suchten, reiche dies aber nicht allen, da viele – nicht nur in Europa – eine öffentliche Wiederzulassung zu den Sakramenten von Seiten der Kirche wünschen. In dem Papier heisst es, diese Gläubigen hätten offenbar Schwierigkeiten anzuerkennen, dass ihre Situation in der Kirche als irregulär gilt. Einige Antworten aus den Fragebögen hätten lobend auf die orthodoxen Kirchen verwiesen, die den Weg zu einer zweiten oder dritten Ehe mit Busscharakter öffnen würden, wobei dieses Vorgehen die Zahl der Scheidungen nicht mindere. Zu diesem Themenbereich kommt das Papier abschliessend zu der Feststellung, die Kirche dürfe nicht die Haltung des Richters einnehmen, der verurteilt, sondern müsse die einer Mutter einnehmen, welche ihre Kinder immer annimmt.

Bezüglich der homosexuellen Lebensgemeinschaften sieht sich das “Instrumentum Laboris” einem weitgefächerten Themenbereich gegenüber, der je nach geographisch-kultureller Region variiert. Beispielsweise würden Gläubige in Mittel-Ost-Europa die Anerkennung der sogenannten “Homo-Ehe” durch ihre Staaten als “Auferlegung” einer fremden Kultur empfinden. Alle Bischofskonferenzen haben zum Ausdruck gebracht, dass man nach einem Gleichgewicht zwischen kirchlicher Lehre über die Familie und einer “respektvollen, nicht verurteilenden Haltung” gegenüber Menschen in homosexuellen Beziehungen suche. In Ländern, die solche Verbindungen gesetzlich anerkennen, “äussern sich viele Gläubigen zu Gunsten einer respektvollen und nicht verurteilenden Haltung gegenüberdiesen Menschen, sowie zu Gunsten einer Pastoral, die sie annimmt.” Dies bedeute jedoch nicht, dass diese Gläubigen eine Gleichstellung zwischen der Ehe und den homosexuellen Verbindungen wünschen. Zusammenfassend heisst es in dem Arbeitspapier, dass es in der Weltkirche heute “noch keinen Konsens hinsichtlich der konkreten Art und Weise” gebe, wie Menschen in homosexuellen Verbindungen anzunehmen seien. Immer wichtiger sei die Sexualerziehung in der Familie und in den Schulen zu bewerten.

Der dritte Teil des Arbeitspapiers beschäftigt sich mit der “Offenheit für das Leben und die erzieherische Verantwortung”, was Themen wie Verhütung betrifft. Diesbezüglich äussert das Papier, dass viele Gläubige die “moralische Wertung der unterschiedlichen Methoden der Geburtenregelung” als “Einmischung in das Intimleben” empfänden. Nicht wenige Katholiken sähen den Unterschied zwischen “natürlichen” und “künstlichen” Methoden der Verhütung überhaupt nicht, und viele thematisierten ihre Praxis der Empfängnisregelung nicht mehr bei der Beichte, da man die Lehre der Kirche diesbezüglich als vorschnell und rückständig empfinde.

Bezüglich des Themas der Kinder fasst das Papier zusammen, dass es eine erstrangige Verantwortung der Eltern gebe, die der Staat anzuerkennen und zu fördern habe. In diesem Zusammenhang wird die religiöse Erziehung von Kindern angesprochen, auch derjenigen, die in “irregulären Situationen” leben. Insgesamt, so das “Instrumentum Laboris”, brauche die pastorale Tätigkeit “eine Erneuerung, Kreativität und Freude, um wirksamer und anregender zu sein”, um den Anforderungen der Beziehung zwischen Ausbildung der Kinder und Glaubensbildung der Eltern gerecht zu werden.

Im Oktober dieses Jahres wird im Vatikan die erste von zwei Bischofssynoden über die Familienseelsorge stattfinden, die zweite folgt 2015.

Die offizielle deutsche Übersetzung des Arbeitspapiers steht hier zum herunterladen.

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