Das Drama der Kirche

Es klingt wie ein Widerspruch

Die Tagespost, 25. November 2013, von Guido Horst

Es klingt wie ein Widerspruch: In seinem berühmten Brief vom 10. März 2009 an den Weltepiskopat, auf dem Höhepunkt des “Falls Williamson”, schrieb Papst Benedikt: von “unserer Zeit, in der der Glaube in weiten Teilen der Welt zu verlöschen droht wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet”. Scheinbar ganz anders klang es, als Papst Franziskus am 16. September vor Priestern der Diözese Rom sagte: “Ich wage zu sagen, dass es der Kirche noch nie so gut ging wie heute.” Ja was denn nun? Hat sich das Drama des Glaubens des Jahres 2009 in eine Blütezeit der Kirche des Jahres 2013 verwandelt? Der scheinbare Gegensatz löst sich auf, wenn man beide päpstlichen Aussagen zusammennimmt.

Es stimmt, was Franziskus sagt. Der römisch-katholischen Kirche – für die bedrängten und teilweise verfolgten Ostkirchen in der muslimischen Welt gilt das selbstverständlich nicht – ging es selten so gut wie heute. Das bauliche Patrimonium, die Kirchen und Dome und bischöflichen Residenzen, war selten so renoviert, herausgeputzt und gepflegt wie heute, noch nie unterhielt der Vatikan diplomatische und ausgesöhnte Beziehungen zu so vielen Staaten, das Verhältnis der Ortskirchen zu den Regierungen ist nicht immer spannungsfrei, aber weithin – auch in internationalen Organisationen – geniessen Kirchen- und Vatikanvertreter Ansehen oder zumindest den gebotenen Respekt. Der materielle Rahmen der Catholica kann sich am beginnenden 21. Jahrhundert sehen lassen.

Im Inneren sieht es freilich nicht so rosig aus. In “Porta fidei”, dem Motu proprio vom 11. Oktober 2011, mit dem Benedikt XVI. das “Jahr des Glaubens” ausgerufen hat, sprach der deutsche Papst von “einer tiefen Glaubenskrise, die viele Menschen” heute in grossen Teilen der Gesellschaft befallen hat. Der Glaube an den auferstandenen Herrn, der in seiner Kirche und in den Sakramenten gegenwärtig ist und wirkt, war schon für den Kardinal und Glaubenspräfekten Joseph Ratzinger so gut wie zusammengebrochen. Schon als junger Theologe, im Jahr 1958, hielt er einen weitsichtigen Vortrag über das neue Heidentum innerhalb – nicht ausserhalb – der Kirche.

Dass beides wieder zur Deckung kommt, der vielerorts gesunde und stabilisierte materielle Rahmen der Kirche – man denke nur an Deutschland –, und der allein entscheidende Inhalt, ein glühender Glaube, der Berge versetzen kann – das war Sinn und Ziel des zu Ende gegangenen “Jahrs des Glaubens”. In seiner kurzen Brandrede, mit der Kardinal Jorge Mario Bergoglio im Vorkonklave die Aufmerksamkeit der Papstwähler auf sich zog, sprach der Argentinier von einer “kranken Kirche”, die “selbstbezüglich” sei und an dem “schwerwiegenden Übel der geistlichen Verweltlichung” leide. Und von Rom aus betrachtet ist es der Jesuiten-Papst selber, der mit seinen teilweise ganz plastischen Aufbrüchen in die Randgebiete der menschlichen Existenz den spürbarsten Impuls für die Neuevangelisierung und das Wiederaufleben des Glaubens setzte. In Rom, vom Vatikan aus. Ob der Funke in den Ortskirchen zündet, hängt von der Freiheit der Christenmenschen ab. Es ist ein Drama, das sich abspielt. Und auch nach dem grossen Glaubensjahr geht dieses Drama weiter.

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