‘Du siehst erbärmlich aus’

Er wurde Alkoholiker, verliess seine Frau und seine Kinder

….und übersiedelte nach Las Vegas, da er der Meinung war, dort seien alle glücklich – Leseprobe jeden Samstagabend aus ‘Männer sind anders’ von Larry Richards

Erie, kath.net, 25. August 2012

Da nun sowohl mein Vater als auch meine Mutter Polizisten waren, lernte ich zahlreiche Polizisten kennen. Sie kamen oft bei uns zu Hause vorbei. Das Leben eines Polizeibeamten ist hart. Immer, wenn das Telefon läutet, geht es um etwas Unangenehmes. Nie ruft jemand an, um etwas Erfreuliches mitzuteilen.

Da ich unter Polizisten aufwuchs, schloss ich viele Freundschaften mit ihnen. Einen davon kannte ich besonders gut. Dieser wurde Alkoholiker. Er verliess seine Frau und seine Kinder und schliesslich auch die Polizeitruppe von Pittsburgh. Er übersiedelte nach Las Vegas, da er der Meinung war, dort seien alle glücklich. Dort wurde er Chef des Sicherheitsdienstes in einem der Kasinos.

Er nahm sich eine neue Frau, bekam weitere Kinder und besass einen grossen blauen Cadillac. (Vor Jahren bedeutete ein Cadillac wirklich viel. Heute braucht man einen Lexus, einen Hummer oder einen Denali.)
Er hatte alles, aber er fühlte sich nach wie vor leer. Er trank weiter. Nach einigen Jahren Las Vegas zog er nach Houston, Texas, um. Dort wurde er in einem Vorort namens Katy Chef des Sicherheitsdienstes eines der grössten Krankenhäuser des Landes, aber er trank nach wie vor.

Einige Tage vor seinem sechsundvierzigsten Geburtstag starb er an einer Leberzirrhose.
Damals war ich Student im Seminar. Seine Frau rief mich an und sagte: “Larry, er liegt im Sterben. Kannst du bitte kommen?” “Ja, klar”, gab ich zur Antwort. Das gehörte schliesslich zu meinen Seminarpflichten, wir sind liebevolle Menschen. Selbstverständlich. Ich nahm das nächste Flugzeug und flog nach Houston.

Als ich den Raum betrat, war ich nicht auf das vorbereitet, was ich dann sah. Im Bett lag ein fünfundvierzig Jahre altes menschliches Skelett mit grauen Haaren. Der Mann konnte nicht mit mir sprechen, da er an ein Beatmungsgerät angeschlossen war, aber er hielt eine kleine Tafel in der Hand, um sich damit zu verständigen. Ich sagte zu ihm: “Du siehst erbärmlich aus.” (Tja – ich habe einen negativen Sinn für Humor –, falls dir das noch nicht aufgefallen ist.)

Er nickte auf und ab, aber er konnte nicht sprechen. Ich verbrachte eine Woche bei ihm und betete und sprach mit ihm, so gut ich es eben konnte. Er antwortete mir, indem er auf seine kleine Tafel schrieb. Wie bedrückend können die Räume der Intensivstation sein!
Am Ende der Woche sagte ich zu ihm: “Hey, hör zu, ich muss wieder gehen.” Ich musste wirklich wegen meiner Studien nach Erie zurückfliegen, denn es war bereits September. Aber ich sagte zu ihm: “Du weisst, dass ich im Mai mein Studium abschliessen werde, und es wäre schön, wenn du bei der Schlussfeier dabei sein könntest.”

Der Mann nickte auf und ab, aber wir beide wussten, dass dies nicht möglich sein würde. Er lag im Sterben. Er wusste es. Ich wusste es. So sagte ich zum Abschied: “Ich werde für dich beten!” Es klingt so heilig. Manchmal verrichten wir Katholiken, wir Christen, heilige Dinge, aber vernachlässigen das Wichtigste. “Ich werde für dich beten”, sagte ich.

Als ich den Raum verliess, blickte ich nochmals zurück, denn ich wusste, dass es das letzte Mal war, dass ich diesen Mann sah. Als ich zurückblickte, sah ich, dass mich der Mann verzweifelt mit seinen Händen zurückwinkte. Ich rannte zu ihm zurück und dachte, dass etwas Furchtbares geschehen sei. Ich fragte: “Was ist los? Was kann ich für dich tun?”

Dieser Mann griff nach mir, packte mich, zog mich ganz nahe an sich heran und umarmte mich so heftig, dass ich es noch immer fühlen kann. Das Ganze liegt fünfundzwanzig Jahre zurück, aber es scheint erst zwei Sekunden her zu sein. Als er mich so eng an sich drückte, sagte ich: “Ja, auch ich liebe dich, Vater!”

Das einzige Mal, dass ich meinem eigenen Vater sagte, dass ich ihn liebte, war an seinem Sterbebett. Warum? Er war nicht unbedingt der Typ von Vater, den ich wollte. Warum? Ich hatte mein Leben damit verbracht, über meinen Vater zu urteilen, anstatt ihn zu lieben.

Männer sind anders

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