Wegsehen gehörte zum Programm

Nach der Pornografie-Kritik von Papst Benedikt XVI. gerät das “System Weltbild” ins Wanken

– Wer jetzt nur von besseren Internetfiltern und Datenbankproblemen spricht, hat entweder nichts verstanden oder er vertuscht das eigentliche Problem – Aufklärung tut Not, aber sie muss unabhängig erfolgen.

Die Tagespost, 09.11.2011, von Markus Reder

Jetzt hat sich also der Papst eingeschaltet. Das könnte zum Wendepunkt eines Kirchen-Skandals werden, dessen Ausgang noch offen ist: Als am Montag Papst Benedikt XVI. den neuen deutschen Botschafter am Heiligen Stuhl empfing, da liess er nicht nur seine Deutschlandreise Revue passieren und forderte mit Nachdruck einen uneingeschränkten Lebensschutz. Das wäre das Normalprogramm einer päpstlichen Ansprache bei einer solchen Gelegenheit gewesen. Der eigentliche Hammer seiner Rede war eine ganz andere Bemerkung.

Benedikt kritisierte die geschlechtliche Diskriminierung von Frauen und betonte: “Es ist an der Zeit, Prostitution wie auch die weite Verbreitung von Material erotischen oder pornografischen Inhalts, gerade auch über das Internet, energisch einzuschränken.” Und weiter mahnte der Papst: “Der Heilige Stuhl wird darauf achten, dass der notwendige Einsatz gegenüber diesen Missständen seitens der katholischen Kirche in Deutschland vielfach entschiedener und deutlicher erfolgt.” (Die Ansprache im vollen Wortlaut, siehe Seite 7).

Damit steht fest: Der deutsche Papst ist nicht gewillt, schweigend zuzusehen, wie in seiner Heimat die Geschäftspraktiken des kircheneigenen Weltbild-Konzerns die Glaubwürdigkeit kirchlicher Verkündigung in den Dreck zieht. Deutlicher kann Benedikt XVI. kaum werden. Der Papst macht Druck. Unmissverständlich und öffentlich. Und wieder geht es um konsequente Aufklärung und Aufarbeitung eines innerkirchlichen Skandals: Die Beteiligung der Kirche in Deutschland an Produktion und Verbreitung von Erotik- und Porno-Titeln sowie kirchliche Geschäfte mit Esoterik, Okkultismus und Gewaltverherrlichung.

Am Montagabend meldete sich auch das Erzbistum Köln zu Wort. In einer Erklärung heisst es, die Kritik an der Kirche, dass “über Unternehmen, die in ihrem Eigentum stehen, zweifelhafte Medien bezogen werden könne”“, sei “berechtigt und nachvollziehbar”. Die Kirche, so das Erzbistum, dürfe im Bereich der Medien um ihrer eigenen Glaubwürdigkeit willen “nichts tun, was ihrer Lehre widerspricht”. (Wortlaut der Erklärung, siehe Seite 11).

Längst haben die Vorgänge um den kircheneigenen Weltbild-Konzern auch international für Aufsehen gesorgt: Trotz guter Geschäftsbeziehungen von Weltbild in die Verlagswelt, trotz Maulkörben für katholische Journalisten, deren investigative Recherchen man in deutschen Kirchenkreisen besonders zu fürchten scheint. Das Thema Weltbild ist nicht mehr unter dem Tisch zu halten. Dafür hat endgültig der Papst mit seinen Äusserungen gesorgt.

Seit Jahren war klar, die Bombe Weltbild würde eines Tages hochgehen und die katholische Kirche in Deutschland in eine hochnotpeinliche Situation bringen. Es war alles nur eine Frage der Zeit. Diesmal war es nicht der Spiegel, die Süddeutsche oder eines jener Medien, die sich sonst die Finger lecken, wenn es gilt, der Kirche eins reinzuwürgen, sondern das Branchenmagazin Buchreport. Dort wurde über das Weltbild-Geschäft mit Sex und Erotik berichtet. Mehr als 2 500 Artikel seien dazu im online-Katalog des Kirchenkonzerns zu finden, hiess es. Damit brannte die Lunte.

Seit Jahren schon hatte es Beschwerden über Weltbild gegeben. Kritiker schickten umfangreiche Dossiers an Bischöfe. Ernst genommen wurden sie so gut wie nie. Weltbild machte weiter wie gehabt und fühlte sich nach dem gescheiterten Verkaufsversuch im Jahr 2008 seiner Sache besonders sicher. Möglich, dass die Erfolgsbilanzen des Unternehmens verantwortliche Kirchenmänner in den Weltbild-Gremien derart geblendet haben, dass man die dunklen Seiten des Erfolgsmodells Weltbild nicht sehen und schon gar nicht darüber reden wollte. Die Folgen jedoch sind fatal: Ausgerechnet jetzt, wo nach dem entsetzlichen Missbrauchs-Skandal eine erste Beruhigung der Situation eingetreten war, sieht sich die Kirche mit dem belegbaren Faktum konfrontiert, an Produktion und Verkauf von Dingen beteiligt zu sein, die das christliche Menschenbild und den Glauben der Kirche mit Füssen treten. Es geht bei Weltbild ja keineswegs allein um erotische oder pornografische Titel. Mindestens so schwer wiegt das Geschäft mit Esoterik, Okkultismus, Buddhismus und Gewaltverherrlichung.

Transparenz und Ehrlichkeit sind das Gebot der Stunde

Die Kirche werde den Vertrieb möglicherweise pornografischer Inhalte unterbinden, hatten nach Bekanntwerden der Vorwürfe der Vorsitzende des Weltbild-Aufsichtsrates, der Finanzdirektor des Bistums Augsburg, Klaus Donaubauer, und Aufsichtsrat Hans Langendörfer, der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, erklärt. Die kirchlichen Gesellschafter seien darauf bedacht, die Wertebindung immer wieder zu überprüfen, hiess es weiter. Inzwischen hat man Internetfilter verbessert und versucht die Öffentlichkeit – zuförderst die Bischöfe – glauben zu machen, das eigentliche Problem seien die Datenbanken, der Rückgriff auf das Verzeichnis lieferbarer Bücher, das selbst brave Klosterbuchläden zu Pornohändlern wider Willen machen kann.

In der Tat liegt hier ein Problem, dessen sich manche katholische Anbieter nicht bewusst waren oder mit dem sie nicht sensibel genug umgegangen sind. Auch hier wird man umdenken müssen. Wenn man es ernst meint mit einem “katholischen Angebot” im Internet, müssen die Suchmaschinen entsprechend anders gepflegt werden. Aber das ist weder das einzige Problem bei Weltbild, noch ist damit das System Weltbild auch nur ansatzweise erfasst. Darum ist es nach dem Papst-Appell entscheidend, dass die Bischöfe genau überprüfen lassen, was bei Weltbild vor sich geht. Das wird man in aller Deutlichkeit nur erfahren, wenn man eine unabhängige Betriebsprüfung durchführen lässt. Davon sind Branchenkenner überzeugt.

Noch immer wird nämlich von einflussreichen Kräften innerhalb der Kirche versucht, den Skandal zu verniedlichen und von den eigentlichen Problemen abzulenken. Das erinnert an jene Art von Vertuschungsstrategien, von denen es im Zuge des Missbrauchsskandals geheissen hatte, so etwas dürfe es in der Kirche nicht mehr geben. Transparenz und Ehrlichkeit, auch wenn es um das Eingestehen eigener Fehler geht, seien von nun an oberstes Prinzip.

Gemessen an solchen Vorsätzen gibt es bei Weltbild keine Alternative zu schonungsloser Aufklärung. Kommt es dazu, würde rasch deutlich, dass hier nicht ein paar verstrahlte Konservative oder verkappte Romtreue zur Pornojagd im Internet blasen, wie manche das nur allzu gerne darstellen möchten, sondern nachweislich unter Verstrickung kirchlicher Träger und Kontrollinstanzen ein System entstanden ist, das die Bischöfe nun in aller Öffentlichkeit als Händler und Produzent von Pornografie dastehen lässt. Was das für die Glaubwürdigkeit der Kirche bedeutet, darüber braucht man nicht weiter reden.

Am Dienstag zitierte “Die Welt” den Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer, Aufsichtsrat bei Weltbild, mit den Worten: Der Aufsichtsrat des Konzerns habe sich “immer wieder” mit dem Angebot der elektronischen Vertriebswege befasst. “Dabei ist uns bewusst, dass es sich hier, wo bei der Internetbestellung die Suchfunktion der Web-Seite das gesamte ‘Verzeichnis lieferbarer Bücher‘ erreicht, um ein systematisches Problem handelt, vor dem jeder Buchhändler steht, sogar der stationäre Handel.” Seit Jahren existiere jedoch ein besonderes Filtersystem. Wo das noch nicht hinreichend funktioniere, werde weiter an Verbesserungen gearbeitet. Auch eine Verkaufsoption des Konzerns besteht laut Lagendörfer weiter. “Allerdings nur zu einem vertretbaren Zeitpunkt und zu einem vernünftigen Preis.” Schliesslich stünden die Gesellschafter auch in einer “ökonomischen und sozialen Verantwortung”, so der Jesuitenpater. Die Management-Ebene bei Weltbild wird diese Äusserung dankbar und entspannt zur Kenntnis genommen haben. Schliesslich ist auch 2008 der Verkauf gescheitert.

Priorität, so heisst es in der “Welt” weiter, hätte für Langendörfer ohnehin etwas anderes: Die Nutzung der gigantischen Vertriebsmaschine Weltbild für ideelle Zwecke. Das klingt gut, ist aber meilenweit von der Wirklichkeit entfernt. Mehr noch: Mit genau solchen Vorstellungen hat man den Gesellschaftern jahrelang Sand in die Augen gestreut und über die tatsächlichen Machenschaften von Weltbild hinweggetäuscht. Mit der unternehmerischen Realität von Weltbild hat das so viel zu tun wie Dolly Buster mit Mutter Teresa.

Konsequente Überprüfung aller Beteiligungen

Das Ziel des Konzerns ist klar: Es geht um die Marktführerschaft. Rein unternehmerisch ist das keineswegs verwerflich. Nur: Marktführer wird niemals, wer aus Wertebewusstsein oder gar Kirchenbindung auf Umsätze verzichtet. An genau dieser Stelle beisst sich das System Weltbild und der Ehrgeiz seiner Macher mit dem kirchlichen Besitz des Konzerns. Genau hier zeigt sich auch, dass es nicht nur um Datenbankprobleme und Internetfilter geht. Über diverse Verlagsbeteiligungen hat Weltbild ein Netz der Unübersichtlichkeit gewoben, das – wirtschaftlich sehr erfolgreich – nur noch wenige wirklich durchschauen. So ist für Laien – dazu sind im Verlagsmanagement wohl auch Bischöfe zu zählen – kaum mehr nachvollziehbar, was wo wie mit wem läuft und inwieweit die Kirche daran beteiligt ist. Im Übrigen belegen die in den vergangenen Wochen eilig durchgeführten Änderungen auf den Internetseiten, dass man mit dem Online-Geschäft bislang keineswegs sonderlich sorgsam umgegangen ist.

Entscheidender aber sind die Beteiligungen von Weltbild. So wurden zum Beispiel bei Jokers, einer hundertprozentigen Weltbild-Tochter, seit Jahren massenweise übelste Medien aktiv ein- und aktiv verkauft, darunter keineswegs “nur” wüsteste Sex-Titel. Nun hat man in einer Nacht- und Nebelaktion die Homepage gesäubert. Über die fünfzigprozentige Weltbild-Beteiligung am Buchgiganten Hugendubel lässt sich schlicht alles verkaufen. Auch Dinge, die im maximalen Gegensatz zu kirchlichen Überzeugungen oder zum christlichen Menschenbild stehen. Das führt zu völlig absurden Situationen: Öffentlich setzt sich die Kirche scharf und kritisch mit Dan Brown oder Deschner auseinander, über die Weltbild-Beteiligung an Hugendubel verdient sie still und heimlich am Verkauf solcher Bücher mit.

Und das ist längst nicht alles: Klarheit bringt auch ein sorgfältiger Blick in das Angebot von Droemer Knaur. An diesem Verlagshaus ist Weltbild zu fünfzig Prozent beteiligt. Dort erscheinen einige gute Sachbücher. Daneben wird aber vor allem Mainstream produziert, darunter Sex and Crime, Esoterik, Buddhismus, Erotik und Pornografie. So gilt etwa das Buch “Sündige Spiele” laut fachjuristischer Einschätzung als “schwer jugendgefährdend”. Schon diese Beispiele zeigen, warum eine konsequente Überprüfung aller Weltbild-Beteiligungen und ihrer Aktivitäten unumgänglich ist. Alles andere wären tatsächlich nur “kosmetische Korrekturen”, wie kirchliche Konzern-Kritiker mahnen.

Als die Weltbild-Spitze um den konfessionslosen Carel Halff – ein Top-Manager, der den Kirchen-Konzern zu einem Unternehmen mit 1,7 Milliarden Umsatz und 6 400 Angestellten gemacht hat – unter den geladenen Ehrengästen im Freiburger Konzerthaus sass und den Papst über Entweltlichung reden hörte, dürfte es ihnen in den Ohren geklungen haben. Aber Rom ist weit und die deutschen Verhältnisse waren bislang stabil und verlässlich. Wegsehen seitens der Kirche gehörte irgendwie zum festen Bestandteil des Verlagsprogramms. Nun drohen genau diese Verhältnisse zu erodieren. Zumindest dann, wenn die Bischöfe ernst machen und wirklich an Aufklärung interessiert sind. Die wird es nicht geben, wenn jene bei einer Prüfung der “Causa Weltbild” mitmischen, die seit Jahren genau über die Geschäftspraktiken von Weltbild Bescheid wissen, ohne die Bischöfe über die Tragweite der Vorgänge informiert zu haben.

Quelle
Ansprache Papst Benedikt XVI.
Wie.eine.Bleiglocke

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