Erzbischof Gallagher: Versöhnung braucht Wahrheit
Versöhnung setzt voraus, dass man sich der Vergangenheit stellt und für einen offenen Dialog bereit ist. Das sagte Erzbischof Paul Richard Gallagher bei einem Treffen in der polnischen Botschaft beim Heiligen Stuhl. Anlass war die Vorstellung einer Publikation über die deutsch-polnische Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Gallagher verwies dabei auf die historische Botschaft der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder von 1965: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“
Quelle
Stichwort: Historischer Briefwechsel von 1965
Polen: Feiern zu 60 Jahren Briefwechsel
Dorota Abdelmoula-Viet – Vatikanstadt

Die Publikation mit dem Titel „Perdoniamo e chiediamo perdono“ – „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ dokumentiert die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Tagung, die im vergangenen Jahr an der Päpstlichen Universität Gregoriana aus Anlass des 60. Jahrestags des historischen Briefwechsels zwischen den polnischen und deutschen Bischöfen stattfand.
Gallagher: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ bleibt aktuell
An der Vorstellung des Bandes in der polnischen Botschaft beim Heiligen Stuhl (21.9.2026) am Montagabend nahm auch Erzbischof Paul Richard Gallagher teil. Der Leiter der vatikanischen Diplomatie betonte die Bedeutung der Geste, die die beiden Bischofskonferenzen vor 60 Jahren vollzogen hatten.
„Die Worte ‚Wir vergeben und bitten um Vergebung‘, die in einem Europa ausgesprochen wurden, das noch tief von den Wunden des Krieges gezeichnet war, behalten auch heute noch eine besondere Kraft und Aktualität“, erklärte er.
„Sie erinnern uns daran, dass Versöhnung nicht daraus entsteht, die Vergangenheit zu vergessen, sondern aus der Fähigkeit, sich ihr in der Wahrheit zu stellen und sich mutig und vertrauensvoll einem aufrichtigen Dialog zu öffnen, ohne dabei zu vergessen, dass sie für einen Christen in erster Linie ein Geschenk des Herrn ist, wie der heilige Paulus sagt: ‚Gott hat uns durch Christus versöhnt‘.“
Gallagher bezeichnete die Veröffentlichung zugleich als Anlass, über die Bedeutung dieses Zeugnisses „für die Gegenwart und für die Zukunft nachzudenken, in einer Zeit, in der es nicht an neuen Spaltungen und Gegensätzen mangelt“. Sie erinnere daran, „wie wertvoll es ist, das zu bewahren, was im Laufe der Jahrzehnte geduldig aufgebaut wurde“.
Zudem dankte er den Botschaften Polens und Deutschlands beim Heiligen Stuhl für ihr Engagement bei der Erinnerung an das Ereignis und dessen Bedeutung für die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen nach dem Krieg.
Kwiatkowski und Kahl: Versöhnung bleibt eine Aufgabe
Der Gastgeber des Treffens, der polnische Botschafter Adam Kwiatkowski, dankte Gallagher für seine historische Bezugnahme.
„Für uns, für Polen und für Deutschland ist dies von enormer Bedeutung“, erklärte er. Zugleich betonte er, dass es ihm persönlich wichtig gewesen sei, die letzte von ihm betreute Veranstaltung vor der Rückkehr nach Polen dem Thema Versöhnung zu widmen.
„Die Welt braucht mehr. Sie braucht mutigere Gesten und Entscheidungen, die ihrer Zeit voraus sind. Sie muss bereit sein, dem Nächsten die Hand zu reichen. Sie muss dem anderen trotz bestehender Unterschiede Respekt und Dankbarkeit entgegenbringen“, sagte Kwiatkowski.
„Jemand muss den ersten Schritt tun“
Auch der deutsche Botschafter Bruno Kahl verwies auf die Bedeutung der Versöhnungsgeste der Bischöfe beider Länder.
„Versöhnung ist schwierig, aber möglich – doch jemand muss den ersten Schritt tun“, erklärte er. „Möge diese Veröffentlichung dazu beitragen, die richtigen Institutionen zu wecken und die richtigen Ohren für diese Werte und dieses grundlegende Verständnis zu sensibilisieren, damit auch heute ähnliche Initiativen entstehen, um Hass, Gewalt und Krieg zu überwinden.“
Erinnerung und deutsch-polnische Beziehungen
„Dieses Buch ist eine Zusammenfassung all unserer Aktivitäten im Zusammenhang mit dem 60. Jahrestag des Briefes der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe“, erklärte Andrzej Jerie, Direktor des Zentrums „Gedächtnis und Zukunft“ in Breslau und Initiator der Jubiläumsfeierlichkeiten, gegenüber den vatikanischen Medien.
Bei einer aufmerksamen Lektüre werde deutlich, welche konkreten Ergebnisse die gemeinsamen Bemühungen um gute Beziehungen zwischen Polen und Deutschland hervorgebracht hätten. Dazu gehörten unter anderem die Äußerungen von Knut Abraham. Dieser hatte während der Konferenz erklärt, die Feierlichkeiten in Breslau zum 60. Jahrestag des Briefes hätten dazu beigetragen, dass der Bundestag fast einstimmig für die Finanzierung des Polnischen Hauses und des Denkmals für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs in Berlin gestimmt habe.
An der Vorstellung der Publikation nahmen unter anderem Erzbischof Antonio Guido Filipazzi, Apostolischer Nuntius in Polen, die ehemalige Ministerpräsidentin Hanna Suchocka, Marek Inglot SJ, Vorsitzender des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften, sowie rund 15 Botschafter und Leiter diplomatischer Vertretungen beim Heiligen Stuhl teil.
vatican news – cs, 22. September 2026
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