Von Avi­gnon nach Rom: Kein Spaziergang

Quelle
Vor 650 Jahren: Tod Urbans V., dem „besten Papst in Avignon“ | DOMRADIO.DE
Avignonesisches Papsttum – Wikipedia
Papstpalast (Avignon) – Wikipedia
Urban V. – Ökumenisches Heiligenlexikon

Von Avi­gnon nach Rom: Kein Spaziergang

Vor 650 Jah­ren been­dete Gre­gor XI. die «Baby­lo­ni­sche Gefan­gen­schaft der Päpste» und kehrte aus Avi­gnon nach Rom zurück. Doch damit war das Rin­gen um Iden­ti­tät und Unab­hän­gig­keit der Kir­che kei­nes­wegs zu Ende. Es ging erst rich­tig los.

Eigentlich kann man sich ein durchaus schlimmeres Exil vorstellen als Avignon. Und das werden sich wohl auch jene Päpste, Kurienmitglieder und Höflinge gesagt haben, die dort im 14. Jahrhundert Hof hielten. Von 1309 bis September 1376, vor 650 Jahren, war das Städtchen an der Rhône: Rom! Denn dorthin hatte es das Papsttum verschlagen; unter dem Druck der französischen Krone – und wegen der politischen Wirren und Adelsfehden in Italien.

Rom selbst galt damals als faktisch unregierbar. Trotzdem stand das Ziel einer Rückkehr in die Ewige Stadt fast immer im Raum. Unter Urban V. (1362–1370) hätte es schon beinahe geklappt. Sein Nachfolger Gregor XI. unternahm einen zweiten Anlauf – und kehrte Avignon endgültig den Rücken.

Das Symbol des päpstlichen «Exils», der Papstpalast am Ufer der Rhône, zählt als grösster gotischer Palast der Welt heute zu Frankreichs Touristenmagneten. Damals waren die päpstlichen Schatullen völlig leer, als der steinerne Monument 1356 endlich fertiggestellt war. Alles, was das geizige Finanzgenie Johannes XXII. (1316–1334) an diesseitigen Gütern angehäuft hatte, etwa durch das Ablasswesen, hatten seine Nachfolger verbaut oder durch prunkvolle Hofhaltung verjubelt.

«Dein Name in Vergessenheit und Schimpf»

Eine der schärfsten Kritikerinnen des Papsttums von Avignon war die heilige Birgitta von Schweden (1303–1373). Sie redete Clemens VI. (1342–1352) ins Gewissen mit der Prophezeiung eines Strafgerichts am Jüngsten Tag: «… und ich werde dich ausfragen über die Nachlässigkeit und die Unverschämtheit deiner Zeit. […] Und dein Name, mit dem du dich auf Erden benannt hast, wird in meinen Augen und denen meiner Heiligen in Vergessenheit und Schimpf sein.»

Zum Heiligen Jahr 1350 siedelte Birgitta dann selbst ins innerlich wie äusserlich verwahrloste Rom über, wo sie die letzten Jahrzehnte ihres Lebens verbrachte: als Mutter der Armen und Prostituierten und als schlechtes Gewissen der Schlechten.

Als der «beste» der Päpste von Avignon gilt Guillaume de Grimoard; ein Kompromisskandidat und zuvor Benediktiner-Abt von Sankt Viktor in Marseille. Sittenstreng, fordernd, fromm und mildtätig, verstärkte Urban V. (1362–1370) die Reformbemühungen seines Vorgängers Innozenz VI. – was selbst den scharfen Papstkritiker und Dichter Francesco Petrarca jubeln liess: «O grosser Mann, ohnegleichen in unserer Zeit».

Gegen Ämterkauf und Pfründenhäufung

Weil er nie Teil der Kurie war, fühlte sich der aus dem abgelegenen Gevaudan in den Cevennen stammende Urban V. fremd im Apparat von Avignon. Er regierte in seiner Mönchskutte, bedürfnislos und unbestechlich, kämpfte gegen Ämterkauf und Pfründenhäufung. Zugleich verschlangen seine Förderung der Wissenschaften und neuer Universitäten in Europa sowie seine Bildungsstipendien für Arme namhafte Summen des Kurienbudgets.

1364 erhielt dieser so hoffnungsträchtige Papst Besuch von gleich vier hochgestellten Persönlichkeiten – alle mit demselben Ziel: Das Papsttum soll nach Rom zurück! Es erschienen in Avignon Kaiser Karl IV., der Dichter Giovanni Boccaccio («Decamerone»), die heilige Birgitta und der Dichterfürst Petrarca. Symbolisch standen sie für das Reich, für die Kultur, für die Kirche und für Italien. Frankreich und Avignon vereinnahmten den Papst wie Italien und Rom. Und die Provence war selbst auch kein sicheres Pflaster mehr; mehrfach plünderten Söldnerheere die Region.

Im Oktober 1367 zog Urban V. an der Seite des Kaisers in Rom ein. Der spanische Kurienkardinal Gil Alvarez de Albornoz hatte über viele Jahre die Verwaltung des zerrütteten Kirchenstaates neu strukturiert – und damit überhaupt die Rückkehr des Papstes möglich gemacht. Doch sich dauerhaft in Rom durchzusetzen, gelang Urban nicht.

Rom – Avignon – Rom – Avignon

Für zusätzlichen Frust sorgt 1369 ein gescheiterter Unionsversuch mit dem vom Islam bedrängten byzantinischen Kaiser Johannes V. Der Traum vom Wiedergewinn der Kircheneinheit platzt. Nach drei Jahren kehrt Urban V. 1370, entnervt und dem Drängen der Franzosen folgend, nach Avignon zurück – wo er binnen dreier Monate stirbt.

Sein Nachfolger Gregor XI. (1370–1378), Pierre Roger de Beaufort, ist bei seiner Wahl erst 42 Jahre alt. Ein Jurist von bemerkenswerter Bildung, sensibel, kränklich und leicht beeinflussbar, gibt er schliesslich dem Drängen vieler Zeitgenossen nach, unter anderen der heiligen Katharina von Siena. Er startet einen neuen Versuch und schifft sich im September 1376, vor 650 Jahren, gen Rom ein.

Arrivederci Avignon!

In Rom angekommen, leidet auch er unter der Feindseligkeit der rivalisierenden politischen Kräfte und stirbt im März 1378, mit seinem Entschluss und mit seinen Beratern hadernd. Das «Babylonische Exil» der Päpste ist damit beendet – das Problem der beschädigten Autorität des Papsttums allerdings nicht: Die Wahl nach dem Tod Gregors XI. führt zum «Grossen Abendländischen Schisma»: In Rom und in Avignon beanspruchen nun zwei Päpste zugleich, zeitweilig sogar drei, Nachfolger des Apostels Petrus zu sein.


KNA/Redaktion

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