Was bleibt? Die Schweizergarde – Eine Geschichte, die weitergeschrieben wird

Seit mehr als 500 Jahren stehen Schweizergardisten im Dienst des Papstes. Ihre Uniformen, Zeremonien und Traditionen erinnern an eine bewegte Vergangenheit. Doch was bedeutet es, selbst Teil dieser Geschichte zu sein? Für die Reihe „Was bleibt?“ hat Vatican News mit dem 24-jährigen Schweizergardisten Gabriel Steinmann gesprochen. Über eine Tradition, die schon seinen Vater nach Rom führte, eine außergewöhnliche Vereidigung und eine Gemeinschaft, die weit über den Dienst hinausreicht

Quelle
Schweizergarde (230)

Viola Olschewski – Vatikanstadt

Ein riesiges Puzzle, an dem seit mehr als 500 Jahren gearbeitet wird und das niemals fertig wird. So beschreibt Gabriel Steinmann die Geschichte der Päpstlichen Schweizergarde. Jeder Gardist, sagt er, füge diesem Puzzle ein eigenes Stück hinzu. Seit Juni 2024 gehört auch der 24-Jährige aus Zürich zu dieser jahrhundertealten Geschichte.

„Stellen wir uns gerne mal ein bisschen vor wie ein Puzzle sozusagen. Ein riesen Puzzle, das über 500 Jahre am Erstellen ist und halt nie fertig wird. Und das Schöne an dem ist, dass jeder Gardist ein Teil des Puzzles sein kann.“

Für Steinmann begann die Verbindung zur Schweizergarde schon lange vor seinem eigenen Eintritt. Bereits sein Vater hatte im Jahr 2000 im Vatikan gedient. Die Geschichten aus dieser Zeit und gemeinsame Reisen nach Rom begleiteten ihn während seiner Kindheit. Nach seinem Militärdienst in der Schweiz entschied er sich schließlich selbst für die Garde. Ursprünglich wollte er zwei Jahre bleiben. Doch die Zeit im Vatikan gefiel ihm so gut, dass er seinen Dienst verlängerte.

Heute gehört er zu jenen Männern, die den Papst schützen und zugleich eine Tradition fortführen, deren Ursprünge bis in die Renaissance zurückreichen.

Eine Geschichte, die bis heute verpflichtet

Am 22. Januar 1506 trafen die ersten Schweizer Soldaten in Rom ein, die Papst Julius II. zu seinem Schutz gerufen hatte. Dieses Datum gilt als Gründungstag der Päpstlichen Schweizergarde. Seither hat die Garde zahlreiche Pontifikate, politische Umbrüche und historische Einschnitte erlebt.

Besonders tief in ihrem Selbstverständnis verankert ist ein Ereignis, das sich mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrer Gründung ereignete: der Sacco di Roma.

Am 6. Mai 1527 erstürmten marodierende kaiserliche Truppen Rom. Bei der Verteidigung von Papst Clemens VII. verloren 147 Schweizergardisten ihr Leben. Dem Papst gelang die Flucht in die Engelsburg. Für die Garde wurde dieser Tag zum Sinnbild von Treue, Opferbereitschaft und der Verpflichtung, den Papst auch unter Einsatz des eigenen Lebens zu schützen.

Fast fünf Jahrhunderte später ist diese Erinnerung noch immer gegenwärtig. Nicht nur bei den jährlichen Gedenkfeiern, sondern auch im Bewusstsein der Gardisten selbst.

„Es ist auch ein Stolz, den man jeden Tag mit sich in den Dienst trägt, um zu wissen: Hey, das haben schon andere gemacht vor 500 Jahren, ich wäre aber auch bereit dazu.“

Für Steinmann ist die Geschichte von 1527 deshalb weit mehr als eine historische Begebenheit. Sie erinnert ihn daran, welche Verantwortung mit seinem Dienst verbunden ist.

Besonders sichtbar wird diese Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart bei der jährlichen Vereidigung. Traditionell legen die neuen Gardisten am 6. Mai ihren Eid ab und verpflichten sich, dem Papst treu zu dienen. Der Jahrestag des Sacco di Roma wird damit zugleich zu einem Tag, an dem die nächste Generation die Verantwortung ihrer Vorgänger übernimmt.

Ein außergewöhnlicher Moment im Vatikan

Für Gabriel Steinmann sollte die eigene Vereidigung zu einem unvergesslichen Erlebnis werden. Allerdings verlief sie anders als ursprünglich geplant.

Nach dem Tod von Papst Franziskus am 21. April 2025 wurde die für Mai vorgesehene Zeremonie verschoben. Erst am 4. Oktober legten die neuen Gardisten ihren Eid ab. Inzwischen hatte mit Leo XIV. ein neuer Papst sein Amt angetreten.

Und dieser sorgte für einen besonderen Moment: Er nahm persönlich an der Vereidigung teil. Es war das erste Mal seit Jahrzehnten, dass ein Papst bei der Zeremonie anwesend war.
Für Steinmann, der sich gemeinsam mit den anderen Gardisten intensiv auf diesen Tag vorbereitet hatte, machte das die Situation noch außergewöhnlicher.

„Das war die erste Vereidigung seit vielen, vielen Jahren, wo der Papst anwesend war. Wir wussten noch nicht genau, wo er sein wird, sprich ob er auf der Rampe runterschaut oder in der Menge hocken wird. Als er dann wirklich dort saß, war es doch ein bisschen spezieller, ein bisschen nervöser.“

Wochenlang hatten die Gardisten für die Zeremonie geübt, exerziert und die Abläufe wiederholt. Die Anspannung sei entsprechend groß gewesen, erinnert sich Steinmann. Im entscheidenden Moment habe er sich vor allem darauf konzentriert, alles richtig zu machen.

Doch neben der Anwesenheit des Papstes blieb ihm noch etwas anderes besonders in Erinnerung: Seine Familie und Freunde waren nach Rom gekommen, um diesen Tag gemeinsam mit ihm zu erleben.

So wurde die Vereidigung nicht nur zu einem feierlichen Bekenntnis zu einer jahrhundertealten Tradition, sondern auch zu einem ganz persönlichen Höhepunkt seiner bisherigen Zeit im Vatikan.

Wenn Geschichte zur Uniform wird

Kaum etwas macht die Geschichte der Schweizergarde so sichtbar wie ihre Uniformen. Die blau-rot-gelben Farben, die Hellebarden und die historischen Harnische gehören zu den bekanntesten Erkennungszeichen des Vatikans.

Für viele Besucher sind die Gardisten deshalb ein beliebtes Fotomotiv. Doch hinter der auffälligen Kleidung steht eine Aufgabe, die weit über das repräsentative Erscheinungsbild hinausgeht.
Was bedeutet es, eine Uniform zu tragen, die auf eine so lange Tradition verweist?

Für Steinmann verändert sich damit auch das eigene Auftreten.

„Ich fühle mich sehr stolz. Das heißt, man steht auch automatisch aufrechter. Und man weiß, dass man halt die Uniform trägt, dass man halt nicht mehr Gabriel ist, sondern halt der Gardist ist.“

Die Uniform steht für ihn damit auch für die Verantwortung, die er während seines Dienstes übernimmt. Zugleich ermöglicht sie Begegnungen mit Menschen aus aller Welt. Immer wieder werde er von Besuchern angesprochen, die mehr über die Schweizergarde erfahren möchten. Steinmann beantwortet ihre Fragen gerne und erklärt ihnen, welche Aufgaben die Gardisten übernehmen.

Doch so historisch die Garde auf den ersten Blick erscheinen mag, so sehr hat sie sich im Laufe der Jahrhunderte verändert.

Ein Beispiel dafür sind die traditionellen Helme, die sogenannten Morions. Während sie früher aus Metall gefertigt wurden, kommen inzwischen auch Modelle aus dem 3D-Drucker zum Einsatz. Die modernen Kunststoffhelme sind leichter und angenehmer zu tragen, behalten aber ihre charakteristische historische Form.

Die Schweizergarde verbindet damit ein Erscheinungsbild, das an ihre Vergangenheit erinnert, mit den technischen Möglichkeiten der Gegenwart.

Für Steinmann ist diese Weiterentwicklung selbstverständlich. Schließlich hätten sich auch die Anforderungen an den Dienst verändert. Sein Vater habe ihm von Dienstbedingungen erzählt, die heute teilweise kaum noch vorstellbar seien.

„Die Garde ist immer im Wandel ein bisschen. Man versucht sich immer zu optimieren. […] Die Tradition, die Uniform, der Kern bleibt gleich, aber die Umsetzung, an der kann man immer arbeiten.“

Tradition bedeutet für ihn also nicht, alles unverändert zu bewahren. Vielmehr geht es darum, die grundlegenden Werte weiterzutragen und gleichzeitig offen für Veränderungen zu bleiben.

Mehr als ein gemeinsamer Dienst

Wie lebendig diese Traditionen sind, zeigt sich allerdings nicht nur bei offiziellen Zeremonien oder im täglichen Wachdienst. Auch das Zusammenleben der Gardisten ist von zahlreichen Ritualen geprägt.

Gemeinsam feiern sie Weihnachten, veranstalten ein Nikolausfest und begehen religiöse Feiertage. Hinzu kommen besondere Zeremonien zu Ehren ihrer Schutzpatrone und ein jährliches Missionsfest, bei dem Spenden für einen guten Zweck gesammelt werden.

Beim Nikolausfest werden auch kleine Missgeschicke aus dem Dienstalltag erzählt. Etwa die Geschichte eines Gardisten, der einmal sein Schwert vergessen hat. Es sind solche Anekdoten, über die man gemeinsam lachen kann und die mit der Zeit selbst Teil der Gardetradition werden.

Für Steinmann haben diese gemeinsamen Erlebnisse eine besondere Bedeutung. Sie stärken den Zusammenhalt und sorgen dafür, dass sich neue Gardisten schnell als Teil der Gemeinschaft fühlen.

Denn wer in die Schweizergarde eintritt, lässt häufig sein bisheriges Umfeld in der Heimat zurück. Viele der jungen Männer kennen zunächst niemanden in Rom. Innerhalb der Garde entstehen jedoch Freundschaften, die oft weit über die eigentliche Dienstzeit hinausreichen.

„Diesen Zusammenhalt, den wir hier haben. Diese Brüderlichkeit, dieses: Du kommst als Fremder und wirst eigentlich in eine Familie reingeschmissen, aber da wirst du akzeptiert. Und das ist etwas sehr Spezielles, aber auch etwas sehr, sehr Schönes.“

Es ist diese Gemeinschaft, die Steinmann besonders am Herzen liegt und die seiner Meinung nach auch für kommende Generationen erhalten bleiben sollte.
Dabei geht es nicht allein um gemeinsame Feste oder die Zugehörigkeit zu einer traditionsreichen Institution. Vielmehr sind es die Erfahrungen des Miteinanders, die ihn persönlich prägen: Offenheit gegenüber anderen, gegenseitige Wertschätzung und die Bereitschaft, füreinander einzustehen.

Was bleibt?

Wenn Gabriel Steinmann eines Tages auf seine Zeit im Vatikan zurückblickt, wird er sich wohl an vieles erinnern: an seine Vereidigung, die Anwesenheit von Papst Leo XIV., das außergewöhnliche Jahr 2025 mit dem Tod von Papst Franziskus und der Wahl seines Nachfolgers. Aber auch an die gemeinsamen Feste, die Begegnungen und die Freundschaften, die während seiner Dienstzeit entstanden sind.

Vor allem aber möchte er etwas von der Haltung mitnehmen, die er innerhalb der Garde kennengelernt hat: anderen Menschen offen zu begegnen, den Nächsten wertzuschätzen und auch einmal etwas Gutes zu tun, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten.

Auf die Frage, welche drei Werte die Schweizergarde für ihn am besten beschreiben, antwortet er schließlich ohne langes Überlegen:

„Tapfer, treu und ehrlich, würde ich sagen.“

Was bleibt? Vielleicht ist es gerade diese Verbindung aus gemeinsamen Werten, persönlichen Erinnerungen und gelebter Gemeinschaft, die eine jahrhundertealte Tradition lebendig hält. Denn die Geschichte der Schweizergarde wird nicht allein durch historische Ereignisse, Uniformen oder Zeremonien bewahrt. Sie lebt vor allem durch die Menschen weiter, die sie von Generation zu Generation tragen.

Gabriel Steinmann ist einer von ihnen. Und wenn seine Zeit im Vatikan eines Tages endet, wird auch er seinen Teil zu jener Geschichte beigetragen haben, die er selbst mit einem riesigen Puzzle vergleicht.

Ein Puzzle, an dem seit mehr als 500 Jahren gearbeitet wird und das mit jedem neuen Gardisten ein weiteres Stück erhält.

vatican news, 31. Oktober 2026

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