Parolin: Totalitäre Regime besiegt, die Versuchung, „wie Gott zu sein“, bleibt


Bei einer Tagung in Rom hat Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin an die Haltung des Heiligen Stuhls zu den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts erinnert. Das von der römischen Universität Gregoriana und dem Päpstlichen Komitee für Geschichtswissenschaften veranstaltete Event endet diesen Donnerstag

Quelle
Päpstliches Komitee für Historische Wissenschaften/Übersetzung
Veröffentlichungen

Alessandro Di Bussolo – Vatikanstadt

Die historischen totalitären Regime wie Nationalsozialismus, Kommunismus und Faschismus gehören der Vergangenheit an. Doch „nicht so das Phänomen selbst“, betonte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in Rom. Es entspringe der menschlichen Versuchung, „wie Gott sein“ zu wollen, „die Lebens- und Denkweise der Menschheit zu kontrollieren und ihr die eigenen ideologischen Überzeugungen aufzuzwingen“.

Die zweitägige Tagung unter dem Titel „Der Heilige Stuhl und die totalitären Systeme im 20. Jahrhundert. Neue Perspektiven und Forschungsansätze“ beleuchtet die Haltung, die der Vatikan zu totalitären Regimen eingenommen hat – von Papst Pius XI. bis Johannes Paul II. Das von der Universität Gregoriana und dem Päpstlichen Komitee für Geschichtswissenschaften veranstaltete Event endet am 29. Oktober.

Totalitäre Regime als „politische Religionen“

Parolin erinnerte daran, dass totalitäre Regime die gesellschaftliche Klasse, die Rasse oder den Staat „an die Stelle Gottes“ gesetzt hätten. Sie hätten ihre Ideologien sakralisiert und „politische Religionen mit eigenen Ritualen, Propheten, Märtyrern und moralischen Normen geschaffen.“ Dabei sei die menschliche Person einem umfassenden Kollektiv untergeordnet worden. Ideologien mit pseudoreligiösem Charakter wie der Kommunismus und der Nationalsozialismus hätten in unauflöslichem Widerspruch zum Christentum gestanden und von Anfang an eine Welle der Verfolgung gegen die katholische Kirche ausgelöst.

Papst Leo XIV. und Magnifica humanitas

Auch Papst Leo XIV. habe in seiner Enzyklika Magnifica humanitas vor den Folgen eines solchen Strebens gewarnt. Freiheit und Demokratie lebten, so Parolin mit Bezug auf besagte Enzyklika, nicht „nur von Regeln und Verfahren“, sondern auch von einem ehrlichen Verhältnis zu den Tatsachen, der Orientierung am Wohl der Menschen und der Gesellschaft sowie von der „Treue zur Wahrheit“.

Die Diplomatie der Päpste: ein Rückblick

In einem Rückblick zeichnete Parolin die unterschiedlichen diplomatischen Ansätze der Päpste nach. Pius XI. habe zunächst versucht, durch Vereinbarungen die Lage der Katholiken unter den totalitären Regimen zu verbessern. Im März 1937 verurteilte der Papst in drei Enzykliken den Nationalsozialismus, den Kommunismus und das antikatholische Regime in Mexiko. Laut Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin habe Pius XI. in diesen Ideologien denselben materialistischen Ursprung erkannt: „Sie leugneten Gott und versprachen, der Menschheit durch Revolutionen eine neue Erlösung zu bringen.“

Pius XII. und Summi Pontificatus

Papst Pius XII. hielt – wie Parolin erklärte – an der Grundhaltung seines Vorgängers fest. In seiner ersten Enzyklika Summi Pontificatus, die zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erschien, sah er die tieferen Ursachen des Konflikts „in der Abkehr der Gesellschaft von der Lehre Christi, die Europa einst geistigen Zusammenhalt gegeben habe, sowie in der Missachtung des Naturrechts und einer universellen Moralordnung – wo doch  nur die Rückkehr zu Gott und zu einer auf christlichen Werten basierenden Ordnung einen dauerhaften Frieden schafft, der auf Gerechtigkeit und Gleichheit beruht.“

Pius XII. und die programmatische Vision für die Nachkriegszeit

Nachdem die Friedensvermittlungen zwischen den Kriegsparteien gescheitert waren, setzte Pius XII. laut Parolin auf eine beispiellose humanitäre Diplomatie zugunsten von Verfolgten und Bedürftigen. Zugleich entwickelte er eine Vision für die Nachkriegsordnung, die auf christlichen Werten, internationaler Solidarität sowie der Achtung der Würde und der natürlichen Rechte aller Menschen und Nationen beruhen sollte – auch der kleinen und besiegten Staaten. Er verurteilte die unsäglichen Verbrechen des Krieges, tat dies jedoch auf eine Weise, dass dadurch „keine noch schwereren Verfolgungen ausgelöst würden“.

Gescheiterte Verständigung mit den „Volksdemokratien“

Trotz seines entschiedenen Antikommunismus bemühte sich Papst Pius XII. nach dem Zweiten Weltkrieg um Vereinbarungen mit den kommunistisch regierten Staaten Osteuropas, um das Leid der verfolgten Katholiken zu lindern. Verhandlungen mit der Tschechoslowakei, Ungarn und Polen scheiterten jedoch, und die kommunistischen Regime brachen den Dialog ab. Dazu trugen auch die Verurteilung von Kardinal József Mindszenty in Ungarn und die Gründung einer schismatischen „Katholischen Aktion“ in der Tschechoslowakei bei. Zwischen 1949 und 1951 erließ Pius XII. Exkommunikationsdekrete, in denen er jegliche Zusammenarbeit mit der kommunistischen Ideologie verurteilte. Zugleich bekundete er der sogenannten „Kirche des Schweigens“ seine geistliche und konkrete Solidarität.

Eine neue Phase des Dialogs unter Johannes XXIII. und Paul VI.

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin bezeichnete den Dialog mit den osteuropäischen Staaten während des Kalten Krieges als „eine der komplexesten Herausforderungen der Vatikan-Diplomatie unter Johannes XXIII. und Paul VI.“ Beide Päpste, vor allem Paul VI., setzten auf Verständigung und Entspannung, um der katholischen Kirche in den kommunistisch regierten Ländern mehr Handlungsspielraum zu verschaffen. Zugleich gingen sie davon aus, dass diese Regime noch lange bestehen würden. Die Kirche sollte dabei als eigenständige „moralische Kraft“ wirken, unabhängig von der Logik der politischen Blöcke.

Vatikanische Ostpolitik und internationale Entspannung

Die sogenannte vatikanische Ostpolitik verfolgte nach Parolins Worten in erster Linie ein religiöses, kein politisches Ziel: Sie sollte der katholischen Kirche in den kommunistisch regierten Ländern mehr Handlungsspielraum verschaffen. Eine zentrale Rolle bei diesem Dialog spielte Kardinal Agostino Casaroli, der vor der Frage stand, ob Widerstand oder Verhandlungen der richtige Weg seien. Paul VI. erklärte 1965, der Heilige Stuhl verzichte darauf, seine berechtigten Proteste gegen das Leid der Kirche in atheistischen und totalitären Staaten häufiger und nachdrücklicher vorzubringen, „um nicht noch größere Übel hervorzurufen“. Trotz begrenzter Erfolge habe die vatikanische Ostpolitik wesentlich zur internationalen Entspannung beigetragen, so Parolin. Diese Entscheidung sei laut dem einhelligen Urteil der Geschichtswissenschaft die richtige gewesen.

Johannes Paul II. und der Mauerfall

Johannes Paul II. setzte die Verhandlungen mit Osteuropa fort, war jedoch von der Schwäche der kommunistischen Regime überzeugt. Er konzentrierte sich darauf, das christliche Bewusstsein zu stärken, die christlich geprägte historische und kulturelle Identität der europäischen Völker zu festigen und die Einheit Europas zu erneuern. Der Kontinent sollte wieder „mit beiden Lungenflügeln atmen“. Sein Ziel sei nicht allein der Sturz des Kommunismus gewesen, sondern vielmehr die „Re-Christianisierung der europäischen Völker“. Diese Hoffnung „hat sich jedoch nicht erfüllt“, so Parolin abschließend.

vaticannews – skr, 29. Oktober 2026

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