Parolin zur Papstreise nach Frankreich
Parolin zur Papstreise nach Frankreich: Lebensschutz und Multilateralismus
Die „Diplomatie der Begegnung“ und „kreative Anstrengungen“, die Europa aus der Logik der Stärke herausführen können, stehen für den vatikanischen Staatssekretär bei der Frankreichreise von Papst Leo XIV. und seinem Besuch bei der UNESCO im Fokus. Im Interview mit Vatican News spricht Kardinal Pietro Parolin über die Erwartungen des Heiligen Stuhls an die Reise und zentrale Themen wie Lebensschutz, Frieden, Künstliche Intelligenz und die Zukunft Europas
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Live bei uns: Papst Leo in Frankreich – Vatican News
Paris empfängt Leo XIV.: Erzbischof Ulrich freut sich – Vatican News

Massimiliano Menichetti – Vatikanstadt
Eminenz, das Motto der bevorstehenden Apostolischen Reise des Papstes lautet: „Damit die Welt das Leben hat“. Welche konkrete Botschaft soll damit von der Reise nach Frankreich ausgehen?
„Wenn man an das Leben denkt, das die Welt braucht, kommen drei Aspekte in den Blick. Zunächst das natürliche Leben. Die erste Botschaft ist sicherlich der Wert des menschlichen Lebens, das von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod angenommen, geliebt und geschützt werden muss. In vielen Ländern gibt es aktuell die Tendenz, Praktiken und auch Gesetze einzuführen oder zu rechtfertigen, die diesen Wert nicht achten.
Angesichts des Geburtenrückgangs in Europa bietet die Reise nach Frankreich die Möglichkeit, das Leben neu als Geschenk zu entdecken, das in Dankbarkeit und Verantwortung angenommen werden will. Doch was wäre ein körperliches Leben ohne Seele?
„Es gibt kein Leben des Körpers ohne Leben der Seele“
Damit komme ich zum zweiten Aspekt: dem geistlichen Leben. Frankreich zeichnet sich heute durch eine große Zahl junger Erwachsener aus, die sich auf die Taufe vorbereiten. Das bietet die Gelegenheit, auf den Durst nach geistlichem Leben hinzuweisen, der die heutige Welt prägt. Hinter dem Motto ,Damit die Welt das Leben hat‘ kann man auch lesen: ,Damit die Welt glaubt‘. Denn es gibt kein Leben des Körpers ohne Leben der Seele.
Und schließlich zeigt der großartige Wiederaufbau der Kathedrale Notre-Dame, zu welchen handwerklichen und geistigen Leistungen der Mensch heute fähig ist. In einer zunehmend technologischen und künstlichen Welt lenkt das Motto der Reise nach Paris deshalb den Blick auf die kreative Vitalität des Menschen. Der Einsatz neuer Technologien, einschließlich der Künstlichen Intelligenz, darf den Menschen diesen Aspekt seines Lebens niemals vergessen lassen.“
Der Papst wird die UNESCO besuchen, einen Ort, der Kultur, Bildung und Zusammenarbeit zwischen den Völkern gewidmet ist. Welche Bedeutung können Kultur und Bildung neben der Politik für den Frieden haben? Und welche Rolle kann die Kirche dabei spielen?
„In Magnifica humanitas hat Papst Leo XIV. die Notwendigkeit betont, von einer ‚Kultur der Macht‘ zu einer echten ‚Kultur der Verhandlung‘ überzugehen, in der Dialog und diplomatische Beziehungen zur gewöhnlichen Art der Konfliktbewältigung werden (Nr. 221). Das ist zunächst ein kultureller und erst dann ein politischer Wandel. Er verlangt, vor allem die jüngeren Generationen dazu zu erziehen, Auseinandersetzung nicht als Schwäche, sondern als Form der Verantwortung zu verstehen und im Dialog ein Mittel zum Aufbau des Gemeinwohls zu erkennen.
Die Politik hat dabei eine unersetzliche Verantwortung: Sie muss gerechte Institutionen schaffen, das Recht gewährleisten und auf diplomatischem Weg nach Lösungen für Konflikte suchen. Allein kann die Politik jedoch Gefahr laufen, erst dann einzugreifen, wenn die Brüche bereits tief sind.
Kultur und Bildung können früher ansetzen. Sie können Menschen dazu befähigen, im anderen einen Bruder oder eine Schwester in der Menschheit und nicht einen Feind zu sehen. In diesem Sinne ist die UNESCO ein besonders bedeutsamer Ort: ein Ort, an dem Kultur und Bildung zu konkreten Instrumenten der Zusammenarbeit zwischen den Völkern werden.
Eine Schule, eine Universität, ein Museum oder ein anderer Kulturort können zu Laboratorien des Friedens werden, wenn sie dazu anleiten, die Geschichte des anderen kennenzulernen, Wahrheit von Propaganda zu unterscheiden, sich ohne Angst auseinanderzusetzen und das zu erkennen, was uns über alle Unterschiede hinweg zu Menschen macht.
„Die Kirche ist ihrer Natur nach dazu berufen, ein Raum zu sein, in dem Menschen, Völker und Kulturen lernen, einander zuzuhören“
Hier sehe ich auch die Rolle der Kirche, entsprechend ihrer besonderen Berufung: Sie kann dazu beitragen, Gewissen im Licht des Evangeliums zu bilden, Brücken zu bauen, zur Begegnung zu erziehen und denen eine Stimme zu geben, die Gefahr laufen, keine zu haben. Die Kirche ist ihrer Natur nach dazu berufen, ein Raum zu sein, in dem Menschen, Völker und Kulturen lernen, einander zuzuhören, einander kennenzulernen und sich in ihrer gemeinsamen Würde als Kinder Gottes wiederzuerkennen.“
Das Verhältnis von Glaube und Vernunft gehört zu den großen Themen der französischen Kulturtradition. Welchen Beitrag kann das christliche Denken angesichts von Technologie und Künstlicher Intelligenz heute zur Frage leisten, was es bedeutet, wirklich Mensch zu sein?
„Es handelt sich um einen gleichsam ursprünglichen Beitrag des Christentums. Das Geheimnis der Menschwerdung fordert dazu auf, das Menschliche im Licht der Offenbarung neu zu denken und zu verstehen. Das Zweite Vatikanische Konzil war im vergangenen Jahrhundert ein wichtiger Moment dieser Mission im Dienst der Menschheit und gerade in diesen Monaten greift Papst Leo dessen zentrale Inhalte in seinen Katechesen auf.
Die positive Aufnahme seiner ersten Enzyklika Magnifica humanitas zeigt zugleich, dass weltweit das Bedürfnis nach einem Wort wächst, das Menschen und Gesellschaften angesichts der Beschleunigung technologischer Entwicklungen und der Künstlichen Intelligenz Orientierung gibt. Das haben wir bereits bei den Enzykliken Laudato si’ und Fratelli tutti von Papst Franziskus gesehen, mit ihren Botschaften zur ganzheitlichen Ökologie und zur menschlichen Geschwisterlichkeit.
„Heute ist es angesichts des Leids vieler Menschen und der Schäden an ganzen Ökosystemen besonders notwendig, die Reflexion, den gesellschaftlichen Dialog und das Hören auf das Gewissen zu vertiefen“
Angesichts immer größerer Herausforderungen beobachten wir ein wachsendes Interesse an dem, was Paul VI. bereits als ,Zivilisation der Liebe‘ bezeichnete, eine andere Richtung der Entwicklung, im Zeichen einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung.
Heute ist es angesichts des Leids vieler Menschen und der Schäden an ganzen Ökosystemen besonders notwendig, die Reflexion, den gesellschaftlichen Dialog und das Hören auf das Gewissen zu vertiefen. Dazu möchte die Kirche beitragen und zeigen, wie Glaube und Vernunft einander bereichern und beide dem Leben dienen sollen.“
Wie kann die Kirche heute mit Menschen im Dialog sein, die nicht glauben?
„Dialog findet immer zwischen Menschen statt und ist umso authentischer, je weniger sich die Gesprächspartner in Kategorien und Definitionen einschließen. Auch zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Sensibilitäten gibt es ein gemeinsames Fundament, das es zu erkennen und auf dem es sich zu begegnen gilt.
Wer der katholischen Kirche angehört und sie in welcher Form auch immer vertritt, muss nach dem suchen, was verbindet und Begegnung ermöglicht, um anschließend Unterschiede klarer zu benennen und zu vertiefen. Das ist ein Stil, in dem wir als Einzelne und als Gemeinschaften wachsen müssen. Er ist nie ein für alle Mal erreicht und immer wieder Spannungen ausgesetzt, die verletzen und Menschen voneinander entfernen können.
„Der Glaube ist ein Geschenk, und niemand kann den Glauben eines anderen – vielleicht nicht einmal den eigenen – bemessen“
Der Dialog mit Nichtglaubenden ist bereits im Neuen Testament angelegt. Ich möchte daraus zwei Aspekte hervorheben: die Pflicht der Christen, jedem, der nach dem Grund ihrer Hoffnung fragt, stets mit Sanftmut und Respekt zu antworten (vgl. 1 Petr 3,15); und die Bereitschaft anzuerkennen, dass Gottes Wirken frei ist und uns vorausgeht – und uns auch dort überraschen kann, wo wir selbst noch nicht angekommen sind.
Der Glaube ist ein Geschenk, und niemand kann den Glauben eines anderen – vielleicht nicht einmal den eigenen – bemessen. In Frankreich erleben wir heute jedoch ein neues Verlangen nach diesem Geschenk, ein neues Interesse am Wort des Evangeliums und Lebensentscheidungen junger Menschen und Erwachsener, die zeigen, dass der Glaube auch dort eine Zukunft hat, wo das Nichtglauben vorherrschend zu sein scheint.“
Was erwartet der Heilige Stuhl von Frankreich und Europa, um in dieser schwierigen Phase der europäischen und weltweiten Geschichte diplomatische Initiativen voranzubringen? Kann Paris wieder zu einem Motor einer europäischen Politik werden, die nicht nur auf Sicherheit, sondern auch auf Versöhnung, Solidarität und Multilateralismus setzt?
„Die Diplomatie des Heiligen Stuhls bekräftigt immer wieder, dass Frieden nicht auf ein bloßes Spiel der Kräfte reduziert werden kann und auch nicht auf eine prekäre Stabilität, die ausschließlich durch Abschreckung und das Wettrüsten gesichert wird.
Angesichts der tiefen Bruchlinien, die heute den europäischen Kontinent und die Welt belasten, hoffen wir, dass Frankreich und Europa jene mutige Weitsicht wiederentdecken, die die Gründerväter des europäischen Projekts beseelte.
Paris verfügt aufgrund seiner kulturellen Geschichte, seiner bedeutenden Rechtstradition und seiner humanistischen Prägung über geistige und politische Ressourcen, um dem heute stark geschwächten Multilateralismus neuen Impuls zu geben.
„Es muss verstanden werden, dass ein echter und dauerhafter Frieden niemals gegen jemanden, sondern immer mit dem anderen aufgebaut wird – durch eine gemeinsame Architektur der Versöhnung und einen ebenso anspruchsvollen wie geduldigen Dialog“
Dabei geht es nicht darum, legitime Sicherheitsinteressen zu leugnen. Vielmehr muss verstanden werden, dass ein echter und dauerhafter Frieden niemals gegen jemanden, sondern immer mit dem anderen aufgebaut wird – durch eine gemeinsame Architektur der Versöhnung und einen ebenso anspruchsvollen wie geduldigen Dialog.
Verwurzelt in seiner langen christlichen Geschichte – die Frankreich zur ,ältesten Tochter der Kirche‘ (in Anlehnung an die Taufe des Frankenkönigs Chlodwig und die traditionelle Bezeichnung der französischen Könige als ‚ältester Sohn der Kirche‘, Anm.) macht -, und gestärkt durch sein reiches humanistisches Erbe, ist Frankreich heute aufgerufen, diese Aufgabe wahrzunehmen und die Ideale von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in der Welt weiter sichtbar zu machen.
Der Heilige Stuhl ist daher zuversichtlich, dass Frankreich jene notwendigen ,schöpferischen Anstrengungen‘ für mehr Harmonie mitträgt, damit Europa sich nicht in seine Ängste zurückzieht, sondern sich erneut als Ort von Solidarität, Aufnahmebereitschaft und echter Integration erweist.
Die wahre Größe einer Nation zeigt sich gerade darin, dass sie die Treue zum Völkerrecht mit dem unablässigen Schutz der Menschenwürde verbindet. Indem Paris die Logik der Unausweichlichkeit zurückweist und entschlossen in jene ,Diplomatie der Begegnung‘ investiert, von der der Heilige Vater spricht, kann es dazu beitragen, dass der alte Kontinent nicht zu einer isolierten Festung wird, sondern ein Zeichen der Hoffnung, der Gerechtigkeit und der Versöhnung für die internationale Gemeinschaft bleibt.
Die Reise folgt auf die Verabschiedung des Gesetzes zur Suizidassistenz in Frankreich. Das Thema des Lebens als unverfügbares Gut wird daher unweigerlich im Mittelpunkt stehen. Welche Botschaft wird Papst Leo XIV. dazu vermitteln wollen?
„Angesichts des Geheimnisses von Leid, Krankheit und menschlicher Zerbrechlichkeit wird die Stimme des Papstes nicht als abstrakte Mahnung erklingen, sondern als Aufruf zu jener solidarischen Verantwortung, die uns miteinander verbindet – besonders dann, wenn das Leben schwächer und schutzloser wird.
Der Heilige Stuhl verfolgt diese gesetzgeberischen Veränderungen mit großer Sorge. Die Position der Kirche diesbezüglich ist bekannt: Sie verteidigt das Leben in allen seinen Phasen, Ausdrucksformen und Dimensionen, von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod.
Papst Leo XIV. wird daran erinnern, dass echte Barmherzigkeit angesichts des Leidens nicht darin besteht, die Beendigung des Lebens zu fördern oder vorwegzunehmen, sondern niemanden in seinem Leiden allein zu lassen. Die unverzichtbare Aufgabe einer zivilen Gesellschaft besteht darin, Sorge zu tragen und konkrete Antworten durch Nähe, Betreuung und Zuwendung anzubieten.
Der Appell des Papstes an Frankreich wird daher auch eine herzliche Einladung sein, die tieferen Wurzeln seines Humanismus wiederzuentdecken, indem Palliativversorgung und eine umfassende Betreuung des Menschen wirksam und flächendeckend ausgebaut werden.
„Die Hoffnung ist, dass Europa und insbesondere Frankreich seinen Gesellschaftsvertrag weiterhin auf dem Grundsatz des Schutzes der Menschenwürde aufbauen, sodass die Sorge um das Leben in schwierigen Situationen Maßstab des gesellschaftlichen Fortschritts bleibt“
Sich dafür zu entscheiden, Menschen in ihrem Leiden zu begleiten, bedeutet, in ein gesellschaftliches Bündnis zu investieren, das angesichts der Zerbrechlichkeit nicht kapituliert, sondern Verantwortung für sie übernimmt. Die Würde des Menschen hängt nicht von Kriterien der Leistungsfähigkeit oder biologischen Gesundheit ab.
Die Antwort des Staates und der Gesellschaft auf das Leiden darf deshalb nicht in der Einführung von Optionen bestehen, die sich mit der Zeit zu einem verdeckten sozialen Druck oder zu einem Ausweg entwickeln könnten, der die Isolation alleinstehender Menschen noch verstärkt.
Der Papst wird diese schwierige Frage mit der Sensibilität des Hirten und der Klarheit des Nachfolgers Petri ansprechen – nicht nur gegenüber den Gläubigen, sondern gegenüber dem Gewissen jedes Menschen guten Willens. Die Hoffnung ist, dass Europa und insbesondere Frankreich seinen Gesellschaftsvertrag weiterhin auf dem Grundsatz des Schutzes der Menschenwürde aufbauen, sodass die Sorge um das Leben in schwierigen Situationen Maßstab des gesellschaftlichen Fortschritts bleibt.“
Der Papst reist auch nach Lourdes, Ziel vieler Pilger und ein Ort, an dem menschliches Leid und menschliche Zerbrechlichkeit zu Gebet und Hoffnung werden. Was sagt Lourdes heute aus?
„Lourdes bringt heute wie gestern die Zärtlichkeit der Gottesmutter für die Menschheit zum Ausdruck. An der Grotte von Massabielle kommen katholische Gläubige und viele andere Menschen aus aller Welt zusammen, um ihre Schmerzen, ihr Leid, ihre Hoffnungen und ihren Dank anzuvertrauen.
Darin zeigt sich die Einheit der Menschheit, die in Maria eine mütterliche Gestalt erkennt, die zuhört und tröstet. Wenn ein Glied leidet, leidet der ganze Körper; wenn ein Glied geheilt wird, richtet sich der ganze Körper wieder auf.
In Lourdes wird so die Geschwisterlichkeit im Leben erfahrbar: ein geliebtes, umsorgtes, manchmal leidendes, aber immer geteiltes Leben – ein unschätzbares Geschenk Gottes, das uns alle zu Brüdern und Schwestern in der Menschheit macht.“
Papst Leo besucht auch Metz, das eng mit Robert Schuman verbunden ist, einem der Gründerväter Europas zusammen mit De Gasperi und Adenauer. Sie sahen in der Versöhnung zwischen den Völkern den Weg zu einem neuen Kontinent. Welche Erinnerung geht von dieser christlichen Ursprungsidee Europas aus?
„Wenn man die Texte Schumans und auch die der anderen Gründerväter liest, wird ausdrücklich deutlich, dass ihrer Vorstellung von Europa das Konzept der ,christlichen Geschwisterlichkeit‘ zugrunde liegt.
Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, einem negativen Höhepunkt brudermörderischer Gewalt und des Strebens nach Herrschaft des Menschen über den Menschen, setzt die christliche Brüderlichkeit dagegen einen tiefen Respekt vor dem Nächsten. Jeder ist aufgerufen, ihn wie sich selbst zu lieben – in einer Kindschaft, die aus einem gemeinsamen Vater hervorgeht.
Die grundlegenden Werte der Person – Freiheit, Gleichheit und die Würde der Arbeit –, die auch in den europäischen Verträgen genannt werden, finden in dieser Idee der christlichen Geschwisterlichkeit ihr Fundament.
Deshalb halte ich es für wichtig, daran festzuhalten, dass Europa nach dem Denken und den Absichten seiner Gründer seine moderne Gestalt nicht ohne das Christentum entwickelt hat. Es ist gewissermaßen der Sauerteig, der den Teig wachsen lässt.
Aus dieser Perspektive wird auch Schumans Idee der gemeinsamen Nutzung von Ressourcen verständlich: Kohle und Stahl sollten zu Instrumenten der Zusammenarbeit und Entwicklung werden, statt Anlass für neue Konflikte zu sein. Ein neuer Krieg zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern sollte nicht nur undenkbar, sondern auch materiell unmöglich werden.“
Papst Leo hat sich im vergangenen Jahr mehrfach gegen die Aufrüstung und die hohen Ausgaben für Waffen ausgesprochen. Welche Rolle kann Europa wiederentdecken, um dem Geist der Gründerväter treu zu bleiben?
„Die Schuman-Erklärung von 1950 beginnt mit den Worten: ,Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.‘
Wenn der Frieden bedroht ist, kann man sich auf den alten Grundsatz Si vis pacem, para bellum beschränken. Oder man kann ,schöpferische Anstrengungen‘ unternehmen, wie es bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl der Fall war.
Diese Idee beendete den Revanchismus zwischen Deutschen und Franzosen und ermöglichte die lange Friedensperiode, von der wir bis heute profitieren. Auch heute sind ,schöpferische Anstrengungen‘ möglich, nicht zuletzt aufgrund der jahrzehntelangen Erfahrung mit Dialog innerhalb der europäischen Institutionen und zwischen den Mitgliedstaaten.
Dafür braucht es allerdings die klare Einsicht aller Beteiligten, dass die anstehenden Herausforderungen nur bewältigt werden können, wenn Europa nicht als Überbau, sondern als echter Körper verstanden wird, in dem die Vielfalt der Glieder durch eine gemeinsame Vision und einen gemeinsamen Willen in der Außenpolitik zusammengeführt wird.
Ein Europa, das einen gemeinsamen diplomatischen Ansatz entwickelt, kann seine Verhandlungsmöglichkeiten besser nutzen und seine moral suasion auch gegenüber jenen einsetzen, die in der Androhung von Stärke das überzeugendere Mittel sehen.
Die kreative Anstrengung besteht vielleicht gerade darin, deutlich zu machen, dass ein überzeugendes und klar gemeinsam gesprochenes Wort stärker ist als jede Zurschaustellung von Stärke.“
„Nur wenn wir heute solide Grundlagen schaffen, die auf Gerechtigkeit und Verantwortung gegenüber künftigen Generationen beruhen, können wir denen, die nach uns kommen, eine wirklich geschwisterlichere Welt und eine versöhnte Erde hinterlassen“
Was ist Ihr persönlicher Wunsch für diese Reise?
„Ich hoffe, dass diese Apostolische Reise sich nicht im Rahmen einer journalistischen Berichterstattung erschöpft, sondern einen Prozess in Gang setzt, der vor allem die jungen Generationen anspricht, die die komplexen Herausforderungen einer Zeit tiefgreifenden Wandels übernehmen müssen.
In einer Zeit, in der der Blick auf die Zukunft oft von Angst oder Ernüchterung geprägt ist, sollen die Präsenz und das Wort des Heiligen Vaters ein Zeichen des Vertrauens und eine Einladung sein, sich nicht mit den Logiken von Fragmentierung, Polarisierung und Individualismus abzufinden.
Ich hoffe, dass dieser Besuch die besten Kräfte der Gesellschaft neu belebt und Wege aufzeigt, auf denen technologische Entwicklung und wirtschaftliche Dynamiken nicht als Selbstzweck betrachtet werden, sondern dem ganzheitlichen menschlichen Fortschritt dienen.
Mit Blick auf die ersten Jahrzehnte wünsche ich mir, dass Frankreich den außergewöhnlichen Reichtum seines geistlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Erbes nutzt, um weitblickende Antworten auf die großen ethischen und sozialen Fragen unseres Jahrhunderts zu geben.
Wir wünschen uns, dass aus dieser Reise ein neuer Impuls entsteht: eine große offene Werkstatt des Denkens und Handelns, in der Gläubige und Nichtglaubende gemeinsam unterwegs sein und arbeiten können.
Nur wenn wir heute solide Grundlagen schaffen, die auf Gerechtigkeit und Verantwortung gegenüber künftigen Generationen beruhen, können wir denen, die nach uns kommen, eine wirklich geschwisterlichere Welt und eine versöhnte Erde hinterlassen.“
vatican news, 24. September 2026
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