Das Feuer der göttlichen Liebe – Eine Betrachtung zum Pfingstfest
Bischof Wilmer zu Pfingsten: “Die Welt ist laut – aber nicht immer wahr”

Quelle
Gottesdienst am 24.5.2026
Bischof Wilmer zu Pfingsten: “Die Welt ist laut – aber nicht immer wahr”
Rosenblätter an Pfingsten
24. Mai 2026
Erinnern wir uns heute, am Hochfest Pfingsten, noch an die Lesung aus der Apostelgeschichte, die an Christi Himmelfahrt verkündet wurde? “Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, siehe, da standen zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen” (Apg 1,10-11).
Der in den Himmel aufgefahrene Herr wird wiederkommen, und das tröstete die Apostel sehr – am Pfingsttag denken wir daran, so schreibt Julius Tyciak in seinem Buch “Jahreskranz der Güte Gottes” (erschienen im Matthias Grünewald Verlag, Mainz 1953, ebd. 259 f.), dass die Wiederkehr der “göttlichen Liebeserfüllung” am “Fest der Fülle”, an Pfingsten beginne: “Von uns gegangen in der sichtbaren Sphäre, will der Herr zu uns kommen ‘im Geiste’. Was meint das geheimnisvolle Wort vom Geiste? Geist, Pneuma bedeutet in der Schrift und Väterwelt Gottes Leben, Liebe, Glut, Heiligkeit, Hoheit, Macht. Alles Gewaltige und Große, die unnennbare Schönheit und Glorie Gottes, sein Odem, sein Aroma, die kostbare Innerlichkeit der Gottheit. Darum hütet der Geist das tiefste und stillste Wunder des Lebens. Nicht nur Sturm, Feuer und Sturzflut sind sein Sinnbild, auch die Stille säuselnden Windes, belebendes und heilendes Öl, der Duft der Salbe und das Seufzen der Taube. Jubel, Friede, Freude, Offenbarung, Glut und stille Beglückung leben aus dem Geiste. So ist er Gottes gewaltige und innerlichste Wirklichkeit. Dieses alles durchströmende und allerinnigste Innen der Gottheit ist uns geschenkt, geschenkt aus Gottes Liebe, als die Gabe majestätischer und zartester Huld zugleich. So haben wir teil an Gottes königlicher und liebevoller Überfülle.”
Pfingsten, so Tyciak, sei ein “verklärtes Christusfest”. Wir schauen staunend, bewundernd und dankbar auf diese Worte, die uns inwendig berühren, vielleicht melodisch in uns widerklingen und mögen doch verzagt bleiben, weil uns auf gewisse Weise das “Aggiornamento” unseres Kirche-Seins in der Welt von heute nicht recht gelingen mag, so dass wir die pfingstliche Freude, die glühende Begeisterung des Glaubens an die Wirkmacht des Heiligen Geistes, nicht oder viel zu selten glaubwürdig ausstrahlen können, und dies nicht allein, weil etwa in so vielen Fürbitten und auf dem Würzburger Katholikentag das Bekenntnis zu “Unserer Demokratie” und das Beschwören aller deutschen Klimarettungsphantasien den Glauben an den dreifaltigen Gott ersetzt zu haben scheint.
So dürfen wir uns am hohen Pfingstfest ernsthaft fragen: Glauben wir wirklich an den Heiligen Geist? Feiern wir den Geburtstag der Kirche, wie es würdig und recht ist? Vernehmen wir den leise säuselnden Wind und das belebende Öl der geisterfüllten Fröhlichkeit, das uns geschenkt ist? Sprechen wir, als österliche Menschen, miteinander in pfingstlicher Freude und sind zuinnerst dankbar für das kostbare Geschenk, für das unaussprechliche Glück, einfach nur römisch-katholisch zu sein und der Kirche des Herrn in gotteskindlicher Liebe anzugehören?
Der Schöpfergeist will bei uns einkehren, in uns wohnen, unter uns zu Hause sein – und wir dürfen in der Kirche, im Hause Gottes wohnen, in der Liebe zu Gott und so auch untereinander. Der Wind säuselt leise, er mag uns rühren, berühren, anrühren, beleben und erfrischen. Wie sehr braucht doch die Kirche in unserem Land die Schwungkraft einer pfingstlichen Dynamik, einer geistlichen Erfüllung, auf dass sie sich nicht verzettele in Strukturdebatten und ebenso lässlichen wie lästigen Ämterfragen, auf dass sie sich abwende von weltlichen Allüren und dem Raum schenken würde, auf den alles ankommt und von dem alles abhängt.
Nur der Geist von Pfingsten, der Heilige Geist, ist es, der Leben schenkt und Leben schafft, aus der Herzmitte des dreifaltigen Gottes, der uns durchströmen, beleben, in Christus erneuern kann, so dass wir im einzigartigen Wir der Kirche, in der Weggemeinschaft der Gläubigen aller Zeiten und aller Orte, glaubhaft das ausstrahlen, wozu uns das pfingstliche Konzil berufen hat, um als Kleriker und Weltchristen das Lumen gentium, das Licht der Völker, glaubwürdig zu bezeugen, in der Dynamik des Glaubens das Evangelium der Freude kundzutun, mit pfingstlichem Jubel.
Ja, es ist Emphase, es ist aufrichtige Begeisterung, mit der Tyciak uns die Schönheit des Pfingstfestes und damit die Schönheit der Kirche, der wir zugehören dürfen, bewusst macht. Doch sind wir uns dessen wirklich bewusst? Oder bleibt der Heilige Geist für uns eine Abstraktion?
Zu Recht mahnt uns die Kirche vor der Sünde wider den Heiligen Geist, die nicht vergeben werden kann, und es ist wichtig, sich daran zu erinnern, denn der Glaube der Kirche ist eine ernste Angelegenheit und mitnichten ein schaumbekröntes Wellness-Bad für weltlich erschöpfte Gemüter. Die Sünde, das wollen, das sollen wir nicht vergessen – auch und gerade in einer Zeit, in der der Begriff Sünde nahezu wie getilgt scheint –, ist die unbestreitbare Realität unseres Lebens, als Abwendung von Gott und vom Nächsten.
Wir wissen oder sollten wissen: Die Sünde wider den Heiligen Geist kann nicht vergeben werden. Wer also das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche Gottes, etwa in der Eucharistiefeier bei der Konsekration der Gaben von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, hartnäckig und wissentlich leugnet, zieht eine unvergebbare Schuld auf sich. Wer am hohen Pfingstfest mehr an seinen eigenen Zweifel glaubt, als daran, dass in der Kirche des Herrn der Heilige Geist wirkt, dass er sie belebt und erneuert, der sollte auch wissen, was er tut – denn das Gericht, auf das wir alle zugehen, die Parusie des Herrn, ist mitnichten märchenhaft ausgedacht, sondern die Wirklichkeit, auf die wir alle zugehen, ebenso auch alle, die nicht daran glauben mögen oder können.
Der Heilige Geist ist reine Realität, Wahrheit und Schönheit. Weil das so ist – denn der Glaube der Kirche ist weder Spiel noch Zeitvertreib, sondern das wahre Glück unseres Lebens –, dürfen wir an Pfingsten in festlicher Freude auf die “Liebe des Geistes” hoffen. Julius Tyciak schreibt (ebd., S. 261): “Alle Skalen der Liebe, alle geistlichen Tiefen, alle Kostbarkeiten wollen gleichsam ausjubeln in dem wunderbar-reichen Melisma über amoris, während die sanfte und stille Melodie des Veni, sancte Spiritus uns ebenso tief in die melodische Schönheit des Geistes einführt, wie die charismatischen Worte, in denen das Flügelschlagen der göttlichen Taube vernehmbar ist.”
So dürfen wir uns am Pfingstfest dankbar freuen, wenn wir singen und niederknien: “Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe.” Wir alle wissen heute, am hohen Pfingstfest: Unsere von grausamen Kriegen versehrte, geschändete, ja verwüstete Welt, besonders in der Ukraine, im Heiligen Land und im Nahen Osten, braucht nichts mehr, nichts dringlicher als die geisterfüllte Liebe Gottes, die auszustrahlen auch wir alle, ob Kleriker oder Weltchrist, bestellt sind, durch Zeugnis und Beispiel.
Hinweis: Meinungsbeiträge wie dieser spiegeln die Ansichten der jeweiligen Gast-Autoren wider, nicht notwendigerweise jene der Redaktion von CNA Deutsch.
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