Papst in Buch mit Psychologe: Zu viel Angst ist nicht christlich

Papst Franziskus hat sich mit einem italienischen Psychotherapeuten über das Thema Angst unterhalten. Daraus ist ein Buch geworden, das am 25. Januar auf Italienisch erscheint. Das Kirchenoberhaupt gesteht: “Auch ich fürchte manchmal, Fehler zu machen. Übermäßige Angst ist aber nicht christlich.”

Quelle

Salvatore Cernuzio und Stefanie Stahlhofen – Vatikanstadt

Das Gespräch mit Papst Franziskus steht am Anfang des Buchs “La Paura come Dono” (zu Deutsch in etwa “Angst als Geschenk”). Franziskus berichtet dort über seine Gedanken und Gefühle seit seiner Wahl zum Oberhaupt der katholischen Kirche im Jahr 2013. Thematisiert werden auch Migration und Homosexualität, Missbrauch und Möglichkeiten der Prävention – etwa bei der Ausbildung in Priesterseminaren.

Nach dem Konklave und seiner Wahl habe er zunächst etwas Furcht verspürt, berichtet Papst Franziskus. Darauf sei aber Ruhe gefolgt. Er habe nicht damit gerechnet, gewählt zu werden, aber seinen inneren Frieden nie verloren. Es habe ihm auch geholfen, dass Kardinal Claudio Hummes ihn an die armen Menschen erinnert habe und an das Wirken des Heiligen Geistes: “Da habe ich Frieden und Ruhe gespürt, auch in meinen folgenden Entscheidungen…”, so der Papst.

Nähe hilft

Generell empfiehlt er in dem Gespräch mit dem Psychologen auch, Menschen, die Angst haben, nahe zu sein: „Menschen beistehen, sich mit ihnen austauschen, gemeinsam etwas unternehmen ist ein wahres Medikament gegen Angst.” Isolation und Einsamkeit gelte es zu vermeiden: „Allein sein, sich selbst falsch und schlecht fühlen, Probleme haben ohne Hilfe zu finden, kann zu Krisen führen, die zu mentalen Problemen werden”, so Franziskus. „Einsamkeit ist ein wahrer Notstand unserer Gesellschaft. Alle sind supervernetzt mit ihren Handys – aber nicht mehr mit der Realität.”

“Menschen beistehen, sich mit ihnen austauschen, gemeinsam etwas unternehmen ist ein wahres Medikament gegen Angst”

In dem Gespräch mit dem Psychologen berichtet das Kirchenoberhaupt auch, dass Angst ihm bei Entscheidungen oftmals helfe: “Es kommt vor, wenn ich eine Entscheidung zu fällen habe, dass ich mir sage: ‘Wenn ich das jetzt so mache…?’ Und da habe ich ein bisschen Angst, Fehler zu begehen, nicht?! Diese Angst hilft mir in diesem Fall, denn sie sorgt dafür, die Entscheidung, die ich zu treffen habe, gut abzuwägen, wie ich sie umsetze und der ganze Rest. Es ist keine Angst, die mich aufreibt, nein, nein. Es ist ein Gefühl, das mich wachsam sein lässt: Eine Angst, die wie eine Mutter ist, die dich warnt.”

Übermäßige Angst gelte es jedoch zu vermeiden. Sie tue den Menschen nicht gut und könne lähmen, erklärt das Kirchenoberhaupt: “Menschen die Sklaven ihrer Angst sind, werden oft handlungsunfähig. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Sie sind ängstlich, auf sich selbst konzentriert und warten nur darauf, dass etwas Schlimmes passiert. So führt Angst dazu, gelähmt zu sein.” Übertriebene Angst sei daher auch kein christliches Verhalten, da die Menschen nicht mehr frei seien, zu denken, “nach Vorne zu schauen, etwas Gutes zu tun”.

“Missbrauchsfälle und Psychologie bei der Priesterausbildung”

Papst Franziskus geht in dem Dialog mit dem Psychologen auch auf das Thema Missbrauch und Prävention ein – etwa bei der Priesterausbildung. Das Kirchenoberhaupt betont hier erneut, dass bei einer Berufung stets der ganze Mensch und sein Lebensweg gesehen werden müssten. Bei Zweifeln sei es besser, einen Kandidaten weniger zu haben, als etwas zu riskieren. Psychologie in die Priesterausbildung einzubeziehen, hält der Papst für eine gute Sache: “All das was passiert ist, sexuelle Gewalt durch Kleriker an Minderjährigen hat hier auf dramatische Weise Licht auf Probleme geworfen … Es muss vor einer Priesterweihe gemerkt werden, ob es Neigungen zu Missbrauch gibt.”

“Es muss vor einer Priesterweihe gemerkt werden, ob es Neigungen zu Missbrauch gibt”

Dabei könnten Spezialisten, gut ausgebildete Psychologen, helfen. “Wenn solche Probleme nicht erkannt werden, können sie verheerende Auswirkungen haben”, so Papst Franziskus. “Die Priesterausbildung muss Priester und geweihte hervorbringen, die reif sind, Experten in der Nächstenliebe, und nicht ‘Funktionäre des Heiligen’. Die Leute müssen Zeugen des Glaubens treffen mit denen sie sich austauschen können und die ihnen guten, menschlichen Beistand und Nähe geben können.” Das Kirchenoberhaupt mahnt in dem Gespräch Kirchenleute auch noch einmal, sich von Weltlichkeit und Karrierstreben nicht ablenken zu lassen oder diesen zu verfallen. Ebenso verurteilt Papst Franziskus erneut Scheinheiligkeit:

“Die Gläubigen müssen sehen, dass wir wie sie sind, dass wir die gleichen Ängste haben und wie sie in Gottes Gnaden leben möchten. Gläubigen wie Nichtgläubigen müssen wir mit offenem Herzen begegnen und mit offenem Herzen zu ihnen sprechen. Das müssen wir alle tun”, so Papst Franziskus.

Mit Blick auf das Thema Homosexualität wiederholt der Papst ebenfalls bereits geäußerte Aussagen: Gott sei Vater und verstoße keines seiner Kinder. “Der Stil Gottes ist Nähe, Barmherzigkeit und Zärtlichkeit. Nicht Urteil und Ausgrenzung. Gott nähert sich liebevoll jedem seiner Kinder. Sein Herz steht jedem offen. Er ist Vater. Liebe spaltet nicht, sondern eint.”

Migration nicht für Angstmache missbrauchen

Zum Thema Migration und Flüchtlinge bekräftigt das Kirchenoberhaupt seine Mahnung, das Thema dürfe nicht instrumentalisiert werden, “um dem Volk Angst zu machen, es glauben zu machen, unsere Probleme hingen von ihnen ab”. Dies sei nämlich nicht der Fall: “Unsere Probleme entstehen aufgrund eines Mangels an Werten, der chaotischen Weise, wie unser Leben und unsere Städte organisiert sind, aufgrund einer Leerstelle des Glaubens, die uns voneinander entfernt und keine Geschwisterlichkeit zulässt”, so die Analyse des Papstes.

Humor im Haus – Lachen mit Schweizergardisten

Franziskus ruft in dem Gespräch mit dem Psychologen auch erneut zu Respekt für die Schöpfung und zu Umweltschutz auf. Der Papst berichtet auch noch einmal, dass er sich lieber freier bewegen würde, ohne Sicherheitsprotokolle, diese gelte es aber einzuhalten, da sie berechtigt seien.

Weil Isolation wie gesagt nicht gut tue, habe er es auch vorgezogen, nicht im Apostolischen Palast zu leben, sondern im Vatikan-Gästehaus Casa Santa Marta, berichtet Franziskus. “Ich habe mir gedacht, gut ich kann nicht mehr ohne Sicherheitsleute rausgehen aus dem Vatikan. Aber hier möchte ich doch ein paar Leute um mich haben. Also habe ich die Casa Santa Marta gewählt. Ich wollte diese Isolation des Papstes umgehen. Ich hole mir hier manchmal einen Kaffee am Kaffeeautomaten, esse in der Mensa mit den anderen, ich feiere jeden Tag die Messe und ich scherze mit den Schweizergardisten.” Dazu erzählt der Papst eine Anekdote: “Auf meiner Etage steht immer ein Schweizergardist. Einmal habe ich ihm eine Kleinigkeit zu essen angeboten. Er wollte das nicht annehmen, er habe entsprechenden Befehl seines Kommandanten. Da habe ich ihm gesagt: ‘Der Kommandant bin ich!’

Hintergrund

Der Psychologe und Psychotherapeut Salvo Noé kennt Papst Franziskus schon länger und bat ihn um einen Beitrag für ein Buchprojekt zum Thema Angst. Franziskus sagte zu und so trafen sich die beiden zu einem langen Gespräch, in dem nicht nur der Psychotherapeut den Papst befragte: “Er hat auch mir einige Fragen gestellt zum Thema Angst und so ist ein Dialog entstanden, der viele Denkanstöße bietet”, berichtet der Autor.  Das Buch “La Paura come Dono”, für das Salvo Noé  auch Papst Franziskus interviewt hat, erscheint auf Italienisch im San Paolo-Verlag am 25. Januar.

vatican news – sst, 21. Januar 2023

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