Vatikan: Raffael-Jahr beendet

Vatikan: Raffael-Jahr mit Tagung im Campo Santo Teutonico beendet

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Neue Radioakademie: Raffael – Maler der Verklärung
Radioakademie: Raffael – Maler der Verklärung (Teil 1)
Radioakademie: Raffael – Maler der Verklärung (Teil 2)
Radioakademie: Raffael – Maler der Verklärung (Teil 3)

Auch Corona konnte die Raffael-Feiern nicht stoppen: Der Renaissance-Künstler starb vor 500 Jahren, und trotz aller Schwierigkeiten, Tagungen und Ausstellungen in einem Pandemie-Jahr zu organisieren, ehrten der Vatikan und kirchliche Einrichtungen den Maler. Die römische Görres Gesellschaft führte am Wochenende im Campo Santo Teutonico zum Abschluss des Gedenkjahres eine Online-Konferenz durch.

Mario Galgano – Vatikanstadt

Claudio Strinati zählt zu den wichtigsten Renaissance-Kennern und Raffael-Experten weltweit: Der italienische Kunsthistoriker hielt am Samstagabend am Campo Santo Teutonico eine „lectio magistralis“ über den Maler, der mit nur 37 Jahren verstarb und im römischen Pantheon begraben liegt. Wie Strinati hervorhob, wurde Raffael vom damaligen Papst Julius II. als „Primus“ der Künstler angesehen. Raffael habe somit vom Kirchenoberhaupt mehr als nur einen Ehrentitel erhalten: Der Stellvertreter Christi auf Erden habe quasi dem Künstler eine „göttliche Ehrerbietung“ ausgesprochen und so den besonderen Wert der Kunst aus katholischer Sicht markiert, so Strinati.

Die Mitorganisatorin der Tagung, die in Zürich lebende Kunsthistorikerin Claudia Breitling Biaggini, wirft in unserem Interview einen Blick zurück auf das Raffael-Jahr.

Radio Vatikan: Was bedeutete es für euch Organisatoren, Forscherinnen und Kunstfreunde, jetzt, in dieser Pandemiezeit eine Tagung über Raffael zu organisieren?

Dr. Claudia Breitling Biaggini: Das Thema unserer Tagung war die himmlische und irdische Liebe („Amore divino e amor profano“) am Beispiel der Kunst Raffaels als Würdigung des Künstlers zu seinem 500. Todestag. Wegen der Pandemie war die Herausforderung natürlich gross. Tatsächlich war die Tagung bereits für den Monat März organisiert. Ursprünglich geplant waren verschiedene Ortsbesichtigungen, ein gemeinsamer Besuch der Villa Farnesina in Rom und eine Veranstaltung im Pantheon: eine musikalische Messe zu Ehren Raffaels. Und alles musste nun abgesagt werden! Darüber sind wir natürlich traurig, aber dank der Technik ist es uns trotzdem gelungen, einen virtuellen Kontakt zum Campo Santo Teutonico herzustellen, dem Hauptort der Veranstaltungen. Insbesondere ist es der Initiative von Monsignore Stefan Heid zu verdanken, dass wir so viele Hörer in die Videoübertragung einbeziehen konnten, und Frau Dohna-Schlobitten hat dafür gesorgt, dass unter dem Aspekt des „veritatis gaudium“ verschiedene Fachrichtungen online zusammentrafen.

Radio Vatikan: Raffael ist genau vor 500 Jahren jung und „überraschend“ gestorben. Passte sein Jubiläumsjahr just in dieser Zeit? Kann seine Kunst Trost und Hoffnung vermitteln?

Dr. Claudia Breitling Biaggini: Zu Beginn unserer Tagung stand Raffaels Kunst als Vermittlung seines Glaubens im Mittelpunkt. Eine Bildanalyse seines letzten grossen Auftragswerkes – der Verklärung Christi – wurde in unserer Tagung von verschiedenen Fachebenen aus beleuchtet. Die Intention des Künstlers kennen wir nicht, aber das Gemälde sagt uns viel über seinen Glauben. So steht es für die heilende Kraft des Erlösers und bildet unumstritten das grösste Zeugnis für Raffaels Religiosität.

Schon zu Lebzeiten wurde Raffael das Prädikat des Göttlichen („il Divino Raffaello“) erteilt. Er verstarb am 6. April 1520 und er wurde unter der Verklärung Christi, seinem letzten Meisterwerk, aufgebahrt. Nun, inwieweit das Gemälde in der vatikanischen Pinakothek Trost spendet, wie Sie fragen, gerade in dieser Zeit – das vermag ich kaum zu beurteilen. Bilder helfen uns vielleicht, das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren, aber es bedarf auch eines starken Willens, sich auf diese Bildsprache einzulassen. Es hinterlässt aber eine der wichtigsten Botschaften an uns überhaupt, nämlich durch die zwei zusammengefügten Szenen in der Verklärung, oder wie Goethe es sagt: Beides ist eins. Unten das Leiden der Bedürftigen; oben das Wirksame und Hilfreiche. Beides bezieht sich aufeinander.

Radio Vatikan: Was war das Besondere an der Online-Tagung? War es auch eine Bereicherung?

Dr. Claudia Breitling Biaggini: Eine Besonderheit ist, dass wir allerorts dank der modernen Technik mit Rom, Florenz, London, Hamburg, München, Zürich und vielen anderen Städten und Ländern verbunden waren, wenn auch nur über den Bildschirm. Für die Gäste braucht es keinen grossen Aufwand, aber diejenigen, die lieber nach Rom gereist wären, entschädigt dies natürlich nicht. Eine persönliche Begegnung ersetzt es nicht. Das betrifft auch die Diskussion und die Gespräche am Kaffeetisch etwa, die in einer Tagung oftmals sehr spannend sein können.

Radio Vatikan: Was waren denn die Highlights?

Dr. Claudia Breitling Biaggini: Ein Highlight war sicherlich die Zuschaltung aus London, aus der National Gallery. Der Kurator vor Ort hat uns ein anderes Meisterwerk vorgestellt, dass immer ein Konkurrenzbild zu Raffaels Verklärung darstellte, ich meine die Auferweckung des Lazarus von Sebastiano del Piombo. Die beiden Abendveranstaltung, der Vortrag aus Florenz von Monsignore Verdon zum Credo Raffaels sowie der Festvortrag von Prof. Claudio Strinati am Samstagabend zum Thema „Il primato di Raffaello“, waren weitere Höhepunkte. Wir erfuhren etwas über die religiöse Stimulation Raffaels sowie über die Organisation seiner Werkstatt. Das war ausserordentlich spannend hinsichtlich der Schule Raffaels, wie es Professor Strinati nennt. Denn aus ihr gingen ja bekanntlich grossartige Nachfolger hervor, etwa Giulio Romano.

Lassen Sie mich an dieser Stelle noch ein Wort zum zweiten Teil der Tagungen sagen, in dem es ja um Ovid und griechisch-römische Mythologie in Raffaels Bildern ging, also pagane und profane Kunst. Diese wurde eben von seinen Schülern vorangetrieben. Die Liebesabenteuer der antiken Götter entwickelten sich unter Raffael geradezu zum Paradethema. Diese Malerei zeigt eine Rezeption der antiken Götterwelt, bei der die moralische Vorstellung der Mythen auf das christliche Weltbild der Fresken Raffaels Einfluss nehmen; und wir haben über den stummen Dichter Raffael erfahren, dass er in Wort und Bild gleichermassen gewandt war – sozusagen als Maler-Dichter.

Radio Vatikan: Was kann man jetzt weiter über Raffael forschen bzw. vertiefen?

Dr. Claudia Breitling Biaggini: Mit Raffael wurde eindrücklich nochmals der Blick auf das Material gerichtet anhand der restaurierten Fresken – und daran geknüpft auch die Erkenntnis, dass alles Materielle vergeht. Es gab auch Entdeckungen dieses Jahr zu Raffael wohlgemerkt, etwa die Justitia und die Comitas, also die Gerechtigkeit und die Freundschaft in der Sala di Costantino im Vatikan, die sozusagen neu geboren wurden und nun als Werke Raffaels gelten. Es wird, meine ich, immer wieder Neuentdeckungen geben, wenn wir in der Forschung neugierig bleiben und uns stets den Blick offen halten.

vatican news, 30. November 2020

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