Eine pastorale Wende

Die Bischofssynode über die Familie kann sich am Handeln des Apostels Paulus orientieren

Die Tagespost, 21. Januar 2015
Von Martin Grichting

Die Bischofssynode über die Familie kann sich am Handeln des Apostels Paulus orientieren.

Im Hinblick auf die XIV. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode vom kommenden Oktober über die „Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ hat das Sekretariat der Bischofssynode einen Fragebogen versandt. Dieser soll dazu dienen, die Aussagen des Abschlussdokuments der letztjährigen Ausserordentlichen Bischofssynode, die so genannte „Relatio Synodi“, zu vertiefen.

Auf der Basis der Antworten soll dann das Arbeitsinstrument für die Synode vom nächsten Herbst erstellt werden. Im Fragebogen ist davon die Rede, es komme nun darauf an, sich von der „pastoralen Wende“ leiten zu lassen, welche die Ausserordentliche Synode zu umschreiben begonnen habe. Gemeint ist damit das in der „Relatio Synodi“ (25) erwähnte pastorale Vorgehen, „jenen, die nur zivil verheiratet oder geschieden und wieder verheiratet sind oder einfach so zusammenleben, die göttliche Pädagogik der Gnade in ihrem Leben offenzulegen und ihnen zu helfen, für sich die Fülle des göttlichen Planes zu erreichen“. Denn eine neue Sensibilität der heutigen Pastoral bestehe darin, „jene positiven Elemente zu erfassen, die in Zivilehen und – bei gebührender Unterscheidung – im Zusammenleben ohne Trauschein vorhanden sind“ (41).

Es ist der Apostel Paulus, der es sich zugutehalten kann, vor bald 2000 Jahren das Prinzip der pastoralen Wende erfunden zu haben. Bekanntlich ging er in Athen auf den Areopag (vgl. Apg 17, 16–34) und erfasste die „positiven Elemente“, welche bei den Athenern vorhanden waren. Paulus, der Seelsorger, lobte die Athener als „besonders fromme Menschen“ und erschloss ihnen die Fülle des göttlichen Planes, indem er auf einen Altar „Für einen unbekannten Gott“ hinwies und bemerkte: „Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch“. Die „positiven Elemente“ zu erfassen, die bei seinen Gesprächspartnern vorhanden waren, hinderte Paulus allerdings nicht daran, Christus stets aufs Neue auch „pur“ zu verkündigen. Den Griechen, welche Weisheit suchten, zeigte er Christus als den Gekreuzigten: „für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1 Kor 1, 22–24). Und zum Thema der Bischofssynode sagte er unverblümt: „Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder (…) werden das Reich Gottes erben“ (1 Kor 6, 9f).

Die Synode kann die geforderte „pastorale Wende“ nach dem Vorbild des heiligen Paulus glaubwürdig vollziehen: Sie muss auf die Gläubigen hören, auch auf diejenigen, welche in ihrem Denken und Handeln hinter dem Wort Gottes zurückbleiben, damit sie versteht, wie diese Menschen empfinden und warum sie so handeln, wie sie es tun. Christus hat seiner Kirche zwar kein „Munus interrogandi“, keinen Dienst des Fragens, übertragen. Als „komplexe Wirklichkeit“, die nicht nur aus göttlichem, sondern auch aus menschlichem Element besteht (Lumen gentium 8), muss die Kirche die Welt und die in ihr vorherrschenden Mentalitäten jedoch kennen. Im Wissen darum soll sie dann wie eine verständnisvolle Mutter die Menschen zu einem geistlichen Wachstum einladen, damit sie „die Fülle des göttlichen Plans erreichen“. Aber die Kirche sollte es dabei nicht versäumen, klar zu bekennen, was dieser Plan Gottes beinhaltet. Denn auch aus göttlichem Element bestehend, hat sie von Christus das „Munus docendi“ empfangen, den Dienst des Lehrens.

Letzterer ist in der „Relatio post disceptationem“, der Zusammenfassung der Diskussionen der ersten Sitzungswoche der jüngsten Bischofssynode, in der Vermittlung durch die Medien und in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund getreten. Denn es wurde darin von der möglichen „Anerkennung von positiven Elementen auch in unvollkommenen Lebensformen, die ausserhalb der ehelichen Realität stehen“, gesprochen. Es war die Rede von „Saatkörnern des Wortes“, die auch in nichtehelichen Intimgemeinschaften zu finden seien. Ferner wurde bezüglich des vorehelichen Zusammenlebens von „authentischen familiären Werten“ gesprochen. Und schliesslich hätten Homosexuelle – als Einzelne oder als in Geschlechtergemeinschaft lebende Personen? – der Kirche Gaben und Eigenschaften anzubieten. Die hier zum Ausdruck kommende pastorale Wende schien zumindest in der medialen Vermittlung und der öffentlichen Wahrnehmung zu wenig von der klaren Rede des Paulus flankiert zu sein. So entstand bei vielen Gläubigen der Eindruck, es gäbe zukünftig eigentlich keine Sünden mehr, sondern nur noch mehr oder weniger vollkommene Verwirklichungen von biblischen Idealen. Und man war – von bestimmten Medien verleitet – versucht zu denken, es sei fortan nicht mehr das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnehme. Vielmehr seien es – wie schon Blaise Pascal über laxe Seelsorger geargwöhnt hatte – die „patres qui tollunt peccata mundi“, die – so war man versucht zu denken – Synodenväter, welche die Sünde der Welt hinwegnehmen. Mit der „Relatio Synodi“ haben dann jedoch gerade die Synodenväter das Bild wieder zurechtgerückt. Und Papst Franziskus hat weiter zur Beruhigung beigetragen, indem er in einem Interview den Stellenwert des Zwischenberichts relativierte. Im Unterschied zur „Relatio Synodi“ gehöre dieser nicht zu den Ergebnissen der Synode.

Auch bezüglich der Frage der geschiedenen und zivilrechtlich wiederverheirateten Gläubigen wurde eine pastorale Wende bereits von Kardinal Walter Kasper einige Monate vor der Bischofssynode gefordert, mit dem Verweis auf positive Elemente in solchen Beziehungen wie etwa die Verbindlichkeit, die sich nicht ohne neue Schuld lösen liesse, oder das Bemühen, die zweite zivile Ehe aus dem Glauben zu leben und die Kinder darin zu erziehen.

Hier erweist sich – das sieht man etwa an der Arbeitshilfe der Deutschen Bischofskonferenz (Nr. 273 vom 24. November 2014, S. 71) – das Finden von „positiven Elementen“ als Türöffner, um das Busssakrament, die Eucharistie, die unauflösliche christliche Ehe und die Zehn Gebote in eine Güterabwägung mit „positiven Elementen“ neuer ausserehelicher Beziehungen einzubeziehen. Diese Gefahr droht jedenfalls dann, wenn auch hier nicht die klare Rede des Paulus dazutritt. So fordert die Deutsche Bischofskonferenz, es seien bei zivilen Zweitehen „sittliche Verpflichtungen“ anzuerkennen, insbesondere wenn gegenseitige Treue, Ausschliesslichkeit und Verantwortung füreinander gelebt würden. Deshalb sei zu fragen, ob man den „sexuellen Vollzug dieser Lebensgemeinschaft immer und grundsätzlich als schwere Sünde verurteilen“ müsse.

Eine pastorale Wende fordert somit, um wirklich pastoral zu sein, ein unzweideutiges Zeugnis für den Plan Gottes, wie es schon Paulus gegeben hat. Denn es geht hier darum, welchen Weg zu einem guten und gelingenden Leben die Kirche den Gläubigen weist. Kann die sittliche Gutheit einer Handlung von einer Abwägung von zu erreichenden Gütern beziehungsweise „positiven Elementen“ abhängen? Oder gibt es das, was der heilige Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Veritatis splendor“ die „in sich schlechten“ Handlungen genannt hat? Ersteres war die Argumentationslinie der „Autonomen Moral“, die – nach der Diskussion über die Enzyklika „Humanae vitae“ von Papst Paul VI. – in neuem Gewand nun wieder in Erscheinung tritt. In „Veritatis splendor“ wurde die Theorie der „Autonomen Moral“ abgelehnt, mit dem Argument, die so genannten „negativen“ Gebote („Du sollst nicht die Ehe brechen“) dürften nicht in eine Güterabwägung einbezogen werden und könnten deshalb in ihrer Gültigkeit auch nicht relativiert werden: „Sie verpflichten alle und jeden einzelnen allezeit und unter allen Umständen. Es handelt sich in der Tat um Verbote, die eine bestimmte Handlung semper et pro semper [immer und für immer] verbieten, ohne Ausnahme, weil die Wahl der entsprechenden Verhaltensweise in keinem Fall mit dem Gutsein des Willens der handelnden Person, mit ihrer Berufung zum Leben mit Gott und zur Gemeinschaft mit dem Nächsten vereinbar ist. (…). Die Kirche hat immer gelehrt, dass Verhaltensweisen, die von den im Alten und im Neuen Testament in negativer Form formulierten sittlichen Geboten untersagt werden, nie gewählt werden dürfen. Wie wir gesehen haben, bestätigt Jesus selber die Unumgänglichkeit dieser Verbote: ,Wenn du das Leben erlangen willst, halte die Gebote! … Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen‘ (Mt 19, 17–18)“ (Nr. 52).

Und weiter hiess es in Nr. 81: „Wenn die Akte in sich schlecht sind, können eine gute Absicht oder besondere Umstände ihre Schlechtigkeit zwar abschwächen, aber nicht aufheben: Sie sind ‚irreparabel‘ schlechte Handlungen, die an und für sich und in sich nicht auf Gott und auf das Gut der menschlichen Person hinzuordnen sind: ,Wer würde es im Hinblick auf die Handlungen, die durch sich selbst Sünden sind (cum iam opera ipsa peccata sunt) – schreibt der heilige Augustinus –, wie Diebstahl, Unzucht, Gotteslästerung, zu behaupten wagen, sie wären, wenn sie aus guten Motiven (causis bonis) vollbracht würden, nicht mehr Sünden oder, eine noch absurdere Schlussfolgerung, sie wären gerechtfertigte Sünden?‘.“ An dieser seit je her geltenden Lehre wird die Kirche auch in Zukunft nicht vorbeigehen. Denn was theologisch falsch ist, kann pastoral nicht richtig sein. Für den heiligen Johannes Paul II. stand deshalb fest, dass es „zwei Grundsätze gibt, die zusammen gelten, gleich wichtig sind und sich gegenseitig bedingen. Der erste ist der Grundsatz des Mitgefühls und der Barmherzigkeit, nach welchem die Kirche, die in der Geschichte die Gegenwart und das Werk Christi fortsetzt, der nicht den Tod des Sünders, sondern dessen Bekehrung und Leben will, darauf bedacht ist, das geknickte Rohr nicht zu brechen oder den glimmenden Docht nicht zu löschen. Sie ist vielmehr immer darum bemüht, soweit es ihr möglich ist, dem Sünder den Weg der Rückkehr zu Gott und zur Versöhnung mit ihm zu weisen. Der andere ist der Grundsatz der Wahrheit und Folgerichtigkeit, aufgrund dessen die Kirche es nicht duldet, gut zu nennen, was böse ist, und böse, was gut ist. Die Kirche, welche sich auf diese beiden sich ergänzenden Grundsätze stützt, kann ihre Söhne und Töchter, die sich in jener schmerzlichen Lage befinden, nur dazu einladen, sich auf anderen Wegen der Barmherzigkeit Gottes zu nähern, jedoch nicht auf dem Weg der Sakramente der Busse und der Eucharistie, solange sie die erforderlichen Voraussetzungen noch nicht erfüllt haben“ (Apostolisches Schreiben „Reconciliatio et Paenitentia“ 34).

Barmherzigkeit und Vergebung schenkt Gott immer als unverdiente und grenzenlose Gnade. Man empfängt diese Gnade, wenn man echte Reue empfindet, umkehrt und nicht in Situationen verharrt, die dem Plan Gottes objektiv widersprechen. Dies gilt nicht nur, weil damit ein authentisches Zeugnis für die Wahrheit des Evangeliums gegeben wird, sondern weil es für die Betroffenen selbst gut ist und der Wahrheit über ihr Leben entspricht, und weil diese Wahrheit allein frei macht (Joh 8, 32).

Gewisse Ereignisse anlässlich der letzten Bischofssynode, wie die erwähnte „Relatio post disceptationem“, haben bei nicht wenigen Gläubigen Sorge über den zukünftigen Weg der Kirche geweckt. Zweifellos darf man darauf vertrauen, dass Papst Franziskus diese Bedenken weiter zerstreuen wird. Dass er sich der Problematik bewusst ist, hat er am Ende der jüngsten Bischofssynode zum Ausdruck gebracht, indem er über seine Sendung gesprochen hat: „Der Papst ist der Garant des Gehorsams, der Übereinstimmung mit dem Willen Gottes, mit dem Evangelium Christi und der Tradition der Kirche. Jede persönliche Willkür beiseite lassend, ist er dem Willen Christi gemäss der ‚oberste Hirte und Lehrer alle Gläubigen‘ (CIC, can. 749), dazu hat er ‚höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt in der Kirche‘.“(vgl. CIC, cann. 331–334).“

Die Kirche wird in ihrem Suchen nach Wegen der pastoralen Vermittlung und in ihrem Lehren nicht fehlgehen, wenn sie sich an das Vorbild des heiligen Paulus hält. Zwar verspotteten ihn einige auf dem Areopag und vertagten sich auf ein andermal. Dionysius, Damaris und andere schlossen sich ihm jedoch an und wurden gläubig (Apg 17, 32–34). An zahlreichen Orten hat Paulus Gemeinden gegründet und den Glauben bis an die Enden der Erde getragen. Was er säte durch behutsames Einfühlen in das Denken der Menschen seiner Zeit und durch eine unerschrockene Verkündigung, blüht bis heute. Man darf jedoch auch nicht vergessen, dass er am Ende das Martyrium erlitt. Dennoch: Wenn er schwach war, war er stark (2 Kor 12, 10).

Die Kirche unserer Tage kann es dem heiligen Paulus gleichtun. Sie soll den Verständnishorizont der Zeitgenossen kennen und in ihrem pastoralen Handeln daran anknüpfen. Aber sie darf dann auch mutig das weitergeben, was sie vom Herrn empfangen hat. Auch sie ist dabei schwach, verglichen mit den tonangebenden Kräften dieser Welt, welche eine Mentalität geschaffen haben, die derjenigen, mit der Paulus konfrontiert war, nicht unähnlich ist. Trotz pastoraler Wende wird die Kirche heute wie Paulus damals nicht alle überzeugen können. Und sie wird aufgrund ihrer Verkündigung immer wieder ein Martyrium erleiden, auch wenn es vor den Gerichtshöfen der öffentlichen Meinung wohl meist ein unblutiges sein wird. Aber wenn die Kirche heute wie Paulus fühlt, denkt und handelt – und, ja, vor allem: glaubt, hofft und liebt! –, dann ist sie trotz der Schwäche ihrer Glieder stark. Denn als der Leib Christi weiss sie wie Jesus Christus, was im Menschen ist. Und sie weiss ebenfalls: Es ist den Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den sie gerettet werden können. Hat die Kirche es nach der vom Heiligen Geist seit 2000 Jahren begleiteten Geschichte nicht viel einfacher als Paulus, heute daran zu glauben und darauf zu vertrauen, dass Christus ihre Stärke ist, komme, was wolle?

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