Das Schönste, was ich sah

Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe

Kurzbeschreibung

Als Giovanni Segantini sich 1875 siebzehnjährig an der Akademie Brera einschreibt, hat er eine albtraumhafte Kindheit und Jugend hinter sich. Früh verwaist, lebt er erst bei der ungeliebten Halbschwester; später landet er in einer Besserungsanstalt, wo ein Geistlicher sein zeichnerisches Talent entdeckt. Auf der Akademie freundet er sich mit Carlo Bugatti an, einem reichen Mailänder Bürgersohn.

Carlos schöne, verwöhnte Schwester Luigia verliebt sich in den scheuen Giovanni, der in der Akademie einen Preis nach dem anderen bekommt. Der Maler und Luigia werden ein Paar und haben zusammen vier Kinder. Es ist ein turbulentes Leben, aber Luigias Hingabe und Verständnis für Giovannis unkonventionelle Lebensweise und seine unerschütterliche Liebe zu ihr wappnen sie gegen alle Widrigkeiten.

Über den Autor

Asta Scheib, geboren am 27. Juli 1939 in Bergneustadt/Rheinland, arbeitete als Redakteurin bei verschiedenen Zeitschriften. In den Achtzigerjahren veröffentlichte sie ihre ersten Romane und gehört heute zu den bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen. Sie lebt mit ihrer Familie in München.

Rezension amazon (9) 5 Sterne

Ein faszinierender Roman in einer dichten, dem Sujet angemessen Sprache, der den Leser in seinen Bann zieht

21. März 2010, von Winfried Stanzick

Das vorliegende neue Buch der Schriftstellerin Asta Scheib zeigt die Autorin mit der Vorliebe für historische Sujets wieder einmal von ihrer allerbesten Seite. So wie schon bei ihren früheren historischen Romanen hat sie sehr sorgfältig recherchiert. “Es geht um einen Maler”, sagt sie selbst über ihr Buch, “einen Maler, der im vorigen Jahrhundert gelebt hat und der ein sehr interessantes, starkes Leben hatte. Das ist Giovanni Segantini. Er wurde in Arco geboren, damals Österreich, und kam dann nach Mailand, auf die Hochschule. Dort hat er wirklich Malerei studiert. Als er 40 war, wurde er weltberühmt, und dann starb er. Also, eine ganz tragische Geschichte.”Mit vielen Nachkommen dieses aussergewöhnlichen Landschaftsmalers, der schon zu Lebzeiten die europäische Kunstszene begeisterte, hat Asta Scheib lange und persönliche Gespräche geführt und ist so zu ganz intimem Material gelangt, dessen Reichtum der endgültigen Romanfassung eine Sprache, einen Stil und Inhalt gibt, dass man als Leser denkt, die Autorin sei sozusagen als unsichtbare Chronistin immer schon in Giovanni Segantinis Leben gewesen.

Dieses Leben beginnt eher trostlos. Der spätere Maler wird in arme und kärgliche Verhältnisse hinein geboren. Die Kindheit, die ihm bei seiner Geburt bevorsteht, ist ein einziger Weg des Leidens und erlittener, zum Teil unsäglicher Qualen. Seine Mutter ist seit seiner Geburt schwer krank und sie stirbt, als Giovanni noch ganz klein ist. Sein Vater ist dem Alkohol verfallen, kann sich um seinen Sohn nicht kümmern und gibt ihn zu Verwandten, die aber auch keine positiven Gefühle für ihn übrig haben. Im Gegenteil, Giovanni kommt nach seiner Flucht von seiner Halbschwester Irene in eine Besserungsanstalt für Jugendliche, und dort erlebt er eine Hölle von körperlicher und seelischer Gewalt. Sein aussergewöhnliches Talent im Malen und Zeichnen wird dort allerdings auch bemerkt und in Massen unterstützt.

Irgendwann kann er diese Zuchtanstalt jedoch verlassen und wird an der Kunstakademie in Mailand zum Studium angenommen. Seine Arbeitsproben sprechen für sich. In diese Zeit fällt das Kennenlernen von Luigia Bugatti, eine junge sechzehnjährige Frau aus wohlhabendem Haus an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Giovanni malt sie, wieder und immer wieder. Er verliebt sich in sie, wirbt um sie und lässt sich eines Tages von der jungen Frau, die ihrerseits sich den Maler verliebt hat, verführen.

Gegen alle Erwartungen und damaligen gesellschaftlichen Gepflogenheiten stimmen Luigias Eltern zu, dass ihre Tochter der Lebensgefährte des armen und mittelosen Künstlers wird. Doch Bice, wie er sie sein Leben lang zärtlich und liebevoll nennen wird, wird ihn nie heiraten können. Giovanni hat den Wehrdienst verweigert, ist vor der Kaserne geflohen und hat seine Staatszugehörigkeit darüber eingebüsst. Staatenlos und ohne Pass wird er lange Jahre überall, wo er sich mit seiner Familie niederlassen wird, nur geduldet sein, immer mit der Angst vor Ausweisung und Verhaftung lebend.

Doch Luigia Bugatti liebt ihn über alles, bekommt vier Kinder von ihm und ist ihm eine liebevolle und treu sorgende Ehefrau bis zu seinem Tod. Das Leben der beiden ist nicht leicht; es ist geprägt von ständigen Geldsorgen und häufigen Wohnungs- und Ortswechseln. Resultieren die Geldnöte im Anfang noch aus der Tatsache, dass kaum jemand Segantinis Bilder haben will und sein Freund und Agent in Mailand ihn immer wieder übervorteilt, so haben sie auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, als seine Bilder ihm zu wahnsinnigen Preisen regelrecht aus der Hand gerissen werden, ihre Ursache in seiner Unfähigkeit mit Geld umzugehen. Hat er welches, macht er insbesondere Bice wertvolle Geschenke, die sich auch darüber freut, dennoch der nächsten Durststrecke bang entgegensieht.

Überhaupt ist es faszinierend zu lesen, wie diese Frau ihrem geliebten Mann durch dick und dünn beisteht, seine Schwächen akzeptiert und ihm damit den Boden bereitet für seine erfolgreiche Kunst. Ohne sie wäre der Maler Segantini undenkbar, das hat Asta Scheib in ihrem wunderbaren Roman, der die Familie auf ihrem unruhigen und sorgenvollen, immer wieder aber auch überglücklichen Weg durch das Leben begleitet, in sehr sympathischer Weise gezeigt.

Doch es ist nicht nur ein Familienroman, eine Liebesgeschichte und die Schilderung eines Künstlerschicksals, sondern der Roman ist auch kunstgeschichtlich beeindruckend. Asta Scheib hat sich in Segantinis Bilder vertieft, ist in ihnen aufgegangen. Zusammen mit dem offiziellen und inoffiziellen Quellen, die sie bei ihren Recherchen angezapft hat, ist es ihr so gelungen, nicht nur eine Künstlerexistenz darzustellen, sondern sie hat einen bewegenden Roman einer Beziehung geschrieben zwischen einem Mann und einer Frau, wie sie so vielleicht heute nicht mehr möglich wäre. Dabei achtet Asta Scheib auf jedes erdenkliche Detail, nicht nur in den leuchtenden Landschaftsbeschreibungen der Schweiz, sondern auch in der Schilderung der Umstände dieses Lebens und Paares und der damaligen Zeit ist sie regelrecht versessen auf das Detail. Was sie fasziniert hat: “Meine Romanfiguren haben alle gemeinsam, dass sie in ein Schicksal hineingeboren worden sind, was ihnen nicht gemäss ist. Und ich beschreibe dann, wie sie mit aller Kraft versuchen, sich ihre Stelle, die richtige Stelle zu erarbeiten. Und das tut auch dieser Maler.”

“Das Schönste, was ich sah” ist ein faszinierender Roman in einer dichten, dem Sujet angemessen Sprache, der den Leser in seinen Bann zieht, dass er regelrecht mitfiebert mit dem Schicksal dieser besonderen und aussergewöhnlichen Liebe zwischen Giovanni Segantini und Luigia Bugatti.

Das schönste, was ich sah

Autor: Asta Scheib
Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. März 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3423212721

Centro Segantini Maloja
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