Was vom Manne übrig blieb:

Das missachtete Geschlecht

Kurzbeschreibung

Das starke Geschlecht schwächelt. Männer sind sozial und gesundheitlich, in ihren Beziehungen und in ihrem Selbstverständnis in der Krise. Der Feminismus und seine Ideologie prägen heute die öffentliche Debatte. Dabei erscheint der Mann als verachtenswerte und defizitäre Gestalt; er wird als schlecht, böse und eigentlich überflüssig dargestellt. Ohne ihn sähe die Welt besser aus. Solche Zuschreibungen beschädigen die Selbstachtung von Jungen und Männern und lassen nicht mehr viel von ihnen übrig. Das hat negative Folgen – auch für die Frauen und die Gesellschaft insgesamt. Dieses Buch zeichnet ein realistisches Bild von der Situation, in der sich das männliche Geschlecht heute befindet.

Den Nöten, Problemen und Hoffnungen von Jungen und Männern wird eine Stimme verliehen. Walter Hollstein legt dar, was dringend politisch und pädagogisch geschehen muss, damit es vor allem der nachwachsenden männlichen Generation wieder besser geht. Zudem wird ein neues Männerbild skizziert, mit dem Männer sich auch wieder identifizieren können, statt sich schämen zu müssen.

Rezension amazon (1)

Die Befreiung aus dem “Frauenkäfig”?

2. November 2012, von Benedictu

Rezension bezieht sich auf: Was vom Manne übrig blieb: Das missachtete Geschlecht (Taschenbuch)

Hollsteins pädagogischer Hauptbotschaft, dass man die in der Schule mittlerweile benachteiligten Jungen beherzt fördern müsse, kann man ohne weiteres zustimmen. Allerdings nähert er sich manchmal bedenklich dem Stil seiner feministischen Gegner.

Besser als Bönt. Hollstein vergleicht sich in dieser überarbeiteten Neuauflage direkt mit Bönt Das entehrte Geschlecht: Ein notwendiges Manifest für den Mann, der in einer Rezension auf Zeit-online besser wegkommt. Hollstein klagt, dass es typisch sei, dass ein “emotionaler Aufschrei” wie der von Bönt politisch ungefährlich gelobt werden könne, während seine soziologische Analyse diffamiert werde. In dem Zeit-Blog hiess es zwar, dass man im deutschsprachigen Raum mindestens Hollstein nennen müsste, der (vor Bönt) die aktuelle Lage des Mannes in mehreren Büchern sehr ausführlich beschrieben habe. Aber Hollsteins Tonfall sei verbitterter, oft leicht apokalyptisch. Bönt schriebe selbstbewusster, pointierter und entwaffnend persönlich.

Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen, trotzdem ist Bönts Buch eher eine Ergänzung zu dem von Hollstein, da nicht nachvollziehbar ist, wie man mit anekdotischen Erzählungen und ohne wissenschaftliche Orientierung in einem verminten Diskursfeld weiterkommen will. Der Professor für politische Soziologie Hollstein belegt seine Aussagen ganz gut, der Schriftsteller Bönt, nimmt sich die Freiheit, es überhaupt nicht zu tun. Zu den Schwächen von Hollstein komme ich gleich. Mit Bezug auf zahlreiche statistische Daten macht Hollstein jedenfalls unmissverständlich klar, daßssnach Jahren des Augenmerks auf die Mädchen die Situation mittlerweile die ist, dass eine systematische Förderung von Jungen in der Schule dringend geboten ist.

Genauso wie es jedoch einigen feministischen Behauptungen an Stichhaltigkeit fehlt, suggeriert auch Hollstein an einigen Stellen mit einer tendenziösen Situationsbeschreibung eine vordergründige Ursächlichkeit.

Fragwürdige These der Frauenrechtler

Zuerst ein Beispiel, wo Feministen Verwirrung gestiftet haben. Feministen haben behauptet, dass Frauen durch das generische Maskulinum benachteiligt würden, obwohl Genus und Sexus, das grammatische und das biologische Geschlecht, nichts miteinander zu tun haben. Der schweizer Psychiater und Psychoanalytiker Jürg Willi hat versucht, das ad absurdum zu führen mit dem Hinweis auf sprachliche Blähungen wie diese: “Wenn man/frau mit seiner/ihrer Partner/in zusammenleben will, so wird er/sie zu ihr/ihm in ihre/seine oder sie/er in seine/ihre Wohnung ziehen” Andere Beispiele gibt es zuhauf. Keiner wäre je auf die Idee gekommen, dass der “Bayerische Lehrerverein” mit seinem hohen Anteil weiblicher Grundschullehrer nur männliche Lehrer meinen könnte, aber nein, er musste sich in “Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnen-Verband umbenennen”. Laut Wolfgang Klein, dem Leiter des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen, führt das zu einer übertriebenen Sensibilisierung für die Unterschiede. Es gäbe auch keine Studien, die eine Benachteiligung von Frauen durch das generische Maskulinum stichhaltig belegen würden. Zu solchen feministischen Verirrungen, die viele sprachbewusste Menschen (ob Männer und Frauen ist da völlig nebensächlich) ablehnen, hört man von Hollstein keine kritischen Worte. Im Gegenteil.

Fragwürdige These der Männerrechtler

So wie Frauenrechtler behaupten, in der Sprache sei der männliche Genus zu dominant, behaupten analog dazu die Männerrechtler im Bildungswesen stecke zu viel Frau. In unzähligen Zeitungsartikeln, von verschiedenen Autoren (z.B. auch Arne Hoffmanns “Rettet unsere Söhne”) und auch wieder bei Hollstein liest man über die schlimme Situation eines angeblich masslos femininisierten Bildungswesens. Weibliche Erzieher orientierten sich auch im Umgang mit Jungen vor allem an ihren weiblichen Handlungsmustern und seien schlecht für die Entwicklung der Jungen.

Hollstein schreibt: “So vaterlos die junge Generation heute erzogen wird, so weiblichkeitsüberfrachtet ist sie zugleich. Jungen werden in einem engen Frauenkäfig von Müttern, Omas, Tanten, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen und Sozialarbeiterinnen gross. Sie werden mit weiblichen Werten, Verhaltensmustern und Anpassungsforderungen zugeschüttet; aber sie sind angehende Männer, möchten und müssen wissen, was Männlichkeit bedeutet und wie sie gelebt werden kann. … In Kindergärten, Ganztagseinrichtungen, Schulen und Beratungsinstanzen stossen Jungen ständig an weibliche Grenzsetzungen. …Das Weibliche ist heute – zumindest ideologisch und normativ – mehr wert als das Männliche.”

Dass die schiere Menge weiblicher Erzieher, nur weil sie Frauen sind, irgendwie schädlich sei für die Entwicklung der Jungen, ist ja reiner Sexismus, den Hollstein ja wohl selber nicht glaubt. Zumindest klingt es extrem auf einen medientauglichen Dreisprung getrimmt:

1. Jungen haben Probleme in der Schule.
2. Die meisten Grundschullehrer sind Frauen.
3. hängt das natürlich zusammen und man muss nur den Frauenanteil reduzieren und alles wird gut.

Wer, der sich um Jungen und ihr Weiterkommen sorgt, hat dagegen nicht schon selber gesehen, wie gross z.B. ihre Neigung ist, mit Videospielen herumzudaddeln. Väter tolerieren das, bzw. bejubeln sogar die Abschussraten feindlicher Flugzeuge, viele Mütter halten das virtuelle Herumgeballere für genauso sinnlos wie die meisten Mädchen, denen es im Leben nicht einfiele so ihre Zeit zu verbringen. Ja, da hat Hollstein schon recht, dass sich die weiblichen Erzieher von den weiblichen Verhaltensmustern nicht ganz freimachen können. Sie raten doch glatt von dem Unsinn ab, den sie als Mädchen und junge Frauen auch nicht getan hätten. Allerdings geben ihnen viele Männer darin auch voll und ganz recht. Wann muss also eine Grenziehung als weiblich gelten? Als Soziologe sollte Hollstein einmal sorgfältig differenzieren und benennen, was an diesen weiblichen Verhaltensmustern unmännlich sein soll und was hingegen vielleicht einfach den Status unserer (geschlechterunabhängigen) Zivilisation und unserer Schrift- und Sprachkultur ausmacht.

Stellt sich – provokativ formuliert – die Bandbreite männlicher Entwicklungsmöglichkeiten in ihren Extremen nicht wie folgt dar? Wer als Junge aus dem so schrecklichen Frauenkäfig ganz ausbricht, kann Videospielprogrammierer oder Video-Operator für ferngesteuerte Drohnen bei den Streitkräften werden, wenn er zu den besten gehört und wenn alles gut läuft. Wer aus dem Frauenkäfig aber gar n i c h t ausbricht, kann Soziologie-Professor werden, wenn alles gut läuft. So wie Hollstein. Ist das eine männlich und das andere unmännlich?

Der Realität ins Auge sehen

Sind manche menschliche Eigenschaften, die bei Frauen etwas stärker ausgeprägt sind, nicht vielleicht einfach erstrebenswerter?
a) Es geht ja schon damit los, dass Frauen einen verlässlicheren Sinn für das Nützliche haben. Jeder Autoverkäufer – und jeder Marktforscher erst recht – weiss doch, dass wenn es von einem Pkw-Modell zwei Ausführungen gibt, die eine schnittiger, die andere praktischer, dass dann die praktischere (z.B. die mit dem grösseren Ladevolumen) – statistisch nachweisbar – von den weiblichen Käufern stärker nachgefragt wird.

b) Der bekannte Ökonom Tomáš Sedláček (Die Ökonomie von Gut und Böse) meinte im Kontext der Masslosigkeiten der Finanzkrise, dass Philosophen und Mütter und Religionen den Menschen immer zur Mässigung gemahnt haben. Wie kommt er denn dazu, Weisheit mit Müttern zu assoziieren?

Der wichtigere Fakt, dem man sich stellen muss, ist jedoch, dass Mädchen und Frauen, in dem, was mit zum Höchsten menschlicher Kultur gehört, sich ein paar Jahre schneller entwickeln als Jungen und Männer, nämlich in Sprachintelligenz und Empathiefähigkeit. (Wer hat das denn nicht schon in der eigenen Familie beobachtet?) Damit ist nicht gesagt, dass Empathie von den dazu Befähigten immer zum Guten eingesetzt wird. (Hollstein weist ja zu Recht darauf hin, dass Männer und Frauen in gleichem Masse gewalttätig sind, wobei Männer stärker zu sichtbarer physischer Gewalt tendieren und Frauen zu weniger sichtbarer Kontrollgewalt und verbaler Gewalt.) Auch ist unstrittig, dass eine jungengerechte Pädagogik jenem Entwicklungsrückstand Rechnung tragen muss, aber dass ein normaler, weiblicher Lehrer (von den wenigen feministisch radikalisierten einmal abgesehen) mit der richtigen akademischen Ausbildung das weder einsähe noch fertigbrächte, ist ja vollkommen lächerlich, zumal ein Mädchen das hier Geschriebene im Schnitt ja zwei Jahre früher intellektuell erfasst als ein Junge.

Will Hollstein so weit gehen, das – wie er sagt – ideologisch und normativ höhergestellte Weibliche mit Sprachkompetenz und Empathiefähigkeit zu identifizieren, nur weil Buben sich anfangs (!) damit schwer tun? Hoffentlich nicht, denn dann sind Bücherschreiben und Bücherrezensieren nämlich überaus weibliche Tätigkeiten. Wie man weiss, gewinnt in unserem Nachbarland Frankreich ein Politiker erst richtig an Gewicht, wenn er ein anspruchsvolles Buch geschrieben hat, nicht wegen einer besonders kraftvollen Tat. Und auch Bönt, der früher Physiker war, hätte dann das männliche Weltabenteuer seiner kosmologischen Forschungen an den Nagel gehängt, um sie gegen die Innerlichkeit der renommierteren weiblichen Schriftstellerei auszutauschen.

Na ja, vielleicht steckt darin ja ein Körnchen Wahrheit. Aber der Trost für alle Männer – sie brauchen ja Vorbilder – ist doch, dass sie in den als feminin verdächtigten Sprachangelegenheiten doch immer wieder klare Spitzenpositionen errungen haben. Wie ihnen das gelingt, kann der Autor seinen Lesern ja gelegentlich mal erklären.

Fazit:

Am schwächsten ist Hollstein da, wo er die soziologische Analyse verlässt, vordergründig argumentiert und unnötig stark die Geschlechterdifferenzen betont. Als Soziologe weiss er doch, dass die Bandbreite der Ausprägung einer bestimmten Eigenschaft unter Männern (oder Frauen) viel grösser ist als der Unterschied der geschlechterspezifischen Mittelwerte.

Aber auch ich weiss, dass er das weiss und dass er im Eifer des Gefechtes halt ein bisschen zu medientauglich geschrieben hat. Sein “enger Frauenkäfig” ist zu einem guten Teil nur der anstrengende Zivilisationskäfig zur Ausbildung der intellektuellen Fähigkeiten. Dass er von vielen weiblichen Menschen bewacht wird, ist nicht so schlimm, wie er tut. Trotzdem vier Sterne.

Was vom Manne übrig blieb: Das missachtete Geschlecht

Autor: Walter Hollstein
Taschenbuch: 308 Seiten
Verlag: Opus Magnum; Auflage: 2., komplette überarb. Auflage (2. Oktober 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3939322571: amazon

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